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54. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

Oberhausen
1. – 6.5.2008
Visitors von Giulio Questi

Untote und Unruhestifter

Von Carsten Tritt Eine große Überraschung war der Wettbewerbsbeitrag Visitors von Giulio Questi. Der Regisseur hatte 1967 mit Töte, Django (Se sei vivo spara) einen der besten Italowestern geschaffen, später nur noch für das Fernsehen gearbeitet, so daß kaum mehr etwas von ihm zu hören war. Vor ein paar Jahren habe er sich eine neue Kamera gekauft und drehe nun hin und wieder Kurzfilme, können wir aus dem Festivalkatalog erfahren, darunter Visitors, den der inzwischen 84jährige offenbar gemütlich in seiner eigenen Wohnung gefilmt hat. Dessen Protagonist erhält Besuch von Geistern, die sich als Faschisten vorstellen, welche er während des Partisanenkrieges ’43-’45 erschossen hat. Man schwadroniert gemeinsam über alte Zeiten, und schließlich nennen die Untoten ihr eigentliches Anliegen: Ob er es in Erwägung ziehen könnte, nun auch zu sterben, denn wenn alle tot sind, die sich an sie erinnerten – und da sei er der letzte noch Lebende – könnten ihre Seelen in den nächsten Tagen ein großes Raumschiff besteigen und ins Universum hinfortfliegen, womit dann auch endgültig nicht nur sie, sondern auch die unangenehme Tatsache des italienischen Bürgerkrieges aus dem allgemeinen Gedächtnis gelöscht würde. Questis Film ist dabei nicht nur inszenatorisch ein Genuß, sondern insbesondere hundsgemein, wie er Vorstellungen über historische Wahrheiten relativiert und ins Lächerliche zieht.

Darüber hinaus verbindet Visitors auch sehr schön die zwei Themenschwerpunkte des diesjährigen Oberhausener Festivals. Zum einen untersuchte Kurator Ian White in »Wessen Geschichte?«, wie Film als Autorität eines sich auf historische Tatsachen berufendes Geschichtsbilds funktioniert, zum anderen ging es im Schwerpunkt »Grenzgänger und Unruhestifter« von Madeleine Bernstorff, Sherry Millner und Ernest Larsen um Formen, Inhalte und Entwicklung des politischen Films, die in einem der besten Programmblöcke des Festivals z.B. Kampfmai 1929 (1929) von Piel Jutzi und Die letzte Wahl (1932) von Ella Bergmann-Michel gegenüberstellten: Das eine ein mit klassischer Agitation aufgebauter kommunistischer Propagandafilm, der den Straßenkampf gegen die Weimarer Republik fordert, das zweite ungeschnittenes Dokumentarmaterial eines nie fertiggestellten Projekts mit Aufnahmen aus dem Reichtagswahlkampf November 1932.

Die historische und politische Betrachtung konnte der Rezensent diesmal selbst bei Ma’rib nicht ausschalten, der neuen herausragenden Bild- und Tonkomposition Rainer Komers’ über die jemenitische Stadt auf den Ruinen der alten Hauptstadt Sabas, in der die Frauen Burkas und die Männer Gewehre tragen, und aus der der Filmemacher einige hochauflösende Filmrollen für Nachtaufnahmen wieder unbelichtet heimbrachte, »weil, unser Polizeischutz wollte dann auch mal Feierabend haben«. Freilich, wer dem Zuschauer ein Gefühl vermitteln kann, in einen völlig fremden Ort so einzutauchen, ist sicher auch ein wenig politisch, aber auf die demokratischste Art und Weise, weil er zunächst vor allem ein großartiges Filmerlebnis anbietet, auf dessen Basis er dem Zuschauer gestattet, sich ein völlig eigenes Bild zu entwickeln. 2008-05-10 16:00

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