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19. Filmfest Emden-Norderney

Emden-Norderney
4. – 11.6.2008
Retro-Thrill in Emden-Norderney: Bank Job von Roger Donaldson

Strand der Dinge

Von Carsten Happe Ein Filmfestival im Feriengebiet läuft schnell Gefahr, gegen Strandkorb und Sonnenliege den Kürzeren zu ziehen, gerade bei dem blendenden Wetter, mit dem die 19. Ausgabe des Filmfest Emden-Norderney zu kämpfen hatte. Daß die zahlreichen sehr gut besuchten Vorstellungen diese Sorge schnell zerstreuten, zeugt vom guten und kontinuierlich aufgebauten Standing des besucherstärksten Festivals Niedersachsens in der Stadt und in der Branche.

Knapp 100 Filme kamen im Festivalkontext zur Aufführung, neben der Hommage an Ulrich Mühe und der Retrospektive mit Filmen von und mit Emma Thompson bildeten – traditionell – die Reihen mit aktuellen Langfilmen aus dem Vereinigten Königreich sowie Deutschland das Herzstück des Festivals. Schnell kristallisierten sich zwei Themenkomplexe heraus, die sich wie ein roter Faden durch die meisten der Wettbewerbsfilme zogen: die Auseinandersetzung mit Kriegen sowie prekäre Familiensituationen – nicht selten auch in einem Film kombiniert. Nick Broomfields schonungslose Innenansicht des Irakkriegs, Battle for Haditha, überzeugte die Publikumsjury dabei am nachhaltigsten. Er gewann sowohl den mit 15.000 Euro dotierten Bernhard-Wicki-Preis als auch den DGB-Filmpreis für einen in besonderer Weise gesellschaftlich engagierten Film. In diese Kerbe schlug – natürlich – einmal mehr auch Ken Loach, dessen bereits letztjährig in Venedig ausgezeichneter It’s a Free World ebenso ambivalent wie undemagogisch das angebliche britische Wirtschaftswunder demaskiert.

Überhaupt waren die stärksten Festivalbeiträge in der britischen Reihe zu finden. Nicht so sehr Anand Tuckers bittersüße Familientherapie And When Did You Last See Your Father? nach den Memoiren von Blake Morrison, die zumindest imstande wäre, einen verregneten Sonntagnachmittag zu verkürzen, jedoch gegen Ende ins allzu Gefällig-Gefühlige abdriftet. Schon eher Roger Donaldsons cleverer Heistthriller Bank Job, der seine Genregrenzen mühelos überschreitet und das besondere Flair der frühen Siebziger charmant einfängt. Auch Penny Woolcocks grimmige Versuchsanordnung Exodus, die das biblische Epos in eine nicht allzu ferne Zukunft verlagerte, mit beißender Systemkritik nicht sparte und dennoch ein künstlerisch gelungenes Filmexperiment auf die Leinwand brachte, bei dem insbesondere die zahlreichen Laiendarsteller zu überzeugen wußten, trug zum positiven Gesamteindruck der britischen Auswahl bei.

Die deutsche Reihe stand diesmal ganz im Zeichen des mit 12.000 Euro dotierten Volkswagen Drehbuchpreises, der zum vierten Mal vergeben wurde – diesmal an Sathyan Ramesh (Das Jahr der ersten Küsse) für sein Script »Letzter Moment« – denn alle drei bisherigen Preisträger konnten die Verfilmungen ihrer Drehbücher präsentieren, wenn auch mit leider durchwachsenen Ergebnissen. Am besten schnitt noch Beautiful Bitch von Martin Theo Krieger ab, dessen Geschichte der 15jährigen Rumänin Bica, die mit großen Erwartungen nach Deutschland gelockt wird und als Klaukind auf den Straßen Düsseldorfs landet, vor allem vom natürlichen Spiel der Hauptdarstellerin Katharina Derr lebt. Ziemlich verunglückt gerieten dagegen Andreas Morells Unschuld, eine lockere Adaption von Schnitzlers »Reigen« mit Kai Wiesinger und Nadeshda Brennicke, die sich allzu sehr in Oberflächlichkeiten verrennt, sowie der letztjährige Preisträger, Hardi Sturms Up! Up! To the Sky, dessen bemühter magischer Realismus nicht zuletzt an den papiernen Charakteren scheitert. Es bleibt die Frage zu klären, ob die prämierten Drehbücher nur als solche funktionierten, oder was auf dem Weg zur Umsetzung schiefgelaufen ist. Eine Antwort gibt möglicherweise die nächste Ausgabe des Festivals, das mit seinen mitternächtlichen Talkrunden und dem schon traditionellen Norderney-Ausflug zu den entspanntesten der deutschen Festivalszene gehört. 2008-06-23 12:15
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