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31. Norwegian Short Film Festival

Grimstadt
12. – 17.6.2008
Thy Kingdome Come von Kjersti Steinsbo

Konfrontationen in der Idylle

Von Dieter Wieczorek Wer im Juni rechtzeitig am ersten Tag im norwegischen Grimstad eintrifft, hat die Möglichkeit, das Festival auf die wohl denkbar angenehmste Weise zu beginnen: mit einer dreistündigen Bootsfahrt, entlang einer Vielzahl kleiner Halbinseln, verköstigt mit Krabben und getränkt mit verschiedenen alkoholischen Stimuli, in diesem nordischen Land eine großzügige Offerte seitens der Festivalleitung, die gleich signalisiert, daß dies Festival sich auch als Ort der Zusammenkunft und des Dialogs definiert. In seiner jüngsten Vergangenheit zeichnete sich Grimstad auch konzeptuell dadurch aus, daß es die Grenzen offen hielt zwischen Filmproduktion und Neuer Medienkunst, zwischen künstlerischer Kreation und Avantgardewissenschaft, Performance und Szenographie. Neben dem jedes Jahr den Ort wechselnden Nordisk Panorama Festival ist Grimstad der Referenzort für jüngste Produktionen des nordeuropäischen Kurzfilmes, außerdem auch ein Festival voller guter Ideen, wie ein Hardrockkonzert als Begleitmusik zu einer Stummfilmversion eines Ibsendramas vor riesigen rötlich schimmernden Felswänden oder Nachtprojektionen beweisen. Zu den »Special Guests« dieses Jahres zählten auch zwei Filmprogramme aus Oberhausen, präsentiert durch Hilke Doering.

Die diesjährige Edition war gekennzeichnet durch eine Reihe von eindringlichen Dokumentarfilmen, die das nationale und internationale Kurzfilmprogramm begleiteten. Einer der eindringlichsten Beiträge kam aus Israel. Jenseits jedes Verdachts des Antisemitismus wird hier dem israelischen Militär aus eigenen Reihen der Spiegel vorgehalten. Ex-Soldatinnen berichten von Mißhandlung bis hin zur Tortur von Gefangenen, von obszönen Spielen und Machtposen, Erfahrungen, die sich in ihnen als lebenslange Traumata einschrieben. Tamar Yaron zielt in Lir’ot im ani mehayechet (To see if I’m Smiling) auf die fragile Grenze zwischen Humanität und Babarei, die in Konfliktsituationen und getragen von einer kollektiven Entbindung der Eigenverantwortung, blitzschnell zusammenbrechen kann. Frauen zeigen sich hier nicht gefeiter als ihre männlichen Kollegen, im Gegenteil, sie provozieren und alliieren sich mit einer fatalen Machogeste, die Selbstgefallen in Mordlust umkippen läßt.

Nach einer Reihe von Mordanschlägen auf kritische russische Journalisten läßt sich nur konstatieren, daß auch der Dokumentrist Andrei Nekrasov mit seinen Filmen sein Leben riskiert. Mittels einer Reihe von Zeugenaussagen und Spezialisten läßt er es als evident erscheinen, daß die tödliche Explosionen in Moskau nicht von tschetschenischen »Terroristen«, sondern vom russischen Geheimdienst selbst inszeniert wurden, um anschließend als Legitimationsvorwand für den Angriffskrieg instrumentalisiert werden zu können. Nekrasov folgt in Disbelief (Unglauben) (2004) der Tochter eines der Opfer des Explosionsanschlages bei ihren Recherchen, die sie schließlich zu den anderen Opfern der Staatspropaganda führt, den noch in Moskau lebenden Tschetschenen, die als Verfolgte, Gefolterte und nahezu Rechtlose ein Leben in der Isolation führen. In seinem nicht weniger radikalen jüngsten Werk Bunt. Delo Litvinenko (Rebellion: The Litvinenko Case) dechiffriert Nekrasov die Umstände der Ermordung des Ex-KGB Agenten Alexandr Litvinenko, der, als er sein Schweigen zu brechen begann, in London mit radioaktiven Substanz vergiftet wurde. Rekonstruiert wird hier die politische und soziale Situation des aktuellen Rußlands, das gekennzeichnet ist durch komplette Schutzlosigkeit des Einzelnen vor willkürlichen Mordakten, die jederzeit im Interesse einer Machtmafia in Szene gesetzt werden können. Die dokumentierte Szene, in der Jacques Chirac Putin mit dem Orden der französischen Ehrenlegion kränzt, ist Zeichen genug, daß der totale Zerfall der Rechtsordnung nicht vor westeuropäischen Grenzen halt macht. Gerhard Schröder läßt auch schön aus Rußland grüßen.

Auch in der norwegischen Kurzfilmreihe sind soziale Themen vorrangig. Anne Siri Wathne schafft mit Twilight Tango eine kleine Doku-Perle über das Altern mit Würde in Buenos Aires. Eine handvoll älterer Salsa- und Tangotänzer werden hier porträtiert, alle voller Neugier, Fantasie und Lebenswillen, arbeitend, studierend, Freundschaften pflegend. Auch Leiv Igor Devold belichtet sensibel in Simon’s Help ein erstaunliches Phänomen fernab des Masenmedieninteresses: ein polnisches Paar, das sich der sieben hinterbliebenen Kinder eines Alkoholanhängigen annehmen, der im Suff seine Frau ermordete. Devold zeigt, wie es dem neuen Elternpaar gelingt, allen Kindern in einer funktionierenden, heiteren Gemeinschaft die Chance zu geben, ihr Trauma zu überschreiten. Als makaberes Werk dagegen überzeugt Thy Kingdome Come von Kjersti Steinsbo. Hier kehren drei Vollfreaks wegen eines Autoschadens bei einer religiösen Familie ein, der sie sich meilenweit überlegen fühlen. Doch müssen sie bald merken, daß sie sich in eine Gemeinschaft mit haarscharfen Regeln begeben haben, die Tabuüberschreitunen schlicht nicht duldet, und erst recht keine Zeitgenossen, die als teuflisch identifiziert werden. Steinsbo schafft zugleich eine Metapher und Detailstudie der faschistischen Energien sektiererischer Vereinigungen, die wissen, was gut und böse ist. Mit den fatalen und zuweilen komischen Konsequenzen einer Überwachungsgesellschaft, wo jeder jeden beobachtet und kontrolliert, spielt Jonas Engen in Infidelity and Suveillance, in dem er Beobachtete und Beobachter in ausweglose Zirkelsituationen verstrickt. Marius Ektvedts und Gunhild Engers Passion (2007) erinnert durch seine Härte der Ausweglosigkeit an Werke Ulrich Seidl. Eine ermüdete Frau macht sich nach ihrem Arbeitstag auf dem Bett zurecht und erwartet ihren Ehemann. Selbst Schlagsahne muß zur Aufbereitung des Körpers herhalten. Als der ebenfalls erschlaffte Lebensgenosse schließlich zurückkehrt, zeigt er sich völlig überfordert von dem Ansinnen seiner Frau auf sinnliche Stimulation. Er flüchtet sich in den Nebenraum. Der Film wirkt lange nach durch seinen wie in eine Miniatur gebannten Realismus der Tristesse.

Neben den neun überaus vielfältigen Kurzfilmblöcken bietet Grimstad fünf internationale Kurzfilmprogramme. Hier findet man bereits gekrönte Werke wieder, wie den Gewinner Clermont-Ferrands, Reto Caffis Auf der Strecke, Adrian Sitarus (Rumänien) Waves oder 200 000 Phantoms Jean-Gabiel Périots. Drei Werke wurden durch besondere Erwähnungen geehrt: Maher Abi Samras (Libanon) experimenteller Dokumentarfilm Merely A Smell hält die Kamera minutenlang auf die Sucharbeiten von Leichen, überdeckt vom Schutt eingestützten Bauwerke. Die steinharten Schlagschatten und das gleißende Licht vermitteln der vermeintlichen Hitze und dem Geruch eine fast physische Präsenz. Ausbrüche aus dieser statischen Situation schaffen nur die Innenansicht einer mit Särgen beladenen Fahrzeugs in Bewegung und Bilder eines dahingleitenden Passagierschiffes. Josh Raskin (Kanada) Animationsfilm I met the Wallnus läßt die fröhliche und verspielte Rebellion der 60er und 70er Jahre noch einmal anklingen. Im Off ist ein Interview John Lennons zu hören, der auf die Fragen eines 14Jährigen antwortet, der sich in sein Hotelzimmer in Toronto geschlichen hatte. Einer der wohl rätselhaftesten Filme des Festivalprogramms ist Christoph Rainers (Österreich) Film Fawn. Eine körperlose Frauenstimme berichtet wie aus weiter Ferne über die Ermordung ihres Körpers als eine Art Allianz zwischen Ermordeter und Mörder. Rainers Films wirkt zuweilen wie eine mögliche Inszenierung von Gilles Deleuzes Theorem des organlosen Körpers, zugleich ist er ein beängstigender Blick ins Unbewußte, wo Realität sich nicht repräsentiert, sondern transformiert in ein Feld fremdartiger und schmerzhafter Evokationen von etwas, das wir nicht kennen können, da wir in ihm und aus ihm heraus existieren. Der Hauptpreis Grimstads ging 2008 an den indischen Film Three Of Us von Umesh Vinayak Kulkarni, ein Werk, das unseren Blick auf einen schwer gehandikapten jungen Mann innerhalb von 15 Minuten von anfänglicher Abweisung in Bewunderung und Faszination transformiert. Kulkarni zeigt eine Kleinfamilie in ärmlichen Verhältnissen nicht nur ihre Form des Überlebens finden, sondern uns einladen in ihren Kosmos, der charakterisiert ist durch eine Poesie des täglichen Lebens, in dem jede Handlung sinnvoll und jede Geste anmutig scheint. Jede Szene wirkt bedeutungsvoll durch ihre innere Schönheit und Ruhe, die wir in unserer funktionalen Gesellschaft nur aus der Ferne bewundern können. 2008-07-21 10:58
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