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24. Internationales Kurzfilmfestival Hamburg

Hamburg
4. – 9.6.2008
Morbus Bechterew von Lola Randl

Mein Platz im Leben ist das Bett

Von Mark Stöhr »Der Langfilm kann nichts, was der Kurzfilm nicht besser kann«, proklamierte Jürgen Kittel, Leiter des Internationalen Kurzfilmfestivals Hamburg. Eine steile These. Einige Filme im diesjährigen Programm bewiesen zumindest, daß die kurze Form manche Dinge besser kann. Andere dagegen gar nicht.

Der Arzt sagt, er habe die besten Werte seit 15 Jahren. Es besteht also kein Grund zur Sorge. Doch irgendetwas läuft verkehrt im Daumen, im Zeigefinger und im Ellenbogen. Seit neuestem sitzt der Schmerz auch im rechten Knie. Eine schleichende Mumifizierung der Knochen erfaßt den ganzen Körper. Der Gesundheitsratgeber liefert die vorläufige Bezeichnung für das Phänomen: »Morbus Bechterew«. So heißt auch der Film der KHM-Absolventin Lola Randl, der im diesjährigen Deutschen Wettbewerb des Hamburger Kurzfilmfestivals lief und eine Lobende Erwähnung der Jury erhielt. Ein Mann liegt, sitzt und steht in seiner Wohnung und diagnostiziert, philosophiert und lamentiert. Immer wieder klingelt das Telefon, wo er denn bleibe, immer neue Gründe findet der Mann, die ihn das Haus nicht verlassen lassen. Ein urkomisches wie verzweifeltes Kammerspiel eines Bewegungsunfähigen, der seinen eigentlichen Platz im Leben schon gefunden hat: im Bett.

Der Kurzfilm ist immer dann am stärksten, wenn er den Langfilm nicht zu kopieren versucht und sich mit ihm nicht in einem Überbietungswettbewerb messen will – das zeigte sich einmal mehr in Hamburg. Die Drei-Akt-Dramaturgie ist nur selten ein probates Mittel und mündet oft im hastigen Anflug auf eine Pointe. Es ist das offene Feld, auf dem der Kurzfilm seine wirklichen Stärken ausspielen kann. Im Kondensieren, Fragmentieren und Experimentieren. Nur so kann die kurze Form über ihren traurigen Status als Vorstufe zum ersehnten 90-Minüter hinauswachsen. Hamburg lieferte dafür einige exzellente Beispiele. Jörn Staegers Reise zum Wald (2008) etwa, der den großen deutschen Mythos Wald dekonstruiert. In einer halsbrecherischen wie lyrischen Montage geht der Film den Weg der Bäume, von ihrer Deko- und Park-Existenz in den Städten über ihre industrielle Zurichtung in den Monokulturen der Forstwirtschaft bis zu ihrem chaotischen Wachsen und Sprießen im Naturwald. Der Wald steht auch im Zentrum von Alexander Schimpkes Miles & More (2007), die vielen Hektar, die in den 1980er Jahren dem Bau der Frankfurter Startbahn-West weichen mußten. In atmosphärischen Bildern eröffnet der Film einen Erinnerungsraum, in dem die Vergangenheit an manchen Stellen wie aus einem Nebelbett aufsteht und darin wieder verschwindet.

Das Erzählerische funktioniert nur innerhalb eng gesteckter Grenzen. Wo die Ambition Richtung Langfilm geht, wie in Hakenland (2008) von Andreas Pieper, ist die Zeit zu kurz, um Stimmungen und Charaktere angemessen zu entwickeln. Die Geschichte über einen jungen Fotographen, der durch die triste ostdeutsche Provinz reist, scheitert an ihren dramaturgischen Unwahrscheinlichkeiten, die der notwendigen Verknappung geschuldet sind. Es geht auch viel unaufgeregter und geschmeidiger. In Amin (2007) von David Dusa beobachtet ein kleiner Immigrantenjunge aus dem Autofenster das vorbeifliegende Paris und wird Zeuge, wie sein Vater bei einer Polizeikontrolle schikaniert wird. Der Wutausbruch des Jungen mit wüsten Beschimpfungen der Polizisten ist so überraschend wie konsequent. Und in Bonzenkarren (2008) von Lothar Herzog wird ein Sabotageakt von zwei Linksautonomen dermaßen beiläufig erzählt, daß die Geschichte trotz ihrer geschlossenen Form durchlässig bleibt für einen ganzen Horizont des Nicht-Erzählten. 2008-06-09 16:08

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