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27. Internationales Filmfestival Istanbul

Istanbul
5. – 20. April 2008
Preisverleihung beim Filmfestival Istanbul (Foto: Christine Prinzing)

Zwischen Tradition und Fortschritt

Von Christine Prinzing Mit »abgedrehten« Werbeplakaten (Zelluloidmumien in schwarz auf weißem Hintergrund) machte in Istanbul das 27. Türkische Filmfestival auf seinen Movie-Marathon vom 5. bis 20. April aufmerksam. Dreh- und Angelpunkt des Festivals war die Einkaufsmeile Istiklal Caddesi. Bis in die tiefe Nacht brodelte die Stimmung in überfüllten Restaurants und heißen Tanzbars – mitten drin das Festivalzentrum mit seiner Kinomeile. Der Spagat zwischen Moderne und Tradition ist nicht nur auf der Straße zu sehen: bröckelnde Fassaden der Jahrhundertwende, abgerockte Hinterhofcafés, bettelnde Straßenmusiker im Kontrast zu gestylten Rooftopbars, Edelboutiquen und Businessfrauen mit Handy. Die wilde Mischung, selten so nah beieinander zu bewundern, war auch eine Spiegelung der Themen des angebotenen Filmprogramms. Neben Klassikern, Dokumentarfilmen, Filmgesprächen und einer Retrospektive, konzentrierte sich das Festival auf den internationalen und nationalen Wettbewerb. Alle Filme im Programm reflektierten neue Sichtweisen und Gefühle aus unserer Zeit und der Vergangenheit.

Die Themenschwerpunkte im nationalen Wettbewerb waren sehr spezifisch abgesteckt: Familie, Tradition und Bewältigung von Ängsten bezüglich des Verlustes alter Werte. Diese Auseinandersetzung der Filmemacher beeindruckte die Jury so, daß auch der internationale Hauptpreis »Golden Tulip« an einen nationalen Film ging: Yumurta (Egg) von Semih Kaplanoglu. Sein Film bildet den Auftakt zur Yumurta-Trilogie (Egg, Milk and Honey) und erzählt die Geschichte des Dichters Yusuf, der nach dem Tod seiner Mutter in sein Heimatdorf zurückkehrt, wo er sich mit einer Welt konfrontiert sieht, mit der er bereits abgeschlossen glaubte. Der Film wurde bereits zuvor mit internationalen Preisen ausgezeichnet, u.a. für die beste Regie beim Bangkok World Film Festival und beim Sevilla Film Festival.

Der Hauptpreis des nationalen Wettbewerbs ging an Tatil Kitabi von Seyfi Teoman. Mit ruhigen und sensiblen Bildern beobachtet der Regisseur die Reaktionen einer Dorffamilie in Anatolien. Nach dem Tod des strengen und traditionsbewußten Vaters wird sein kleiner Sohn Zeuge der Trauerarbeit in der Familie, was sein Leben einschneidend verändert. Ein Film mit eigenwilliger Bildästhetik und Aufbau: lange Einstellungen, reduzierte Dialoge und viele Aussparungen in der Dramaturgie. Eine moderne Methode des Erzählens von Themen der alten Welt, gefühlvoll in Szene gesetzt ohne Verwendung von Musik – uußergewöhnlich und sehenswert.

Der zum zweiten Mal verliehene Human Face Award ging an China mit dem Film Mang Shan von Li Yang. In dem Film wird eine junge Frau als Braut in ein nordchinesisches Bergdorf verkauft. Fluchtversuche scheitern, niemand will und kann ihr helfen. Li Yang zeigt ein archaisches China der 1990er ohne durchsetzbare Rechte. Ein Land mit dramatischen Gegensätzen zwischen Stadtmetropolen und Provinzen, Mechanismen also, die auch in der Türkei noch nicht überwunden sind. Mit gutem Recht ging der »EU-Preis für Human Rights in Cinema« an diesen Film, der jedoch nicht nur als politisches Statement, sondern auch als eindrucksvoller Beitrag des Weltkinos beachtet werden sollte.

Etwas überraschend, aber erfreulich für den deutschen Film: Der »Special Price of the Jury« ging an Die Welle von Dennis Gansel. Der heiß diskutierte Film über Gefahren und Funktionsweisen des Gruppenzwangs im Nationalsozialismus projiziert auf unsere Gegenwart, fand internationale Beachtung und zog eine Erfolgswelle nach sich.

Am Ende muß der FIPRESCI Award noch erwähnt werden, denn der ging an ein Filmjuwel: Ben X von Nic Balthazar aus Belgien, ein Film, der unter die Haut geht. Am 8. Mai startet er in die deutschen Kinos und ist ein Pflichttermin. In Istanbul waren alle Vorstellungen ausverkauft, und falls man das Glück hatte, noch einen Platz zu bekommen, war das Endresultat Betroffenheit und verweinte Augen. Der Film verschafft Einblicke in die Welt eines autistischen Jugendlichen und basiert auf einer wahren Geschichte. Ben X führt in die Welt der Online-Games, zeigt Ausgrenzung, soziale Kälte, Mobbing sowie »Happy Slapping« und ist zugleich eine Ode an Freundschaft, Familie und stabile Bindungen, ohne die wir nicht glücklich leben könnten. Nic Balthazar gelingt das Kunststück, dies alles mit Leichtigkeit und viel Sensibilität spannend unter einen Hut zu bringen.

Das Filmfestival Istanbul ist eine ideale Plattform zur Entwicklung des Films in der Türkei und internationaler Produktionen. Am 20. April endete es erfolgreich mit der feierlichen Preisverleihung im Kulturzentrum für Kunst – das nationale und internationale Interesse war nie größer. Für 2009 sind die ersten Zeitweichen gestellt und mit Vorfreude bei Cineasten und Filmschaffenden rot im Kalender notiert. 2008-04-24 14:27
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