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26. Filmfest München

München
20. – 28.6.2008
Markus F. Adrians Narrenspiel

Narren, Muttis und viel Sonne

Von Oliver Baumgarten Das Filmfest in München wirbt seit einiger Zeit damit, das sonnigste seiner Art in Deutschland zu sein, und 2008 war wieder einmal ein Jahr, in dem das Wetter offenbar nicht den Hauch eines Zweifels daran aufkommen lassen wollte. Und so waren nicht selten die Kinos der einzige Zufluchtsort, an dem es sich tagsüber ganz passabel sitzen ließ, ohne das permanente Bedürfnis, in die Isar zu springen. Das war aber zum Glück nicht der einzige Grund, ins Kino zu gehen, denn das Programm bot allerlei Vielversprechendes: So war eine Filmreihe Julie Christie gewidmet, die den CineMerit Award erhielt, der unermüdliche Herbert Achternbusch wurde mit der Retrospektive geehrt, und die Reihe »Das Jahr des Drachen« warf ein Schlaglicht auf die aktuelle chinesische Kinematographie. Dazu schließlich gesellte sich in den Standardreihen eine gelungene Mischung jener Filme, die zuvor in Cannes Premiere gefeiert hatten – eine gute Tradition des Filmfests, die jedes Jahr aufs Neue wahre Höhepunkte gegen den Lockruf von Sonne und Biergarten zu setzen vermag.

Aus Sicht des deutschen Films gab es das spannendste – wenig überraschend – in der Reihe »Neue deutsche Kinofilme« zu entdecken. Andreas Dresens Wolke 9 etwa feierte hier seine Deutschlandpremiere und erntete nach dem Abspann minutenlangen tosenden Beifall. Produzent Peter Rommel, Produktionsleiter Peter Hartwig sowie die drei fantastischen Darsteller Ursula Werner, Horst Rehberg und Horst Westphal waren auf der Bühne sichtlich gerührt, hatten diesen nicht eben regelmäßigen Emotionsausbruch des Münchner Publikums aber auch angesichts dieses grandiosen Liebesfilms über eine ältere Frau zwischen zwei Männern absolut verdient.

Von einem Mann zwischen zwei Frauen hingegen erzählt Die zweite Frau, der neue Film von Hans Steinbichler (Winterreise): Matthias Brandt spielt ein liebenswertes Muttersöhnchen, das sich auf Drängen der Mama via Heiratsvermittlung aus Rumänien eine Frau mitbringt, was zu echter Liebe auf der einen Seite und echter Eifersucht auf der anderen Seite führt. Das intensive und überzeugende Spiel Matthias Brandts sowie eine streckenweise herausragende Kamera von Christian Rein retten über das sehr voraussehbare und banale Buch leider zu selten hinweg. Speziell die Figur der liebenden Mama entspricht dermaßen jedem denkbaren Klischee, dass man fast amüsiert zur Kenntnis nimmt, dass deren Darstellerin Monica Bleibtreu nahezu exakt dieselbe Rolle kaum ein Jahr zuvor bereits bei Xaver Schwarzenberger in Muttis Liebling gespielt hat. Was sich dort allerdings perfekt ins künstlerische Gesamtbild einpaßte, wirkt hier in der Kollision mit der modernen Inszenierung einfach eine Spur zu bieder. Zur Entfaltung der Steinbichlerschen Atmosphäre fehlte es dem Stoff am Ende schlicht an Ecken und Kanten.

Daran allerdings herrscht in Narrenspiel, dem Debüt von HFF »Konrad Wolf«-Student Markus F. Adrian, kein Mangel. Hier entwickelt sich eine kleine Geschichte um drei Figuren kontinuierlich zu einem ausgewachsenen Psychothriller, der es trotz seiner limitierten Produktionsmittel äußerst geschickt versteht, die genrespezifischen Mittel gewinnbringend zu nutzen. Der Film erzählt von einem jungen Pärchen, das in seinem Wohnmobil einen Anhalter mitnimmt – doch der Mann ist nicht alleine, er hat Zacharias dabei, eine Handpuppe, mit der ihn offenbar mehr verbindet als nur das Puppentheaterprogramm, das er wo immer erwünscht zur Aufführung bringt. Narrenspiel, dessen Drehbuchautor Heiko Martens in München mit dem Förderpreis ausgezeichnet wurde, ist ein kleines, schmutziges Kammerspiel, überzeugend gespielt, spannend inszeniert und dadurch weitaus wirkungsvoller als so manch anderer Kinofilm etablierterer Filmemacher. Ulla Wagners Die Entdeckung der Currywurst etwa, entstanden nach Uwe Timms Roman, profitiert zwar von einer wirklich außergewöhnlich überzeugenden Ausstattung und einer das Jahr 1945 erstaunlich glaubwürdig repräsentierenden Außenkulisse. Sein Problem allerdings erscheint der innere Rhythmus der Dramaturgie und letztlich die Tatsache, daß der Film nicht zum Punkt kommt, was dazu führt, daß er zwischendrin schlicht und einfach langweilt. Schade, denn die Erzählung um die einsame Lena, die einen Deserteur bei sich versteckt und ihm das Ende des Zweiten Weltkrieges verschweigt, damit er ihr nicht davonläuft, beginnt vielversprechend und ist mit Barbara Sukowa in der Hauptrolle hervorragend besetzt.

Neben weiteren Entdeckungen der Reihe »Neue deutsche Kinofilme«, wie etwa Morscholz von Timo Müller, der den Regie-Förderpreis des deutschen Films erhielt, oder auch Olav F. Wehlings sperriges Mythenspiel Kronos, wußte vor allem auch Maria Teresa Camoglios Dokumentarfilm Die dünnen Mädchen zu überzeugen. Der Film zeigt einige unter Anorexie leidende junge Frauen dabei, in einem Therapieprogramm einen Umgang mit der Krankheit zu erlernen, der ihnen eine geregelte Teilnahme am Leben und in der Gesellschaft ermöglicht. Flamencotanz, gemeinsames Kochen, gemeinsames Interpretieren von Munch-Gemälden: Die Regisseurin findet in ihrem Film unterschiedliche Wege, die kämpfenden und mit zum Teil erstaunlicher Klarheit über ihre Krankheit ausgestatteten jungen Frauen vorzustellen. Dem Film gelingt dergestalt sehr eindrücklich und ohne Sentiment, ein klares Bild dieser Krankheit zu zeichnen, das über die üblichen Allgemeinplätze hinausgeht. 2008-07-07 11:42
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