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6. Festival Paris Cinéma

Paris
1. – 12.7.2008

12 Tage dichte Kinokultur in der Metropole

Von Dieter Wieczorek Sechs Jahre ist es nun her, daß die hohe Pariser Administration entschied, es bedürfe auch in der Metropole eines internationalen, großzügig angelegten Festivals. Der Zeitpunkt kurz vor der Sommerpause, wo die normalerweise enge Aufeinanderfolge kleinerer Festivals vor Ort abnimmt, schien ideal, um auch Open Air-Spielstätten zu nutzen und ein größtmögliches Publikum zu gewinnen. Charlotte Rampling wurde als Präsidentin gewonnen, immer mehr Kinos schlossen sich dem medialen Megaprojekt an, so daß im vorigen Jahr bereits 66.000 Zuschauer und Professionelle sich an den Kartenschaltern präsentierten. Preisausschreibungen lassen ein wenig Glamour aufkommen. Mit der Einsetzung einer Jugendjury sollte auch das jugendliche Publikum gewonnen werden. War zu Anfang die Zusammenarbeit mit kleinen, schon länger bestehenden Festivals und Filminstituten vor Ort erwünscht, ließ angesichts der Erfolgsgeschichte diese Offenheit schnell nach. Wichtiger erschien bald die Etablierung einer – wenn auch bescheidenen – Marktsituation zwischen Produzenten und Regisseuren.

Wer vom fast zeitgleich laufenden Festival La Rochelle in Paris eintrifft, ist überrascht über die erwähnenswerte Anzahl der Filme, die an beiden Spielorten laufen. Zweifel daran, ob diese Doppelpräsentationen sich der Beschränktheit der Filmweltbühne verdanken, scheinen erlaubt. Vielmehr wirken hier lokale Distributionskräfte, die problemlos ihre Filme in beiden Festivals zu platzieren vermögen. So finden sich Pierre Schöllers Versaille, Jerry Skolinowskis Quatre Nuits avec Anne, Dominique Abels, Fion Gordons und Bruno Romy melancholische Komödie Rumba und Ben Maddows, Sidney Meyers und Joseph Stricks The Sauvage Eye hier wie dort programmiert. Zumeist handelt es sich um Vorpremieren der bald in die Kinos kommenden Werke.

Es wäre absurd, Cannes in Paris Konkurrenz machen zu wollen. Vielmehr bescheidet sich das Festival auf einen Auswahl markanter Filme, die wenige Wochen zuvor auf Weltfestivals auffielen wie Steve McQueens Hunger , Rabah Ameur-Zaimeches Dernier Marquis, Pierre Schöllers Versaille und selbstredend den französischen Gewinner der Goldenen Palme Entre les murs von Laurent Cantet. Paris Cinéma will sich nicht als Entdeckerfestival profilieren. Vielmehr sind bereits gesammelte Erfolge auf anderen Festivals die beste Eintrittskarte für Paris. Paris Cinéma will vor allem ein populäres Festival sein. In Rückschauen wird dem taiwanischen Kung-Fu-Meister Tsai Ming-Lian, neben der anmutigen Nathalie Baye und der rebellischen Israelin Ronit Elkabetz, Ehre erwiesen. Anläßlich der Pariser Opernfassung La Mouche werden in David Cronenbergs Anwesenheit sowohl dessen 1986 gedrehter gleichnamiger Film (Die Fliege) als auch Kurt Neumans La Mouche (1958) ins Festival integriert. Eine weitere Retrospektive galt Aki Kaurismäki.

Unter den aktuellen Filmen seien besonders das wirklich ergreifende dokumentarische Werk Young@Heart von Stephen Walker erwähnt, der den Spuren eines durch die USA reisenden Chores nachgeht, dessen Mitglieder allesamt ein Mindestalter von 70 Jahren aufweisen. Enthusiastisch werden Einspielungen von Radiohead bis Bruce Springsteen, The Doors und Bob Marley geprobt, auch wenn einige Teilnehmer in vertraulichen Momenten eingestehen, eigentlich Mozart vorzuziehen. Das intensive gemeinschaftliche Tourneeleben, die kleinen Leiden- und Versagens- ebenso wie die Glücksmomente des Reüssierens sind Thema in Walkers Film. Zuweilen lichtet der Tod ihre Reihen, ohne je ihre Mission und Leidenschaft brechen zu können. Die Kamera folgt der Gruppe auch in die schwersten Situationen. Gerade die Todesnachricht eines ihrer Kameraden erfahren, sind sie gefordert, ein Konzert in einem Gefängnis zu geben. Ihr unverstelltes Auftreten auf tristem Hintergrund gelingt derart intensiv, daß einigen der Zuhörer die Tränen kommen. Für viele der Einsitzenden wird dieses Konzert zum besten, das sie je gehört haben. Doch alles in Walkers Film steuert auf das große Abschlußkonzert zu, für das sie alle so hart gearbeitet haben… Die Jury vergab an diesen Film ihren Hauptpreis.

Der wohl eigenwilligste und riskanteste Erzählfilm des Festivals dagegen ist Michelange Quays Eat, for this Is My Body. In einer Reihe enigmatisch bleibender Szenen baut der heute in Paris lebende US-Amerikaner eine Reihe von Kontrasten auf, zwischen Kolonialisten und Kolonialisierten, Alter und Jugend, Weißen und Schwarzen, eingetaucht in mit schwerelos dahingleitender Kamera gefilmten Panorama-Landschaftsaufnahmen, die wiederum kontrapunktiert werden mit erdrückenden Innenräumen. Quay schafft Metamorphosen von Lebensspektren zwischen den Extremen, die weder zu Zielen noch Ausgleichen streben. Seine statischen Szenen und Tableaux machen die faktische Gewalt unlösbarer Spannungen fühlbar, unerlöst von Narration und Sublimierung.

Fernando Eimbckes Lake Tahoe zeigt die Odyssee eines 16Jährigen, der sich auf der Suche nach einem Wagenersatzteil in die eigentümlichen Rituale und zeitfern wirkenden Verhaltensweisen der Bewohner einer kleinen Ortschaft verliert. Die erzwungene Verlangsamung der Bewegungen bis hin zur Stagnation entpuppt sich nach und nach als eine indirekte, subtile Therapie des Jugendlichen, mit seinem Schmerz um den eben verstorbenen Vater zurechtzukommen. Die oberflächlichen Dialoge und die langen Phasen des Schweigens gestehen dem Protagonisten eine Schutzzone zu, um seine Integrität wiederzufinden und sein Verhältnis zur entleerten Welt neu zu definieren.

Das eigentliche Schwerpunktprogramm des diesjährigen Festivals galt dem philippinischen Film. Besonders sozialkritische Akzente dominierten in diesem Sonderprogramm, das das Bild einer von Korruption und Gewalt gezeichneten Gesellschaft entwarf. In Benji Garcias Batad (2006) wird das von Generationskonflikt und Kommunikationsunfähigkeit geprägte harte Arbeitsleben auf den Reisfeldterrassen thematisiert, ein entbehrungsvolles, perspektiveloses Vegetieren an der Armutsgrenze. Jim Libiran läßt in Tribu (2007) die Gangs von Manila sich selbst spielen, kein leichtes Unternehmen angesichts der tödlichen Verfeindungen untereinander. In einer Eins-zu-eins-Logik folgt die Kamera den täglichen Ritualen, Leerläufen und Gewaltausbrüchen. Libiran liefert eine subjektive Milieustudie, wo Selbstdarstellung und Dokumentation ununterscheidbar werden. Die Jugendjury deklarierte dieses Werk zu ihrem Favoriten.

Die philippinische Botschaft in Paris mietete den gesamten Kinoaal an, um seine Stars in Chito S. Ronos Caregiver zu feiern. Eine erstaunlich große Schar von Philippinos aller Altersschichten verwandelte die Spielstätte in ein verspieltes Kinderzimmer der Begeisterung, das nur von der maskenhaften Starre der anwesenden Administration kontrapunktiert wurde. Ronos Werk behandelt ein typisches Emigrantenschicksal. Trotz ihrer gesicherten Position im eigenen Land, entscheidet sich eine Frau, den Verheißungen ihres Mannes auf ein besseres Leben glaubend, ihm nach London zu folgen. Ihre Träume zerstäuben dort schnell. Doch während der Mann an den Härten des illegalen Arbeitslebens zerbricht, gelingt es der jungen Frau, sich erneut Anerkennung und das Recht auf ein unabhängiges Leben zu erarbeiten. Eher vom Experimentalfilm geprägt schafft Khavn de la Cruz in Three Days of Darkness (2007) eine brillante Parodie auf das Horrorgenre, in dem er allein mit fragmentierten Tonsequenzen und für Sekundenbruchteile aufflackernden Kameraeinstellungen ein Schreckensszenario erstellt, das sich allein in der Imagination des Zuschauers, nicht aber auf der Leinwand entfaltet.

Nur wegen des technischen Ausfalls eines anderen Werks rutschte Lino Broskas Film You Are Weighed in the Balance But Are Found Wanting (1974) ins Pariser Programm. Dieses überaus sozialkritische Werk konfrontiert die in Vergnügungssucht, Egozentrik, Täuschung und materieller Wertanhäufung aufgehenden Oberschicht mit der Geschichte zweier Marginaler, die als einzige noch zu aufrichtigen Gefühlen fähig sind. Ein Mann mit entstelltem Gesicht entwickelt eine zarte und beschützende Liebe zu einer von schizophrenen Schüben und Psychosen heimgesuchten Frau. Die zynische und unter moralistischen Vorwänden in Szene gesetzte brutale Zerschlagung dieses Paares wird von Broska verdichtet zum Porträt einer in Hypokrisie erstarrten, perspektivlosen Gesellschaft.

Als ein weiterer historischer Schlüsselfilm ist Ishmaels Bernals Himala (1982) zu nennen. Eine junge Frau ist überzeugt, der Erscheinung der Jungfrau Maria beigewohnt zu haben. Schnell wird sie für eine verarmte Bevölkerung zur einzigen Ansprechperson, von der man sich Hilfe verspricht. Sie wird in eine Heiler- und Seherrolle gepreßt, der sie selbst dann nicht mehr entfliehen kann, als ihre Selbstzweifel unerträglich werden. Der naive Glaube der hilflosen Pilger wird in ihrer Umgebung radikal kommerziell ausgenutzt. Als die Frau schließlich dem Spuk ein Ende machen will, wird sie getötet, um als Heiligenfigur weiter nützlich zu sein.

Im Rahmen des philippinischen Schwerpunktes wurde in einer Sonderreihe Brillante Mendoza besonders geehrt, der dieses Jahr bereits in Cannes mit seinem Film Serbis reüssierte. In einer durch Detaileinstellungen geschaffenen, schwül-sinnlichen Atmosphäre entfaltet sich zwischen chaotischem Aktionismus und eruptiver Erotik ein dekadentes Dahintreiben, durchdrungen vom unausgesetzt in alle Räume dringenden, aggressiven Straßenlärm, der die Unhaltbarkeit und Unerträglichkeit dieser Scheinwelt signalisiert. Paris bot nun die Chance, weitere Mendoza-Werke wie Der Masseur (2005), Summer Heat (2006) und Slingshot (2007) zu sehen. Mendoza gelingt es, Abhängigkeiten, Gewaltverhältnisse und Sehnsüchte in Massagesalons ebenso gekonnt einzufangen wie in verkrusteten Familienhierarchien. Slingshot, eine Art philippinischer Blade Runner, besteht vornehmlich aus einer rasanten Kamerafahrt durch die engen Gassen Manilas während der heiligen Woche, eine frenetische Reise in den Dschungel sinnlich orgastischer Religiosität, garniert mit Gewaltdelikten. Der sich unausgesetzt in Details verlierende Sehausschnitt erlaubt keine Atempause. 2008-09-01 10:59
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