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18. Stockholm Film Festival

Stockholm
15.-25.11.07
Eagle vs. Shark (NZ 2007) von Taika Waititi

Am Ende war der Anfang

Von Nina Schattkowsky Traditionell von bescheidenem Wetter begleitet, waren es vor allem das ambitionierte Programm und der direkte Kontakt zwischen Publikum und Regisseur, mit dem das Stockholm Film Festival 2007 in die Kinos lockte. Und die Besucher waren zahlreich. Mit 170 Filmen aus 40 verschiedenen Ländern bot das Festival den Stockholmern einen willkommenen Gegenpol zum beschränkten Repertoire der heimischen Kinolandschaft. Auch wenn die Sektion »American Independents« durchaus Kandidaten des klassischen amerikanischen Erzählkinos beherbergte, gaben vor allem der Wettbewerb und Sektionen wie »All you need is talent« jungen und frischen Filmen eine Stimme.

Zumindest zu den Jungen zählt nach wie vor der schwedische Filmemacher Josef Fares, dessen Film Leo das Festival eröffnete. Zwar nach Erfolgen wie Jalla! Jalla! (2000) und Kops (2003) schon der vierte Spielfilm des gebürtigen Libanesen, macht Leo dennoch den Eindruck eines Erstlingsfilms. Körnige lange Einstellungen, die das Medium zu entdecken scheinen, zeigen die eher konventionelle Rachegeschichte des dreißigjährigen Leo. Wie in seinen vorherigen Filmen thematisiert der gebürtige Libanese Fares die traditionelle Geschlechterrolle des Mannes; hier als Beschützer und Rächer. Auch wenn der Film nicht unbedingt herausstach, war zumindest die Medienpräsenz von Josef Fares nur von Gästen wie Paul Schrader und Wes Anderson übertönt. Denn nicht zuletzt ist das erste Mal seit Gründung des Festivals einem schwedischen Film die Ehre der Eröffnung zuteil geworden.

Leo, zum Teil mit Laiendarstellern besetzt, verkörperte nicht jenen Trend, der das Festivalprogramm zeichnete: den der wiederkehrenden Gesichter. Dominierend dabei die immer naive und verwundbare Samantha Morton, deren drei starke Darstellungen, sogar alle im Wettbewerbsprogramm vereint waren. Als Marilyn Monroe-Double in der skurrilen Außenseitergeschichte Mister Lonely, als Ehefrau eines Rockstars in Control und als Parkwächterin in der einsamsten Stadt der Welt in Expired. Letzterer Film war auch eine wunderbare Gelegenheit, den vielgescholtenen und als schwierig verrufenen Jason Patric (ebenfalls ein zweites Mal zu sehen in In the Valley of Elah) wiederzuentdecken. Mit einer schauspielerischen Glanzleistung, die ihm nicht überraschend den Preis als bester männlicher Darsteller einbrachte, macht Patric in der Rolle eines narzißtischen, cholerischen und unsicheren Parkwächters das detaillierte und gut getimte Figurenballett komplett. Eine Konstellation, die sich im neuseeländischen Beitrag Eagle vs. Shark, auf leicht abgewandelte Weise sehr sehenswert wiederholt.

Es sind die schauspielerischen Leistungen, die einzelnen Figuren, weniger die Geschichten, die das Festivalprogramm zeichnen. Dieser Eindruck gipfelt im mexikanischen Wettbewerbsbeitrag Silent Light, in dem ein Mann langsam und schmerzhaft sein eigenes Schicksal und das seiner Familie zerstört. Die gesamte Handlung spielt sich sehr langsam mit dokumentarischen Elementen aus einer Beobachterperspektive ab, was die Tragik und Wirkung des Films noch vergrößert. Angesiedelt in einer mexikanischen Menonitengemeinschaft bieten Religion und Natur Ansätze für den Zuschauer, eigene Erklärungen zu finden. Anfang und Ende der 153 Minuten bilden Sonnenauf- und Sonnenuntergang. Der Kreis schließt sich am Ende des Films.

Während des Festivals verkündete Paul Schrader in einer großen schwedischen Tageszeitung das Ende des Films in einer Zeit der Medienalternativen und regte so zum Nachdenken über die Trends des Stockholm Film Festivals an. Wenn das Festival also die Zukunft des Films andeuten will, dann scheint uns eine schleichende Abwendung vom Erzählkino hin zu stimmungs- und wirkungsvollen Inszenierungen bevorzustehen. Eine Abwendung vom narrativen und hin zum visuellen Kino. Vielleicht also eine Rückwendung zum Anfang? Zur Lokomotive, die in den Bahnhof fährt? Zum Lumièreschen Familienalltag? Wir werden sehen. 2007-12-03 11:58
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