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13. Split Film Festival

Split
13. – 20.9.08

Ein kompromißloses Festival

Von Dieter Wieczorek Ganz einfach ist es natürlich nicht, an einem lichten Sommertag im idyllischen Küstenort Split im Kinosessel zu verharren angesichts seiner Strände und der belebten, labyrinthischen Altstadt, plaziert in einer Landschaft, die schon Diokletian überzeugte, seinen Palast hier zu errichten. Doch das Split Film Festival, nunmehr bereits in seiner 13. Edition, offeriert eine sympathisch lange Mittagspause und lockt vor allem durch ein mutiges, alle kommerziellen Interessen mißachtendes Programm. Das Split Festival ist der Ort, wo die Außenseiterbeiträge der Weltfestivals erneut in verdichteter Form zusammengetragen werden zu einem internationalen Wettbewerb.

Der bereits in Cannes für Verstörung sorgende brasilianische Film A festa da meninha morta von Mattheus Nachtergaele konfrontiert den Zuschauer in seinem ersten Teil mit einem konfusen, von hysterischen Dialogen gekennzeichneten Milieu irgendwo in einer Kleinstadt am Negro River. Erst langsam kristallisieren sich Anhaltspunkte einer Geschichte, die vor allem ein Ritual aufzeichnet. Ein junger Mann, nach dem Selbstmord seiner Mutter inzestuös an seinen Vater gebunden, wird als Heiliger und Seher verehrt, da er es gewesen ist, der vor 20 Jahren das blutige Kostüm einer für immer verschwundenen Jugendlichen gefunden hatte, das seither als Reliquie verehrt wurde. In diesem schwülen Milieu aus Fetischismus und obsessiver mit magischen Insignien durchsetzter Religiosität agieren die Protagonisten in permanenter Anspannung zwischen Gehorchen und Befehlen. Sie sind Opfer und Kollaborateure dieser ausweglosen sozialen Enklave zugleich. Nachtergaeles Film überzeugt als Studie eines Mikromilieus, das sich fern aller Einflüsse von Außen seine eigenen Spielregeln setzt, an die zu glauben den Einheimischen zur Lebensnotwendigkeit geworden ist.

Mange, ceci, c' est mon corps ist Titel der französisch-haitianischen Koproduktion von Michelange Quay, der ein Feld von unvermittelten Polaritäten zu suggestiven Bildern verdichtet. Scharfe Konfrontationen weiter Landschaften mit bedrückenden Innenräumen, junge Körper mit solchen an der Verwesungsgrenze, Besitzende mit Abhängigen, Schwarze mit Weißen werden in diesem enigmatischen Film zu einem Existenzspektrum verdichtet, das keine Lösung oder Synthese der polaren Spannungen in Aussicht stellt.

Die internationale Jury kürte Albert Serras spanischen Beitrag El cant dels ocells mit dem Hauptpreis. Wie bereits in Honor de cavalleria ist sein Werk vor allem eine meisterliche Dekomposition. Erzählt wird die biblische Geschichte der drei Könige, die auszogen, das Jesus-Kind zu ehren. Ohne aber in einen möglichen Pathos oder eine Schwere des Sujets zu fallen, berichtet Serra vor allem von den alltäglichen Beschwernissen dieser anstrengenden Reise und läßt seine Protagonisten oftmals fast debil erscheinen. Die Könige sind ganz normale, hilflose alte Männer, die hier alle Mühe haben, wortkarg Hügel zu erklimmen und Steppen zu durchqueren, um sich nach langen Nacht- und Nebelpassagen schließlich wortlos vor dem heiligen Paar zu Boden zu werfen, das seinerseits eher apathisch kraftlos in Szene gesetzt wird. Die heilige Geschichte aus der banalen Alltäglichkeit heraus darzustellen ist ein subtiler Kunstgriff, Religiosität, und Bedeutsamkeit ganz anders zu deuten denn als spektakuläres Ereignis oder medialisierte Inszenierung. Serra gelingt es, trotz aller irritierenden Degradierung und Nivellierung der Protagonisten, einen sich Verständlichkeit und Entschlüsselung entziehenden bedeutsamen Akt einzufangen. Gerade so aber vermag er, eine mögliche religiöse Dimension des Geschehens zu veranschaulichen und fühlbar zu machen, ohne sie mit herkömmlichen Mitteln zu instrumentalisieren und damit letztlich zu verstellen.

Im dokumentarischen »Image«-Programm liefen u.a. Julia Coles Gilbert und George, Porträt des erfolgreichsten und eigenwilligsten Performancepaares der zeitgenössischen Kunst, Palomas Rochas und Joel Pizzinis Anabazys, das vitale Porträt ihres Vaters Glauber Rocha, Rebell, Poet und Schlüsselfigur des brasilianischen Avantgardefilms, und Mohamed Al-Dardjis War, Love, God and Madness,, ein Dokumentarfilm über die lebensgefährlichen Bedingungen des Filmemachens im heutigen Irak, gleichzeitig Ode ist an die Bedeutsamkeit der Kultur im Widerstand gegen die Barbarisierungsprozesse der durchgeschalteten Globalisierung.

Weitere Filmreihen Splits bieten nicht minder radikale Werke. In der »Focus«-Reihe lief u.a. Terje Carlsson Dokumentarfilm Valkommen tell Hebron, der vom Überleben der Palästinenser in einer vom israelischen Militär eingeschnürten Zone auf der West Bank handelt, daneben der von den Philippinen kommende Film Aki Ra's Boys von James Leong und Lynn Lee, der dem Schicksal eines Jugendlichen nachgeht, der seinen Arm durch eine Landmine verlor und mit Energie und Selbstbewußtsein seinen Platz in einem verarmten Umfeld behauptet.

Experimentelle Arbeiten finden sich in der Sektion »Frame Extended«. Der ohne Worte auskommende, ganz auf die Bildkraft des (fast) Ereignislosen setzende ungarische Film Tejut von Benedek Fliegauf findet hier seinen Platz. Retrospektiven galten Orson Welles, Harun Farocki und dem schon erwähnten brasilianischen Kultfilmer Glauber Rocha. Neben einer Werkschau wurde dessen Schaffen durch dokumentarische Beiträge seiner Tochter (Anabazys) und seiner Lebenspartnerin Paola Gaitans (Diario de Sintra) revitalisiert.

Und dann gibt es noch die Sektion Medienkunst, die in einer teilweise noch im Bau befindlichen Halle für Theater- und Gegenwartskunst geboten wurde. Teilnehmer dieser Sektion, wie auch Repräsentanten der Retrospektiven, eröffneten dem Publikum in Vorlesungen Einblicke in ihre Arbeitsweisen und Hintergrundsinformationen zu den Werken.

Ergänzt wird das Programm durch einen internationalen Kurzfilmwettbewerb, der ebenfalls den Anspruch erheben kann, ästhetische und konzeptuelle Risiken auf sich zu nehmen, um Fremdartiges und Außenseiterisches zu bieten.

Split ist zweifellos ein weit gefächertes Festival, dem man ein wenig mehr Publikum nur wünschen kann. Der diesjährige Umzug vom Altstadtzentrum in ein am Stadtrand gelegenes, in ein Einkaufszentrum integriertes Multiplexkino hat es dem engagierten und vitalen Team mit dem souveränen Direktor Branko Karabatic nicht leichter gemacht. Doch entmutigt ist hier niemand. Den Gästen könnte schon im nächsten Jahr ein Pool auf dem Dach und damit ein Ort problemloser Begegnung zur Verfügung gestellt werden. Und auch eine Rückkehr ins Zentrum ist nicht ausgeschlossen. Ein derart außergewöhnliches Festival verdiente es. 2008-10-01 14:38
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