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7. FILMZ – Festival des deutschen Kinos

Mainz
28.11.-2.12.07
Margarethe von Trotta war die Reihe »Rückblende« gewidmet

Ausbruch aus dem Plattenbau

Von Marcus Kirzynowski Die deutsche Realität des Jahres 2007 ist hart und grau. Diesen Eindruck hinterläßt zumindest der Wettbewerb des 7. FILMZ – Festivals des deutschen Kinos in Mainz. Perspektivlosigkeit macht sich breit unter den oft jungen Protagonisten. Aber immer wieder finden sie etwas, das sie der Tristesse entgegensetzen können: Freundschaft und Solidarität oder den Versuch, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, jenseits der verlogenen Moral der Mehrheitsgesellschaft. Aber manchmal bleibt ihnen auch nur blinder Haß und sinnlose Gewalt. Zehn Spielfilme junger deutscher Regisseure traten im Wettbewerb um den Publikumspreis an. Gut die Hälfte handelte von jungen Frauen und Männern zwischen 18 und Mitte 20, die ihren Platz im Leben suchen. Gleich zwei Filme spielten in der trostlosen Atmosphäre einer Plattenbausiedlung: In Julia von Heinz’ Was am Ende zählt steht sie in Berlin, wo zwei ungleiche Frauen einen seltsamen Pakt über ein ungeborenes Baby abschließen.

In Niels Lauperts Sieben Tage Sonntag ist es ein Leipziger Plattenbauviertel, in dem Adam, Tommek und ihre Kumpels abhängen wie jeden Tag, weil es für sie nichts anderes zu tun gibt. Adam ist in die ambitionierte Sarah verliebt, traut sich aber nicht, ihr seine Gefühle zu zeigen. Stattdessen begibt er sich mit dem gewalttätigen Tommek auf sinnlose Zerstörungsstreifzüge. Aus der Langeweile heraus beschließen die beiden, den Nächstbesten umzubringen, der ihnen nachts über den Weg läuft. Lauperts Debütfilm basiert zu 99 Prozent auf Tatsachen, auf einem Mord, der sich 1996 in Polen tatsächlich so ereignet hat. Mit großer visueller Kraft folgt der Regisseur seinen jugendlichen Protagonisten durch eine unwirkliche Betonwüste, die wirkt wie eine Mondlandschaft, nicht dafür geschaffen, daß dort Menschen leben. Er liefert bewußt keine Erklärung für die unfaßbare Tat. »Die Geschichte hätte an jedem Punkt durch eine Kleinigkeit auch ganz anders verlaufen können«, erklärte Laupert nach der Vorführung. Als Zuschauer erlebt man die Langeweile der Figuren hautnah mit, ohne daß der Film selbst jemals langweilig würde. Hervorragende Jungschauspieler, allen voran Ludwig Trepte als Adam, verkörpern glaubhaft die innere Zerrissenheit der Charaktere: Ein böser Mensch ist dieser Adam nicht. Aber zum ersten Mal in seinem Leben etwas fühlen kann er erst, nachdem er einen wehrlosen Menschen abgestochen hat.

Beim Wettkampf um den Publikumspreis, das »Mainzer Rad«, wurden diese beiden Filme knapp von einem weiteren Debütfilm geschlagen. Auch Florian M. Böders Nichts geht mehr zeigt zwei junge (Anti-)Helden, die Brüder August und Konstantin, die nicht so recht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Aus Spaß bemalen sie nachts Verkehrsampeln in ihrer Heimatstadt Bochum. Als Tags darauf der Verkehr zusammenbricht, werden sie als Terroristen gejagt, aber auch gefeiert. Dabei verfolgen sie keinerlei politische Ziele, ihr Protest ist hohl, er hat keinen Gegner. Böder ist eine herrlich skurrile Komödie mit einigen leiseren, ernsten Momenten gelungen. Oft erinnert sie an Hans Weingartners Die fetten Jahre sind vorbei. Aber anders als dieser nimmt Böder keine politische Haltung ein. Das macht seinen Film seltsam sinnfrei. Alles, was die jungen Leute wissen, ist, daß sie nicht einverstanden sind.

Neben einem Überblick über das vielfältige Schaffen junger deutscher Regisseure bot FILMZ auch in diesem Jahr wieder eine Gelegenheit, zurückzublicken auf ein Stück deutscher Filmgeschichte – ein hoch lebendiges allerdings. Mit Margarethe von Trotta war die Rückblende einer der großen Regisseurinnen des Neuen Deutschen Films gewidmet. Neben der Wiederbegegnung mit fünf ihrer Filme konnte man von Trotta auch selbst über ihre Arbeit sprechen hören. Dabei erzählte sie sehr offen, wie schwer es ist, als Frau in Deutschland Filme machen zu können. Ausdrücklich betonte sie, daß sie sich nie als rein politische Regisseurin gesehen habe: »Beim Einatmen bin ich politisch, beim Ausatmen persönlich.« Beides gehöre eben immer zusammen, so wie sie es auch in ihrem Film über Rosa Luxemburg zeigen wollte, deren Privatleben in der DDR nie thematisiert werden durfte.

Das Schöne am Mainzer Festival ist, daß es so klein ist, daß sich Publikum und Filmemacher immer wieder begegnen können, auch wenn durch die diesjährige Verlegung in die sterile Umgebung des Cinestars ein wenig von der Atmosphäre verlorenging. Dafür lockerte das überwiegend studentische FILMZ-Publikum den üblichen Multiplexbetrieb gehörig auf. 2007-12-10 12:00
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