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61. Festival de Cannes

Cannes
14. – 25.5.2008
Szene aus Bent Hamers O'Horten

Ein Rückblick auf Cannes 2008

Von Dieter Wieczorek Kein Film im Wettbewerb von Cannes 2008 konnte Publikum oder Fachleute derart begeistern, daß man ihm die Goldene Palme unbedingt gewünscht hätte. Ebenfalls kein Film konnte durch audiovisuelle Kreativität oder kinematographische Innovationskraft derart punkten, daß er sich als preisverdächtig empfohlen hätte. Auf diesem Hintergrund ist die Preisvergabe an den französischen Beitrag Entre les murs durchaus legitim, da Laurent Cantets Film die Qualität zukommt, sich auf die massivste soziale und politische Konfliktzone zwischen dem offiziellen aktuellen Frankreich und den zu lebenslanger Marginalität Verurteilten zu konzentrieren, die alltägliche Realität der Elementarschulen der Pariser Peripherien. Hier treffen vorwiegend aus Emigrationsfamilien stammende Schüler, die wissen, daß diese Gesellschaft ihnen nichts mehr versprechen kann, auf überforderte Lehrer, die unter dem Druck stehen, zumindest noch Form- und Regeldenken zu vermitteln. Was am Ende eines solchen Schuljahres den Schülern in Erinnerung bleibt, ist, wie Cantet in einer brillanten Szene zusammenfaßt, von erschreckender Tristesse: Wissensdetails ohne Lebensbezug. Die Schüler vermögen ihre Frustration und Hilflosigkeit nur in Form permanenter Provokation zu artikulieren, durch die das Lehrerpersonal langsam zermürbt wird. Ihre einzige Strategie ist, die Autoritätsfigur auf die Seite ihres redundanten, vorurteilsgesättigten Sprachcodes zu ziehen. Gelingt dies, haben sie die Partie gegen das offizielle Frankreich gewonnen.

Die Preisvergabe an diesen Film löste am College, das als Drehort diente, eine Welle des Enthusiasmus’ aus, als ob die schauspielenden Schüler nun plötzlich in der offiziellen Welt reüssiert und eine der minimalen Chancen gesellschaftlicher Anerkennung ergriffen hätten. Die Stärke von Cantets Film ist, daß er keine Sieger, sondern zwei Typen von Verlierern zeigt: Lehrer in der Zwangsweste, oftmals belanglose Sujets zu vermitteln und die Wiedergabekapazität ihrer Schüler zu überprüfen, neben Schülern, die ihren alltäglichen Krieg gegen diese hilflosen Stellvertreter eines sinnentleerten Systems führen, die zu besiegen für sie nur den Nachteil der noch weiteren Ausgrenzung bis hin zur Schulentlassung oder gar der daraus resultierenden Rückversendung in ihr Ursprungsland zur Folge hat. Der Vergleich mit Nicolas Philiberts Erfolgsfilm Sein und Haben (2002), der das ländliche, noch aggressionsfreie Schulmilieu thematisiert, wo wirkliche Dialoge noch möglich sind, drängt sich auf. Philiberts nuancierter und vielschichtiger Film ist wohl der eindringlichere, während Cantet die elektrisierte Streßatmosphäre des permanenten Konfliktherdes überzeugend einfängt.

Zwei weitere Werke des Wettbewerbs dürfen nicht unerwähnt bleiben. Im chinesischen Beitrag Er shi si cheng ji von Jia Zhangke wird den Arbeitern einer Großfabrik viel Raum gegeben, ihre persönlichen, bis in Intimitäten reichenden Lebensgeschichten zu entfalten. Jia Zhangke arbeitet mit ruhigen, oft statischen Einstellungen, die Konzentration auf die Einzelschicksale erlaubt. Er schafft ein eindringliches, weit gefächertes Panorama des von Unbehagen geprägten Lebens im einst zwangsgeregelten, heute durch beängstigende Transformationen charakterisierten China. Ein stiller Film, der seine Intensität erst langsam entfaltet, läßt man sich auf die berührenden Geschichten ein.

Der in Kairo geborene, heute in Kanada lebende Atom Egoyan verquickt in Adoration, einem der wichtigen, jedoch fast unbemerkt gebliebenen Filme des Wettbewerbs, die Reflexion auf die zu möglichen terroristischen Akten führende innere Disposition mit einer spannungsgeladenen Familiengeschichte, in der ein tödlicher Verkehrsunfall die Schuldfrage aufwirft. Egoyan dechiffriert eine Gesellschaft, die lediglich mit rhetorischer Hysterie und blitzschneller Mobilisierung von Aggressionspotentialen auf die Frage nach möglichen Hintergründen und der Logik des »Terrorismus« zu reagieren vermag. Seine Narration kommt allerdings nicht ohne einen bemerkenswerten Input von Unwahrscheinlichkeiten aus. Die hohen
Anleihen an die Deus-Ex-Machina-Funktion der Fiktionalität sind jedoch insofern verzeihbar, da die dramaturgische Überzeugungskraft davon unberührt bleibt.

Der fremdartigste und verstörendste Beitrag in Cannes kam aus Brasilien. A festa da mena morta von Matheus Nachtergaele, präsentiert in der Sektion »Un certain regard«, spielt in einem ländlichen, von Aberglauben, Magie und Ritualen beherrschten, isolierten Mikrokosmos. Ein junger narzißtischer Mann wird aufgrund der ihm zugesprochenen visionären Fähigkeiten als Heiliger verehrt. Seinem Vater dagegen dient er gleichzeitig als Sexobjektersatz seiner verstorbenen Ehefrau. In dieser Atmosphäre schwüler Hysterie und neurotischer Verkennung verliert sich der Zuschauer, zumindest im ersten Teil, im komplexen Feld von kaum nachvollziehbaren Anspielungen und undeutbaren Signalen. Unterwerfungs- und Anerkennungsrituale prägen diese Welt, in der christliche Mystik und lokale Magie sich zu einem undurchdringlichen Knoten verdichtet haben, ebenso sinnlich gesättigt wie sinnhaft überdeterminiert.

In dem in der »Quinzaine des réalisateurs«-Sektion plazierten Film Taraneh Tanhaiye Tehran (»Einsame Töne Teherans«) von Saman Salour durchstreift ein drolliges Paar, ein gutwilliger, lethargischer Mann und ein quicklebendig »giftiger« Zwerg, das heutige Teheran. Ihre Arbeit ist die riskante, nächtliche Installation von Satellitenschüsseln zum »subversiven« Empfang auswärtiger Nachrichten und Kulturangebote. Schon dieses Thema verblüfft in seiner Offenheit. Doch als die Kamera dem freund-feindlich gesinnten Kameraden durch ihren gestreßten Alltag folgt, entfaltet sich eine derart frech-witzige, spitzzüngige und selbstbewußte Kaskade von Kommentaren zum gegenwärtige Iran, daß man seinen Ohren fast nicht traut. Dabei wird gleichzeitig alle ideologische Engführung gemieden, die den Film nur schwächen würden. Hier wird die subtil rebellische Kraft des kleinen Abweichlers revitalisiert, eine Motivtradition, die vom Simplicissimus bis zum braven Soldaten Schwejk reicht und die die schönsten Werke des Widerstands hervorgebracht hat. Dieser frische Wind des freien Geistes widerspricht wohltuend dem medienvermittelten Bild des heutigen Iran. Neben den brillanten Wortgefechten entfaltet der Film die Dynamik eines Roadmovie und ein zunehmend nuanciertes emotionales Register.

Spätestes in seinem Werk Kitchen Stories (2003) hat Bent Hamer sein Genie, Situationswitz in fast statischen Bildern einzufangen, unter Beweis gestellt. Auch in seinem neuen Werk O’Horten, ebenfalls in der Sektion »Un certain regard« platziert, die nebenbei gesagt durchgehend die riskanteren und gelungeneren Filme zeigte, läßt Hamer Absurdität und Enge der nordischen Gesellschaft immer wieder in unglaublich drollige Bilder und Dialoge kulminieren, um gleich darauf wieder tristere Gefühlsregister anzuschlagen. Er schafft ein Wechselbad von Vereinsamung und scheuen Annäherungsversuchen, gezeichnet von Melancholie und latentem Irrsinn, in der die solitäre Existenz sich mit Mühe, aber auch mit anmutigem Charme behauptet. 2008-05-29 17:31
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