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8. Nippon Connection

Frankfurt am Main
2. – 6. April 2008
Der Festivalgewinner: Fine, Totally Fine

Radikale in der Geisterbahn

Von Markus Fritsch Mit Fine, Totally Fine von Yosuke Fujita gewann eine Komödie den mit 2.000 Euro dotierten Publikumspreis »Nippon Cinema Award« des japanischen Filmfestivals. Vom 02.-06 April fand zum achten Mal die »Nippon Connection« in Frankfurt statt. Über 16.000 Besucher wurden an den fünf Apriltagen gezählt. Die »Nippon Connection« wird mittlerweile von vielen japanischen Regisseuren als das wichtigste Festival im Ausland gesehen. Unter der Schirmherrschaft des japanischen Generalkonsulats und der Johann Wolfgang Goethe-Universität wurden 150 Filme gezeigt, die als Deutschland- und Europapremieren aufgeführt wurden. Insgesamt bot das Festival einen legeren, umfassenden und aktuellen Einblick in die japanische Filmindustrie und Kultur. Wie üblich, bot die »Nippon Connection« eine Kinokultur zum Anfassen. Nach dem Film waren Gespräche mit Schauspielern und Regisseuren möglich.

Zunächst fühlte man sich an die eigene Studienzeit erinnert, da in den frühen Nachmittagsstunden hauptsächlich Frankfurter Studenten das Campuszentrum bevölkerten. So hatte man Zeit, das Rahmenprogramm »Nippon Culture« zu besuchen, welches ein weites Spektrum japanischer Sinneseindrücke bot. Von traditioneller Teezeremonie, japanischer Hofmusik bis zur modernen Kultur mit Karaoke-Bar, Mangazeichenkurs und Gamecenter. Gegen Abend kamen die japanischen Regisseure und Schauspieler, sowie einige bekannte Kritikergesichter. Das Programm war in drei Kategorien unterteilt. »Nippon Cinema« bot einen breiten Überblick über aktuelle japanische Kinoproduktionen und zog die meisten Zuschauer. »Nippon Digital« präsentierte Animations-, Kurz- und Dokumentarfilme mit einigen Geheimtips. »Nippon Retro« widmete sich Animationskurzfilmen von 1960 bis heute.

Obwohl der Fokus in diesem Jahr auf politisch kontrovers diskutierten Filmen wie United Red Army (Koji Wakamatsu), Yasukuni (Ying Li) und Wings of Defeat (Risa Morimoto) lag, gewann die schräg-lustige Komödie Fine, Totally Fine überzeugend den Publikumspreis. Der absurde und humorvolle Plot eines schrägen Dreiergespanns wird von Regisseur Fujita mit viel menschlicher Wärme erzählt. Teruo, Sohn eines Secondhand-Buchladen-Besitzers, hat den Traum, die schrecklichste Geisterbahn der Welt zu bauen. Seit seiner Kindheit teilt er mit seinem Freund Hisanobu das Hobby, Menschen zu erschrecken. Mit fast dreißig Jahren jagen sie immer noch diesem Wunsch nach. Als Akari, eine extrem tollpatschige und hübsche Malerin, in dem Buchladen zur Aushilfe angestellt wird, verlieben sich beide Männer in sie. Fine, Totally Fine ist rasant, leichtfüßig, herzerwärmend erzählt und enthält viel Situationskomik. Der Film ist eine Hommage an die Verlierer des Alltags, die keinen Erfolg, aber ihre Menschlichkeit bewahrt haben.

Konträr dazu erzählt der Film United Red Army die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte der japanischen Roten Armee Fraktion, die ähnlich wie in Deutschland aus den politischen Unruhen von 1968 entstanden ist. Gleich zweifach wurde der Film auf der diesjährigen Berlinale ausgezeichnet. Dieser äußerst intensive Film von Koji Wakamatsu zeigt dokumentarisch und kammerspielartig die Selbstzerfleischung der radikalen Studenten im Untergrund. In den verschneiten Bergen Japans endet die menschliche Tragödie in einem Showdown mit der Polizei. Obwohl der Film über drei Stunden lang ist, wirkt er zu keiner Sekunde langweilig, sondern zeigt dem Zuschauer, was für Schrecken der gewaltvolle Kampf nach politischen Idealen birgt, der das Menschliche aus den Augen verloren hat. Wakamatsu kannte viele der realen Protagonisten persönlich. In Japan hat der Regisseur den Ruf eines Enfant terrible, da er politische Sexfilme drehte.

Mit Yasukuni von Ying Li sei ein weiteres Highlight des Festivals genannt, das zur Zeit in Japan für großen politischen Wirbel sorgt. Der Yasukuni-Schrein ist eine 1869 gebaute Gebetsstätte in Tokio, wo Kriegsopfern und Verbrechern gemeinsam gehuldigt wird. Diesen religiösen, umstrittenen Ort und die Menschen, die ihn besuchen, porträtiert Ying Li. Die Aufführungen in Japan mußten vielfach abgesagt werden, da es Drohungen nationalistischer Gruppen gab. Mit über 700 Filmproduktionen im letzten Jahr boomt Japans Filmindustrie. Zusammen mit »Nippon Culture« ist das Festival das Größte weltweit und nicht nur für den Japan-Freak ein echtes kulturelles Ereignis. Die Filme werden nun in einer Auswahl auf Tournee gehen. 2008-04-14 10:41
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