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9. Circuito Off: Venice International Short Film Festival

Isola San Servolo, Venedig
30.8. – 5.9.08

Warum die Biennale in Venedig abends Tausende Besucher verliert

Von Dieter Wieczorek Es sind nur zehn Minuten Bootsfahrt, die das große Filmfest der Biennale auf dem Lido in Venedig von der kleinen Insel San Servolo trennen, wo sich seit neun Jahren das Kurzfilmfestival »Circuito Off« manifestiert. In wenig Zeit hat sich hier ein Festival manifestiert, das den größten Kurzfilmmarkt Italiens anbietet und einen umfangreichen, 350 Seiten starken Katalog mit den eingegangenen internationalen Beiträgen bereitstellt. Unterstützt von Media und dem Hauptsponsor Volvo werden hier nicht nur aktuelle Kurzfilmprogramme gezeigt, sondern auch Workshops und Informationsveranstaltungen organisiert, in denen namhafte Festivals, aber auch große Medien wie der TV-Sender Arte ihre Angebote und Engagements für den Kurzfilm offenlegen.

In einem europäischen Seminar für Kinoveranstalter, die sich den kommerziellen Risiken des Art-and-Essay-Films, des Autorenkinos und zuweilen gar des experimentellen Films aussetzen, konnten die Teilnehmer sich kundig machen über Strategien und Arbeitsweisen ihrer Kollegen und an einem europäischen Netzwerk zu basteln beginnen, das zukünftige Zusammenarbeiten erleichtern könnte.

Neben einem Kinosaal bietet das Festival drei Open-Air-Projektionsflächen bis tief in die Nacht, ein Angebot, das noch bereichert wird von einem weitgefächerten Konzertprogramm, das ab den abendlichen Stunden Tausende auf die Insel lockt. Für sie hält das Festival kinematographische Themenblöcke bereit, an deren quantitativem Erfolg nicht zu zweifeln ist. Die spezifisch weibliche Sicht auf Erotik und Sex – im Gegensatz zum männlich pornographischen Blick – präsentiert unter dem wirksamen Titel »Second Sexe – The Female Orgasm«, war einer unter ihnen, ein anderer die Versuche des sexzentrierten Regisseurs Tinto Brass, ein wenig Ironie und Humor in das – hier nun doch ganz – pornographische Treiben zu bringen. Wem es hier zu voll wurde, konnte, nur ein paar Schritte entfernt im benachbarten Park, zeitgenössische Installationen und Skulpturen genießen. Das »Circuito Off« Festival unterstützt seine Öffnung für Gegenwartskunst noch durch Sonderprogramme wie »Art Zone« sowie Retrospektiven aktueller Positionen wie Frederic Amats, des Teatrino Clandestino und des Künstlerduos Cristiano Carloni und Stefano Franceschett.

Unter den Kurzfilmprogrammen im engeren Sinne ist besonders die Retrospektive des in Nigeria geborenen und heute in Paris lebenden Newton I. Aduaka hervorzuheben, der in verblüffend unterschiedlichen Ansätzen, die seine verschiedenen Arbeiten auszeichnen, den Aspekt der möglichen Andersartigkeit des afrikanischen Blicks elaboriert. Sein Film Aicha (2004), in Senegal und Nigeria entstanden, ist eines der eindringlichsten Beispiele, wie sich eine experimentelle, assoziative Filmsprache mit schwarzafrikanischen Wahrnehmungsformen liieren kann, die die Mysterien ihrer Herkunft nicht preisgeben und gerade in der enigmatischen Filmsprache einen überzeugenden Ausweg aus glättenden, Identitätseindeutigkeiten suggerierenden Manifestationen finden.

Auch für das Web hat »Circuito Off« ein spezifisches Programm vorbereitet, ebenso wie für lokale Beiträge, die bereits auf DVD vorlagen zur späteren Ansicht für die überforderten Journalisten, die oftmals gleichzeitig auch über das Biennale-Hauptprogramm zu berichten haben. Der die Jury am meisten überzeugende Beitrag dieser »Veneto in Short«-Sektion war Senza perdere la tenerezza von Francesca Balbo, das Porträt eines venezianischen Arbeiters, der dem massiven, durch Umstrukturierungsmaßnahmen verursachten Druck, sein Domizil am Kanal aufzugeben, einfach nicht nachgibt und zusammen mit seinen Freunden an seinem eingespielten Lebensstil festhält.

Im Wettbewerbsprogramm, das eigentliche Herzstück des Festivals, wurde Babak Aminis Angels Die in the Soil mit dem Hauptpreis gekürt, ein Werk, das die Absurdität einer unübersichtlichen Kriegssituation im Grenzland von Iran und Kurdistan schmerzhaft fühlbar macht. Ansässige und Eindringlinge reagieren größtenteils nur noch mit apathischer Desillusion auf die ständige Lebensbedrohung. Der einzelgängerische Rettungsversuch eines US-amerikanischen Soldaten durch eine junge, durch Giftgas schwer erkrankte Frau, scheitert klanglos. In der »Made in Italy«-Sektion gewann Davide Pepes Last Kodachrome 40 for a Nizo s800, der noch einmal die spezifische Poesie der Unschärfe dieses vom Markt genommenen Filmmaterials anschaulich macht. Weitere erwähnenswerte Beiträge des internationalen Wettbewerbs waren The Execution of Solomon Harris von Wyatt Garfield und Ed Yonaitis, die die durch eine technische Panne plötzlich in voller Härte erscheinenden Barbarei der Todesstrafe in den USA zum Thema machen, der aus Deutschland kommende Film Lebenswandel von Stefan Kornatz, die Begegnung eines gutbürgerlichen Vaters mit seiner verwöhnten Tochter als Kunde und Prostituierte in einem Hotelzimmer, und das in Belgien vom rumänischen Regisseur Banu Akseki produzierte Meisterwerk Songe et poéme d’une femme de ménage, der mit sublimen Mitteln zwei Typen der Einsamkeit miteinander konfrontiert, die einer isolierten bourgeoisen Villenbesitzerin, die in Meditation, Gymnastik und Dildopraxis Trost sucht, und die einer einfachen Frau, deren Existenz zwischen einem sie ignorierenden Ehemann und monotonen Arbeitsabläufen ausglimmt. 2008-10-15 14:32
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