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61. Festival de Cannes

Cannes
14. – 25. Mai 2008
09

Todesfugen

Von Dieter Wieczorek
Cannes geht dem Ende entgegen, und gleich drei Filme konfrontieren uns mit der Frage, wie zu leben sei. Die US-amerikanische, dramaturgisch aufgeladene Variante liefert Charlie Kaufmann mit Synecdoche, New York. Ein erfolgreicher Theatermacher wird plötzlich von deutlichen Symptomen einer tödlichen Erkrankungen befallen. Völlig aus der Bahn geworfen muß er gleichzeitig hilflos dem klanglosen Ende seiner Ehe und Auszug seiner Frau und Tochter zusehen, während seine Geliebte ihm wegen unzureichender Leidenschaft davonläuft. Doch in einem US-Film bekommt ein solcher Mann die Möglichkeit, ……


08

Aufbrüche in die Fremde

Von Dieter Wieczorek
Es sind die Glücksmoment des Kinophilen, wenn plötzlich Kino mehr ist als Story, schöne Bildwelt oder intellektuelle Montagearbeit. Wenn die Kamera in eine fremde Umgebung taucht, Hunderte von Details und Eindrücke registriert, die kein Exotik- oder Extremtourismus liefern kann, Bilder, die eine große Vertrautheit des Filmemachers mit sehr spezifischen Situationen zur Voraussetzung haben, neben Geduld, Beobachtungstalent und dem Glück, am rechten Ort zur rechten Zeit zu sein, um das Unfabrizierbare einzufangen. Tulpan des aus Kasachstan stammenden Sergey Dvortsevoy ist ein solcher Mikrokosmos, ……


07

Kurzfilme in Cannes

Von Dieter Wieczorek
Von den über 2.000 Einreichungen für den internationalen Kurzfilmwettbewerb sind es dieses Jahr nur neun Filme, die auserkoren wurden. Wieder einmal steht Cannes an der Spitze einer Statistik, diesmal jedoch der der kleinsten Chance für einen Film, erwählt zu werden. Umso größer die Erwartungen an die Happy Few, doch sie wurden, um es kurz zu sagen, enttäuscht.

Einige der Werke wirken schlicht, als ob sie plötzlich aus Kosten oder Zeitgründen abgebrochen worden wären, ohne daß der Bruch selbst irgendeinen Sinn macht. Diese Kurzfilme wirken eher wie Visitenkarten junger Talente, die ……


06

Jenseits von Gut und Böse

Von Dieter Wieczorek
Eigentlich ist Tony Manero im gleichnamigen Film von Pablo Larraín ein ganz gewöhnlicher Mensch, lediglich unter starkem sozialen Streß und von dem ihn ständig der Lächerlichkeit preisgebenden Phantasma gezeichnet, die Reinkarnation John Travoltas zu sein, dessen auf der Kinoleinwand gesprochenen Worte er immer wieder wie in Trance nachhechelt. Um den heruntergekommenen familiären Tanzschuppen mit dem Hauch von Glamour auszustatten, zögert er keine Sekunde, auch mal eine ältere Dame totzuschlagen und zu berauben, deren Vertrauen er als scheinbar hilfsbereiter Mann gerade gewonnen hatte. ……


05

Dechiffrierungen

Von Dieter Wieczorek
Endlich ein Film, der sich unmittelbar dem Verhältnis von audiovisuellen Aufzeichnung und der Wirklichkeitserfassung stellt. Nach Gus van Sants Paranoid Park bietet Cannes erneut einen Film, der an den Ort zurückkehrt, wo die Weltmacht ihre nächste Generation fabriziert: das US-amerikanische College. Und dieser Ort ist von der ersten Einstellung an von Perversion und verdrängtem Unbehagen gekennzeichnet. Schüler nutzen das Internet, um sich zu Sadismus und Tortur tendierende Pornos reinzuziehen oder Hinrichtungsszenarien, Schlägereien, Selbsterniedrigungen. Die Kameraführung von Jody Lee ……


04

Versäumnisse und Verfehlungen

Von Dieter Wieczorek
Eigentlich hatten sie sich auf einen ruhigen Lebensabend eingerichtet, und unglücklich sind sie auch nicht. Ihre Familie ist intakt, sie können sich kleine Freuden gönnen wie Bahnfahrten durch die Landschaft. Doch dann verliebt sich die weit über 60jährige Inge Lindner in den 76jährigen Karl, erlebt mit ihm ihre Sexualität wieder, ist hingerissen von seinem Lebenselan und seiner sinnlichen Vitalität. Gegen ihren Willen entfremdet sie sich von ihrem zeitunglesenden Mann, der sein Leben in liebgewonnene Routine getaucht hat, die sie mit ihm teilte und die ihr jetzt so öde erscheint. Der ……


03

Atemlosigkeiten

Von Dieter Wieczorek
Der Wettbewerb von Cannes weist dieses Jahr bereits zwei Werke auf, die sich unmittelbar der zunehmenden Verschärfung der sozialen (Über-) Lebensbedingungen stellen und die Spannungen gleichsam physisch an den Zuschauer weitervermittelt. Aus Brasilien kommt der Beitrag Linha de Passe von Walter Salles (Central Station) und Daniela Thomas, der in nervöser Handschrift den vier unterschiedlichen Brüdern einer vaterlosen Familie durch ihren angespannten Alltag folgt. Einer von ihnen sucht vergeblich einen Weg aus der Misere als brillanter Fußballspieler, hat aber als 18jähriger bereits keine ……


02

Enteignungen

Von Dieter Wieczorek
In der Cannes-Nebenreihe »Un certain regard« lieferte die in Bethlehem geborene Palästinenserin Annemarie Jacir ein überzeugendes Beispiel hautnaher präziser Kameraführung, die das situative Erleben ihrer Protagonisten fast schmerzhaft spürbar werden läßt. Die in Brooklyn geborene Soraya hat aufgrund einer kleinen Erbschaft zum ersten Mal die Möglichkeit, in das Land ihres Ursprungs nach Palästina zu reisen, und sie denkt nicht nur an einen Kurzurlaub. Der demütigende Empfang beginnt schon am Checkpoint mit immergleichen, selbst intimen Fragen. Es folgen Begegnungen mit zu Heimatlose ……


01

Kritische Ausleuchtung von Bilderwelten

Von Dieter Wieczorek
Kritische Stimmen behaupten, das unvorhersehbarste an diesem Festival seien die Aktionen des Jurypräsidenten Sean Penn. Der massenmedienverachtende, solide anti-Bush orientierte Schauspieler und Filmemacher, der bereits 2002 gegen den bevorstehenden Krieg protestierte, und zwar im Irak, der 2005 während einer Iranreise als Journalist den Opfern des Hurrikans Katrina körperkräftige Hilfe leistete und der auch schon mal – allerdings in jungen Jahren – einen Fotographen verprügelte und dafür einsaß, liebt den roten Teppich kaum. Sein Betrag zum Thema »11. September«, in Cannes 2002 eingespielt ……

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