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20. Medienforum NRW

Köln
9. – 11.6.2008
Maria Schrader und Mario Adorf als Gast beim Filmkongreß zum Thema »Inflation Romanverfilmungen«, Foto: Heike Herbertz/Filmstiftung NRW

Fortschritt ist besser als Nachricht

Von Mary Keiser Nichts bleibt wie es war, die Medien befinden sich im Umbruch. Den einen ist das Surfen im Web 2.0 mit Blogs, My Space oder Wikipedia längst in Fleisch und Blut übergegangen, für die anderen ist es verwirrendes Neuland. Zwischen den beiden Gruppen verläuft eine grobe Altersgrenze. Das Medienforum NRW spiegelt die hektischen Veränderungen in der Medienlandschaft und den Clash der Generationen nicht nur innerhalb der Branche, sondern auch in der Gesellschaft wider.

Bei Fernseh-, Film- und Konvergenzkongreß in der Kölner Messe sind ältere wie jüngere Gesprächspartner bemüht, sich fortschrittlich zu zeigen. Daß Printmedien sich längst auf dem absteigenden Ast befinden, stellt keiner mehr in Frage. Stattdessen wird nach Lösungen und Alternativen gesucht, um den Inhalt online und unterhaltender zu vermitteln. Kinos werden digitalisiert, Filme digital vermarktet. Die Vertreter von Taglicht Media erklärten beispielsweise, wie der Film Fräulein Stinnes fährt um die Welt bei My Space Freunde fand und wie sich der Schneeballeffekt der geschickt lancierten Forendiskussion für die Vermarktung nutzen läßt. Medien helfen Medien am besten durch Crosspromotion. In der Filmbranche werden nicht zuletzt durch die Möglichkeit der doppelten Werbemöglichkeit Literaturverfilmungen immer beliebter.

Ein wirklich neuer Trend sind nach Medienwissenschaftler Julian Raul Kücklich Videospiele, die sich auf aktuelle Ereignisse beziehen, die so genannten Newsgames. Bei »September 12« muß man z.B. versuchen, zwischen wuselnden Zivilisten Terroristen mit dem Zielfernrohr zu erfassen und zu bombardieren, was einfach nicht gelingen will. Die Kollateralschäden sind erheblich. In England erfreuen sich solche Spiele bereits großer Beliebtheit, während diese Entwicklung bei den deutschen Medienmachern noch die Angst vor der Trivialisierung steigert. Ohnehin stimmt es viele bedenklich, daß der User zumindest in den Online-Versionen der Zeitungen verstärkt miteinbezogen wird. Redakteure treten in direkten Dialog zu den Lesern und bedienen sich auf Themensuche in den Blogs. Statt der Einteilung in Ressorts entscheiden sich nun die User für die Top-News. User Generated Content heißt es, wenn Empfänger zu Sendern werden. Andere, vielleicht eher der jüngeren Generation zugehörig, bewertet diese Trends eher optimistisch als zunehmende Demokratisierung der Medien.

Kücklich, der sich bei der Londoner Nachrichtenagentur The Press Association beruflich mit der Zukunft der Medien befaßt, sah eher eine Personalisierung voraus, »eine Loslösung vom Fetischcharakter des Bildschirms«. Nicht ganz so fortschrittlich wirkte die spöttische Frage aus seiner Gesprächsrunde, ob er sein Wissen einer Kristallkugel entnehme. Ein wenig peinlich war auch der Moment, als Sascha Lobo sich nach seinem Kommentar zur Vermarktung des Films Unsere Erde anhören mußte, daß der Film nicht für Leute mit seiner Frisur gemacht worden sei. Lobo ist Internet-Berater, Werber, Autor für den Weblog »Riesenmaschine«, der 2006 mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet wurde, und trägt einen Irokesenschnitt. In solchen Momenten können ängstlich in die Zukunft Blickende ganz beruhigt sein, da sich die Dinge doch nicht so schnell wandeln, wie man denkt. Wenn die ältere Generation die Zielgruppe der Jüngeren für sich gewinnen möchte, sollte sie besser zuhören, was diese zu sagen hat. 2008-06-15 09:57
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