— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

36. Festival des internationalen Films La Rochelle

La Rochelle
27.6. – 7.7.2008
In der Hommage an Daniele Arbid zu sehen: Un homme perdu

Filmkultur jenseits des Wettbewerbs

Von Dieter Wieczorek Die von einer Vielzahl von Caféterrassen umsäumte Hafenanlage La Rochelles verleiht dem Festival schon auf den ersten Blick die idealen Rahmenbedingungen zu Austausch und Begegnung. Während sich im Zentralgebäude des Festivals eine beträchtliche Zahl illustrer Gäste die Interviewmikrophone von Hand zu Hand reichen, moderiert von Mitarbeitern der renommierten Radiostation France culture, treffen sich draußen unter schattigen Arkaden oder in sonnigen Cafés Professionelle und Publikum zu Plausch und zuweilen Streitgespräch.

Das Publikum läßt in La Rochelle nicht auf sich warten. 2007 waren es über 80.000 Besucher – erstaunlich für ein Festival, das nicht die Karte des Spekulationsbusiness eines Wettbewerbs spielt, auch mit Glamour und VIP-Präsenz in der Vergangenheit eher vorsichtig umgegangen ist, sich dafür aber mit einer Fülle erlesener Hommagen, Retrospektiven und Themenschwerpunkten hervortut. Hommagen waren in diesem Jahr etwa Werner Herzog, Mike Leigh und Raymond Depardon gewidmet, Erich von Strohheim, Josef von Sternberg und Nicholas Rays wurden im Rückblick geehrt, und ein Schwerpunkt wurde dem finnischen Film gewidmet.

Es ist dem Festival hoch anzurechnen, daß es den Moment der höchsten Publikumsdichte am Eröffnungsabend nutzte, um ein weder eingängiges noch auf große Publikumsgunst hoffendes Werk zu präsentieren. Harte Vergewaltigungsszenen, makabres Krankenhausmilieu und verblüffende, visuell eindringliche, aber oft an nichtsignifikante Brüche der Traumsprache erinnernde Bildschnitte sind üblicherweise nicht die Zutaten für Filme, mit denen man einem Auftaktpublikum zu schmeicheln versucht. Und doch überzeugte Cztery noce z Anna (Vier Nächte mit Anna) vom polnischen Regisseur Jerzy Skolimowski durch die sensitiv-intensive und psychisch sensible Darstellung des hilflosen Liebesansuchens eines debilen Mannes, der viele Tabus überschreitet, um die Nächte an der Seite seiner Geliebten zu verbringen, ohne ihre Zustimmung, ohne ihr Wissen selbst, bevor die Jagdsaison auf ihn eröffnet wird. Ein Meisterwerk der Sensibilisierung für Außenseiter und erotisch Chancenlose, die nur mit List sich die kleinsten Glücksmomente verschaffen können. Durch die brillante und aggressive Montagetechnik von Skolimowski und seinem Editor Cezary Grzesiuk brechen die unterschiedlichsten Szenen übereinander ein wie Kollagen verschiedenster Schichten, die die Spannung des latenten Desasters ständig wachhalten.

In La Rochelle ist vieles anders. Hier finden sich Spielstätten auch bei durchaus exotischen Filmen gut gefüllt. Über 36 Jahre hinweg formte sich hier langsam ein Publikum, das sich konfrontieren möchte mit fremdartigen Bildsprachen. Und wenn dieses Publikum, das auch die Präsentation von verstörenden Werken, wie etwa die frühen Filme Werner Herzogs (erinnert sei nur an die mit surreal kommentierte delirische Reise Fata Morgana (1971) oder die schreckend-groteske Variation über die Anarchie Auch Zwerge haben klein angefangen) mit zahlreichem Besuch huldigt, etwas bedauert, dann ist es die diesjährige Tendenz eines latenten Euro-Zentrismus. Die Besonderheit La Rochelles war gerade die erfolgreiche Suche nach ungewöhnlichen, außereuropäischen Werken, gerade auch solcher Regisseure, die sich (noch) keinen Namen im internationalen Filmgeschehen gemacht haben, doch durch die Stärke und Individualität eines Einzelwerks hier auf sich aufmerksam machen konnten. In diesem Jahr schien der Wunsch, Regisseure vor Ort zu haben, größer als der, eine Weltschau zu präsentieren. Eine Entscheidung, die vielleicht nicht ganz frei ist vom Erfolgsdruck, den ein Festival, das ständig mit steigenden Publikumszahlen wirbt, auf sich lädt. Ob diese Tendenz angesichts der Quantitätslogik der aktuellen Kulturpolitik überhaupt noch bewußt bestätigt wird oder sich nicht als unvermeidlich und scheinbar unstrittig durchsetzt, bleibt zu fragen.

Neben den schwerlich zu mißlingenden, breit angelegten Hommagen an Herzog und Leigh war ein diesjähriger Höhepunkt der Fokus auf das Werk der jungen libanesischen, jedoch seit 1987 in Frankreich lebenden Filmmacherin Daniele Arbid, die mit teils experimentellen, teils dokumentarischen Arbeiten den aktuellen Libanon in immer wieder neuen Annäherungen umkreist. Hervorzuheben sind besonders ihre 2000 entstandene dokumentarische Arbeit Seule avec la guerre (Allein mit dem Krieg), in der sie die heutigen Kommentare und Selbstdeutungen ehemaliger Kämpfer und Folterer im libanesischen Zivilkrieg zwischen 1975 und 1990 aufzeichnet und die oftmals verleugneten und tabuisierten Stätten des ehemaligen systematischen Folterns aufsucht. Ihre Fragestellung übersteigt die spezifisch geopolitische Situation des libanesischen Desasters und richtet sich auf die sozialpsychologische Möglichkeit der Transformation und Überschreitung wechselseitiger, mörderischer Akte im späteren Zusammenleben. Wie Opfer und Täter mit ihrer eigenen Barbarei umgehen, versucht sie jenseits moralischer Kommentierung in den Statements einzufangen. In ihrem experimentell-dokumentarischen Werk Nous zeichnet Arbid ihren letzten zwischen Wut und Zärtlichkeit fluktuierenden Versuch einer Annäherung an den im Sterben liegenden Vater auf. In The Smell of Sex nutzt sie allein die Stimmen ihrer anonym bleibenden Freunde und Bekannten, um sie so offen wie möglich über ihre eigenen sexuellen Erlebnisse plaudern zu lassen. Verblüffend ist hier die heitere und verspielte Sprechform der Frauen, während die Männer oft gehemmt wirken und sich weniger wohl in ihrer Haut zu fühlen scheinen. In ihrem letzten fiktionalen Film Un homme perdu (2007) beschreibt Arbid die Begegnung zwischen einem Mann, der unter Gedächtnisverlust leidend heimatlos durch den Orient irrt, mit einem vorwiegend riskante Themenfelder wie Prostitution und Sexualtabus bearbeitenden Reportagefotographen, der auch nicht davor zurückschreckt, den Verirrten zum Objekt von provokanter Inszenierungen zu machen, um seine Story auszubeuten. Auch andere Figuren werden Opfer einer systematischen Mißachtung ihrer Integrität. Wer der wirklich »Verlorene« in Arbids Werk ist, bleibt nicht offen.

Das finnische Fokusprogramm bot u.a. den außergewöhnlichen Film Jäniksen vuoso von Risto Jarva, eine heiter-tragische Geschichte über einen Aussteiger, der sich Familie, Ehefrau und Arbeitswelt entziehen will, um ein naturnahes Leben zu führen. Auch staatlicher Erfassung sucht er zu entkommen, indem er die sein Dossier enthaltene Datenbank löscht. Bereits 1977 antizipierte Jarva den Konflikt zwischen Freiheitsanspruch und Überwachungsgesellschaft. Bietet er auch ein versöhnliches Ende, so werden die aggressiven Potentiale gegen jede Form des Ausscherens hier bereits deutlich spürbar, ebenso wie der zerstörerische Umgang mit der Natur, der notwendig auf eine Katastrophe zusteuert.

Unter die beeindruckendsten Vorpremieren sind einerseits Thanos Anastopoulos’ Diorthosi sowie das estnische Werk Sügisball von Veiko Öunpuu zu rechnen. Der Grieche Anastopoulos zeichnet die schwierige Rückkehr eines wegen seiner nationalistisch motivierten, kriminellen Aktivitäten Inhaftierten in seine ehemalige Umgebung nach. Wochenlang unbehaust und ohne Chance auf einen Arbeitsplatz vegetierend, sind seine Tage durch den Versuch gezeichnet, wieder Aufnahme zu finden bei seiner Frau und ihrem gemeinsamen Kind. Er nächtigt schließlich am Ende
seiner Kräfte in der Hoffnung auf Verzeihung in einer ihrer Haustür nahen Nische. Anastopoulos’ aktuelles Griechenland ist eine verhärtete Gesellschaft unter erheblichem sozialen Druck, die die Ausgeschlossenen in faschistoide Tendenzen abgleiten zu lassen riskiert.

Veiko Öunpuu seziert die innere Vereinsamung und Entfremdung verschiedener Paare – Menschen allesamt auf der Suche nach einem möglichen Glück, einige unter ihnen bereit, das eigene Scheitern auszusprechen, andere so in die Enge getrieben, daß eruptive Gewaltausbrüche zum einzigen »Ausweg« werden. Anonyme Bauten sozialistischer Standardarchitektur und das sie umgebende Brachland verstärken noch den Effekt eines referenzlosen Lebens, in dem die Protagonisten gefangen scheinen, in ihrer Isolation weder sich findend noch den Anderen suchen könnend.

In der Reihe »D'hier à aujourd'hui« versammelt das Festival neu editierte und restaurierte Arbeiten. The Savage Eye (USA 1960) von Ben Maddow, Sidney Meyers und Joseph Strick ist eine der wieder aufgetauchten Highlights der Filmgeschichte, ein Werk charakterisiert durch die im Off erklingenden Selbstkommentare einer nach ihrer gescheiterten Ehe vereinsamten Frau, befragt durch eine ihr wohlgesinnte, doch nicht unkritische Männerstimme. Dieser große Dialog existenzieller Verunsicherung, situiert in den naiv den illusionären Verheißungen des Konsumglücks folgenden Vereinigten Staaten der 1950er Jahre, wirkt wie eine Reise ans Ende der Nacht, zu einer schmerzhaften Konfrontation mit eigenem Versagen und dem Eingeständnis der Unerfüllbarkeit der tiefsten Sehnsüchte. Auch ästhetisch ist das Werk dominiert von den scharfen Schwarzweißkontrasten des nächtlichen Kunstlichtes, das die fragile Protagonistin wie einen haltlosen Schmetterling erscheinen lassen, bedroht von sie zu verglühen drohenden, gleißenden Lichtern.

Jahrzehntelang der Öffentlichkeit durch Zensur entzogen wurde als Vorpremiere in La Rochelle auch Joseph Sticks Interviews with My Lai Veterans (USA 1971) geboten, die Dokumentation von Statements einiger der US-amerikanischen Soldaten, die im Vietnamkrieg auf schlichten Befehl hin 500 Zivilisten samt Frauen und Kindern niedermetzelten, vorher Männer folterten und Frauen vergewaltigten und offensichtlich auch Freude an ihrer Arbeit fanden. Stick schafft ein in 22 Minuten gebanntes Schlüsselwerk über die jederzeit wieder evozierbaren »Kriegsgelüste«, wird die Tabugrenze nur etwas gesenkt und kontextueller Einklang über die Scheinlegitimation der Befehle erzeugt.

Auch dem experimentellen Film bietet La Rochelle eine eigene Bühne. In einer kleinen Kapelle können sich die Zuschauer auf einem großflächigen Teppich niederlassen und das an die Decke projizierte Bildgeschehen verfolgen – eine attraktive Idee, differente Bilder auch in differenten Wahrnehmungssituationen zu präsentieren. Hier fielen besonders die Arbeiten der Belgierin Sarah Vanagt auf. In ihrem 2006 entstandenen Video First Elections filmt sie im Ostkongo Kinder, die die kriegerischen Ereignisse ihrer jüngsten Geschichte in naiver Weise als Spiel wiederholen, gebannt in der Endlosschlaufe des Traumas. In ihrer noch jüngeren Arbeit Power Cut nutzt Vanagt den Moment eines Stromausfalls, um junge Kongolesen im schützenden Schatten der Anonymität von ihren Erfahrungen, Zukunftshoffnungen und Depressionen berichten zu lassen: erschütternde Statements einer von Korruption, Haß und Gewalt zerrissenen Gesellschaft ohne – so jedenfalls der Grundton der skeptischen Zeugen – wirkliche Zukunftsperspektiven. 2008-08-11 11:10
© 2012, Schnitt Online

Sitemap