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37. Internationales Filmfestival Rotterdam

Rotterdam
23.1. – 3.2.2008
Szene aus War, God, Love & Madness

Weltbühne der Vitalität des aktuellen Films

Von Dieter Wieczorek Unter den weltweit größten Festivals wie Cannes, Venedig, Locarno, Berlin, Karlsbad und Sundance behauptet sich Rotterdam als das am weitesten aufgefächerte, nuancierteste und an kinematographischen Innovationen am meisten Interessierte. Wie in einem Großlabor bewegt sich hier das Publikum in dauernder Bewegung von einer »Exprimentierkammer« zur nächsten, findet sich in Filmreihen wie »Films that's Can't Be Told« mit einer Fülle neuer nicht-narrativer Werke konfrontiert, während gleich nebenan in der Reihe »Sturm und Drang« sehr persönlich gehaltene, mit wenig Budget entstandene Arbeiten dargeboten werden. Wiederum nur wenige Meter entfernt wird dem Willen zur Erfassung bizarrer Details in den aktuellen Gesellschaften mit fast 150 Filmen in der Reihe »Time and Tide« breiter Raum zugestanden, von dem eigentlichen Wettbewerbsprogramm, der »Tiger Award Competition« und der Fülle weiterer Sektionen ganz zu schweigen.

Das Festival in Rotterdam liefert den wohl überzeugendsten Beweis, daß alle Rede über die Krise des Kinos und den Mangel an innovativen Potentialen haltlose Polemik ist. Das Problem ist nicht eine vermeidlich geschwundene Kreativität, sondern die Unsichtbarkeit dieser Kreativität in den üblichen städtischen Kinoprogrammen, die von Umsatzinteressen bestimmt diese Werke systematisch unbeachtet und damit erst gar kein Publikum entstehen lassen, das seine Geschmack- und Sehgewohnheiten verfeinern könnte. Dabei formt der über DVD ermöglichte Zugang zur Weltfilmszene ein gut orientiertes, fachkundiges Publikum, das hier zu Tausenden in die Vorführungen strömt.

Was das Festival in Rotterdam auszeichnet, ist die Tatsache, daß hier nicht nur ausgezeichnete Filme gezeigt werden, sondern das Wechselspiel zwischen Filmproduktion und politischer und sozialer Wirklichkeit ständig mitgeleistet wird, durch Arbeiten, die den oft erstaunlichen Weg von der ersten Filmidee zur Filmentstehung und zum schließlichen Filmresultat aufzeigen. Als Beispiel sei hier lediglich Mohamed Al-Daradji irakischer Film War, Love, God and Madness zitiert, der für eine – aus westlicher Sicht fast beschämende – Weise Aufbruchwillen und Glauben der jungen irakischen Generation an die Notwendigkeit der Zurückgewinnung einer eigenen Identität allein durch kulturelle Werke dokumentiert. Al-Daradji kehrte 2003 nach Bagdad zurück, um den erst zweiten, Ahlaam betitelten Langfilm der Post-Saddam-Hussein-Ära zu drehen. Sein aktueller Dokumentarfilm zeigt auf, was es heißt, im heutigen Irak kulturelle Arbeit leisten zu wollen. Mitglieder seines Teams wurden verschleppt, gefoltert und entkamen nur durch Zufall, ein anderer Mitarbeiter läßt sein Leben. Der Film zeigt die Zweifel am Weitermachen, aber auch die Risikobereitschaft und das erstaunliche kulturelle Credo angesichts eines durch ein chaotisches Machtvakuum völlig zerrütteten Landes, in dem paramilitärische Formationen eine anarchistische Blutherrschaft betreiben, die »offiziellen« Militärs mit eingeschlossen.

Als gelungenes Beispiel für die Rotterdamer Suche nach kleinen, aber signifikanten Abweichungen von globalen und pauschalen Visionen mag Tomas Kaans Dokumentarfilm Dream City dienen. Inmitten der einstmals harmonisch zusammenlebenden, nach den von außen programmierten militärischen Interventionen heute aber unerbittlich verfeindeten Lager der Iraker, Kurden und Türken, gibt es einen kleinen Vergnügungspark, »Dream Land« genannt, in dem Familien aller Couleur nach wie vor friedlich zusammenkommen, um eine Auszeit vom täglichen, lebensgefährlichen Chaos zu suchen, in das sie anschließend zurückkehren.

Insassinnen eines irakischen Frauengefängnisses kommen in Oday Salahs One Day in Khadimiya Prison for Women in einer erstaunlich unverstellt wirkenden Weise zu Wort. Die in getrennten Gefängnisblöcken lebenden Prostituierten, Drogenabhängigen und Diebinnen lassen durch ihre Lebenswirklichkeit und Vergangenheit ein Irakbild entstehen, das in dieser Weise sonst niemals ins Blickfeld der Medien gerät.

Ein Meisterwerk subtil »passiver« Dokumentation schaffen die Libanesinnen Nadin Naous und Léna Rouxel in Chacun sa Palestine. Die heute zerstreute palästinensische Bevölkerung, hier am Beispiel von Schauplätzen in Beirut, New York, Paris und Jerusalem, kommt mit ihren abweichenden Sichtweisen auf das heutige »Palästina« zu Wort, ihren unterschiedlichen Zukunftsvisionen, Hoffnungen und Zweifeln.

Als gelungenes Beispiel der Filmreihe »Sturm und Drang«, die kinematographische Virtuosität mit dem Mut zu einem individuell fragilen Stil verknüpft, mag hier Matias Meyers Fiktion Wadley stehen. Der Film wirkt zunächst wie eine in die Länge gezogenen Wiederkehr der Wim Wenderschen Eingangszene von Paris, Texas. Offensichtlich verloren und orientierungslos, sich offensichtlich nur durch seine ziellose Schrittbewegung noch aufrecht haltend, durchquert ein Mann ohne Unterlaß steppenartige Landschaften, eine Ortschaft und Wüstenstriche, um dann in der Nacht endlich innezuhalten, nach Konfrontationen mit Memento Mori-Motiven wie Tierkadaver und Knochen, und einzukehren in eine Meditation des offenen und beängstigenden Kosmos. Mit dieser letzten Bildeinstellung der sprachlosen Suche eines Reflexes der überwältigenden Unendlichkeit in der eigenen, fragilen Existenz schafft Matias Meyer ein metaphysische Töne nicht meidendes Werk, das nicht fehlen darf in einem Festival, das sein Panorama so weit steckt wie das in Rotterdam. 2008-03-31 12:37
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