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39. Ungarische Filmwoche

Budapest
29.1-5.2.2008
Milky Way von Benedek Fliegauf

Jenseits von Hollywood

Von Ekaterina Vassilieva Vor 100 Jahren entstanden in Ungarn die ersten Filmproduktionen. Sofort sahen sich die nationalen Filmemacher vor die schwierige Aufgabe gestellt, die Filme mit dem unverwechselbaren ungarischen Kolorit zu drehen und gleichzeitig den hohen Ansprüchen der internationalen Filmindustrie zu genügen. Und heute wie damals verspricht man sich von dieser Kombination den Erfolg: Das eigentlich »Ungarische« manifestiert sich dabei meist in der Themenauswahl, während die Ästhetik eher an die westlichen Vorbilder angelehnt erscheint. Die vertrauten filmischen Verfahren werden jedoch so innovativ umgesetzt, daß daraus bisweilen eine neue Filmsprache entsteht, welche die dem westeuropäischen Zuschauer bekannten ästhetischen Strategien eher perfektioniert als nachahmt. Die Leichtigkeit und Eleganz, mit der sich das ungarische Kino sowohl im Genre- als auch im Autorenfilm bewährt, ist somit der wichtigste Eindruck, den die 39. Filmwoche in Budapest hinterlassen hat.

Schon das Dokumentarfilmprogramm, das das Festival eröffnete, hat nicht nur thematische Vielfalt und gesellschaftspolitische Brisanz vieler Beiträge demonstriert, sondern vor allem den hohen künstlerischen Anspruch. Unter den Themen, die die ungarischen Dokumentarfilmemacher heute beschäftigen, gilt das besondere Interesse der Auseinandersetzung mit den traumatischen Ereignissen der Vergangenheit, wie dem zweiten Weltkrieg, der Deportation der Juden und der sowjetischen Besatzung, die die kollektive Erinnerung immer noch intensiv beschäftigen. Der Film von Richárd Schuster Missing Pages (Három hiányzó oldal) beschreibt sehr eindringlich die Erinnerungsarbeit seiner 86jährigen Protagonistin, die ihre erste große romantische Beziehung rekapituliert, die durch den Abtransport des Geliebten in ein Arbeitslager gewaltsam unterbrochen wurde. Aber um sich der Vergangenheit zu stellen, muß sie noch fehlende Episoden ergänzen, die sie lange Zeit aus ihrem Bewußtsein gebannt hatte. So beginnt die aufregende, aber auch qualvolle Suche nach verlorenen Seiten aus der persönlichen Geschichte, wobei gleichzeitig auch ein Stück der Geschichte des ganzen Landes rekonstruiert wird. Während sich Missing Pages mit den Schicksälen der ungarischen Juden in der historischen Perspektive beschäftigt, widmet Csaba Talán seinen Film Staying (Maradunk) der gegenwärtigen Lage einer anderen nationalen Minderheit, der Roma. Mit viel Sympathie beobachtet er den Alltag einer Roma-Familie in Budapest, lauscht ihren Träumen, Ängsten und Hoffnungen, die sich vor allem auf den Sohn Máté konzentrieren, der es eines Tages besser haben soll. Dieser Film berührt auch ein anderes Thema, das im Dokumentarfilmprogramm ebenfalls stark vertreten war: das Leben am Rande der Gesellschaft. So begleitet die Kamera in Edit Köszegis Film Life Number Eleven (A 11. élet) einen obdachlosen Alkoholiker durch seine Essens- und Sinnsuche. Was dabei als Ergebnis herauskommt, ist nicht nur soziale Sensibilisierung des Zuschauers, sondern die Einsicht in die globalen Fragen des Seins, die gerade dort mit beunruhigender Intensität zum Vorschein kommen, wo die Existenz auf ihr Minimum reduziert ist. Eine überzeugende Allianz zwischen Kunst- und Dokumentarkino ist auch Ferenc Moldoványi mit seinem Film Another Planet (Másik bolygó) gelungen, der übrigens in der Spielfilmsektion lief. Durch die sorgfältig konstruierte Dramaturgie und kunstvolle Kameraführung wird den Beobachtungen, die unmittelbar der Realität entnommenen sind, eine mythologische Gültigkeit verliehen. Bemerkenswerterweise verlieren die in unterschiedlichen Teilen der Welt aufgenommenen Bilder der Kinderarbeit durch die ästhetische Überhöhung nichts von ihrer schockierenden Härte, sondern wirken um so eindringlicher.

Das eigentliche Spielfilmprogramm kam am Thema der Vergangenheitsbewältigung, das einen der Schwerpunkte der Dokumentarfilmschau bildete, ebenfalls nicht vorbei. Die Suche nach eigenen Wurzeln und die langsame Rückkehr der Erinnerung sind Leitmotive der von Szabolcs Tolnai realisierten Verfilmung des autobiographischen Romans des jugoslawischen Autors Danilo Kiš Hourglass (Fövenyóra). Die Geschichte des Jungen, der während des Zweiten Weltkrieges die Verfolgung seiner halbjüdischen Familie durch die Nationalsozialisten miterleben muß, ist bei Szabolocs in realistische und zugleich sehr metaphorische Schwarzweißbilder gebannt, die nicht nur inhaltlich, sondern vor allem ästhetisch eine Annäherung an die literarische Vorlage suchen. György Szomjas setzt sich in The Sun Street Boys (A Nap utcai flúk) dagegen mit der Nachkriegszeit auseinander, indem er die Ereignisse des Aufstandes gegen den sowjetischen Einfluß im Jahre 1956 thematisiert. Eine Gruppe junger Männer kämpft auf den Straßen von Budapest um die nationale Unabhängigkeit, ist jedoch angesichts der militärischen Übermacht der Sowjets dem Untergang geweiht. Der Film bietet optisch reizvolle Aufnahmen, die jedoch für die Simplizität der Story und die plakative Aussage nicht entschädigen können. Bleibt nur zu hoffen, daß dieses spannende Kapitel der ungarischen Geschichte in Zukunft mehr filmische Werke hervorbringt, die sich auf einem anderen Reflexionsniveau bewegen.

Trotz des offensichtlichen Interesses an der Vergangenheit, das sich im Festivalprogramm bemerkbar machte, war die Handlung der meisten Spielfilme in der ungarischen Gegenwart angesiedelt, wobei sich auffällig viele Produktionen auf Frauenschicksale fokussierten. In Off Hollywood skizziert Szabolcs Hajdu einen Tag aus dem Leben einer erfolgreichen Regisseurin, die gerade Premiere ihres neuen Films feiert und daraufhin einen Nervenzusammenbruch erleidet. Die Welt der Filmindustrie wird dabei in schriller, an Almodóvar erinnernder Manier gezeichnet. Der tragische Überdruß und die frustrierende Orientierungslosigkeit drängen sich aber zunehmend in den Vordergrund. In Panic (Pánik) von Attila Till, der ebenfalls eine Frau »am Rande des Nervenzusammenbruchs« abbildet, wird das Problem des sinnentleerten Lebens in einer eher humoristischen Weise gelöst, was auch am Ende eine Erleichterung verschafft und genug Raum für Hoffnung läßt. Wenig Hoffnung gibt es dagegen in Anna Faurs Film Girls (Lányok), der realen Tatsachen nachempfunden ist und einen schockierenden Kriminalfall rekonstruiert: Ein Taxifahrer wird von zwei weiblichen Teenagern umgebracht. Die Regisseurin versucht, die Gemütslage und Motive ihrer Protagonistinnen nachzuempfinden und konfrontiert die Zuschauer dabei immer wieder mit einem Rätsel, denn die innere Welt der Mädchen erscheint umso verschlossener je offener sie ihre Körper und ihre Sexualität zur Schau stellen. Die Tragödie ergibt sich also nicht nur aus der konkreten Tat, sondern aus der Unmöglichkeit der Kommunikation und dem Fehlen einer sinngebenden Lebensgrundlage.

Die sensationellsten Beiträge des Festivals waren jedoch diejenigen, die auf die genaue Verortung – sei es in der Geschichte oder in der Gegenwart – verzichteten und stattdessen eine parabelhafte Darstellungsweise gewählt haben, wie zum Beispiel Kornél Mundruczós Delta, der gleich auf zwei klassische Narrative zurückgreift – »Hamlet« von Shakespeare und »Elektra« von Euripides – um auf dieser Grundlage eine höchst symbolische, zeitübergreifende Geschichte zu erzählen, die mit dem Hauptpreis des Festivals honoriert wurde. Ein anderer Film, der großes Aufsehen erregt hat und bereits in Locarno mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet wurde, ist Milky Way (Tejút) von Benedek Fliegauf, der gänzlich ohne Dialoge auskommt und in jeder Episode jeweils mit nur einer einzigen Breitwinkeleinstellung arbeitet. Vor unseren Augen werden seltsame, zum Teil makaber anmutende Handlungsabfolgen zelebriert, die trotz des minimalistischen Settings eine beinah paradoxe Schönheit ausstrahlen.

Insgesamt hat die Filmwoche in Budapest einen beeindruckenden Überblick über die ungarische Filmlandschaft des letzten Jahres gegeben und die spannenden kinematographischen Entwicklungen präsentiert, die hoffentlich auch auf internationaler Ebene das Kinopublikum erreichen werden. Bis dahin bietet sich für Cineasten nur eine Pilgerfahrt nach Budapest an oder – für Berliner unter ihnen – der Gang in die neuen Räumlichkeiten von Collegium Hungaricum, wo bis zum 26. Februar die Ausstellung »Cinema Total. Film als bildende Kunst« stattfindet und darüber hinaus Milky Way von Benedek Fliegauf in einigen Vorführungen zu bewundern ist. 2008-02-19 10:01
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