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3. Festival international de Film et Video de creation

Beirut
6. – 9.5.2008
Dieter Wieczorek (Festivalleiter Signes de Nuit, Paris)

Abgebrochen

Von Dieter Wieczorek Die Eröffnung des vor vier Jahren realisierten Film- und Videofestivals in Beirut stand unter optimistischen Vorzeichen. Hier sollte eine internationale Plattform geschaffen werden, auf der Studenten, Cineasten, Videospezialisten und Kulturinteressierte sowohl neuere libanesische Produktionen sehen als auch einen Einblick in internationale Tendenzen gewinnen konnten. Das digitale Medium bot sich aufgrund seiner Flexibilität und seines geringen Produktionskostenaufwandes im besonderen Maße an, Tendenzen der Isolation und Abspaltung, kennzeichnend für die libanesische Realität, zu unterlaufen und einen Dialog zu eröffnen. Austragungsort dieser Initiative war die Academie des Beaux Arts (ALBA) in Beirut. Gründungsmitglieder waren neben der ALBA der Marler Kunstfilmpreis, die Transmediale (Berlin) und das internatonale Festival Signes de Nuit (Paris).

Das große Interesse, das dieser Auftaktveranstaltung zuteil wurde, sorgte dafür, daß die zwei Jahre spätere 2. Edition bereits in einem der größten Kinoräume in Beirut stattfand, dort allerdings unter der einschränkende Bedingung, daß alle Beiträge zunächst der Zensurstelle vorgelegt werden mußten. Diese den Intentionen der Öffnung genau zuwiderlaufende Beschränkung sorgte dafür, daß das geladene französische Festival Signes de Nuit seine Beiträge komplett und prinzipiell zurückzog, während andere Partner wie die Transmediale und das sich zum ersten Mal engagierende Filmfestival Pesaro (Italien) sich vorbehielten, bei faktischen Einschränkungen ihrer Programme ebenfalls Konsequenzen zu ziehen. Die Palette möglicher Reaktionen reichte vom Rückzug einzelner Beiträge bis hin zum gesamten Programm. Allerdings fanden sich auch Positionen, die bedauerten, zu spät über diesen Zensurmechanismus informiert worden zu sein, da ansonsten bestimmte Beiträge erst gar nicht eingereicht worden wären.

Im »Table ronde« der geladenen Gäste der 3. Edition des Festivals vom 6. bis 9. Mai 2008 zum Thema Globalisierung schien es gegeben, auf diese Tendenzen der Selbstzensur und der Reaktion auf Zensur zurückzukommen, und nach der Rolle heutiger weltweit reisender Kuratoren zwischen Kultur-Serviceleistung und Verteidigung interkultureller Begegnungsstätten zu fragen. Einige der professionellen Kuratoren zeigten allerdings wenig Interesse, diese Frage zu erörtern und disqualifizierten die Reflexion auf ein mögliches Unterlaufen der Zensur als »Kolonialismus«, andere unerstellten der Reflexion auf eine mögliche Ethik des Kuratierens einen pathetischen Wahrheitsanspruch, als ob es darum ginge, dem lokalen Publikum ungewollte Positionen und Arbeiten aufzudrängen. Besonders in einem Land wie dem Libanon, wo einige öffentliche Orte unter Zensurzwang stehen, andere aber, besonders die universitären Räume, davon befreit sind, stellt sich die Frage wie, wann und mit wem zu kollaborieren sei, in sehr pragmatischer Weise, ginge es doch darum, von internationaler Seite gerade diese Freiräume zu promovieren.

Das Kurzschließen von politischer Realität – in den Worten eines der anwesenden Kuratoren zum »Common sense« oder »Respekt vor den gegebenen Umständen« verschönt – und den Potentialen der Kunstreflexion und Kunstproduktion selbst in professionellen Kreisen ist schon allein deshalb fatal, da hier vergessen wird, daß Kunst kein politisches Statement, keinen Wahrheitsanspruch und kein thetisches Vorgehen verfolgt, sondern neue assoziative Freiräume zu schaffen vermag, Perspektivisierungsarbeit leistet und Öffnungen im ideologischen Blockdenken initialisieren kann. Da Künstler faktisch diese Transformationsarbeit leisten, kann die kontraproduktive Haltung institutioneller Kuratoren nur bedauert werden, dieses Potential nicht weiterzureichen und den vielleicht letzten Freiraum eines möglichen Dialoges in einer von Gewalt zerrissenen politischen Realität nicht zu nutzen.

Die 3. Edition des Film- und Videofestivals, das sich auszeichnete durch eine Vielzahl neu hinzukommender Repräsentanten wie PNEK (Oslo), das Festival Invideo (Milano), EMAF (Osnabrück), AVAM (Madrid), SHAMS (Beirut) und einem kuratierten Programm aus den Niederlanden musste wegen bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der Hisbollah und ihren moslemischen antisyrischen Gegnern am dritten Tag abgebrochen werden. Leider betraf das auch die besonders wichtigen, einen innerlibanesischen Diskurs fördernden Programme, zusammengebracht u.a. vom Festival »Né. À Beyrouth«. Doch wir sehen uns wieder, spätestens zum 4. Festival 2010 in Beirut. 2008-05-26 14:06
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