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18. Cologne Conference

Köln
8. – 13.10.08

Die Qualitätskontrolle

Von Daniel Bickermann Einen besseren Zeitpunkt hätte sich Marcel Reich-Ranicki gar nicht aussuchen können. Während er am 12. Oktober in Köln den Zorn des Gerechten auf die im Coloneum versammelten Branchenstars niedergehen ließ, die sich in der üblichen Fernsehpreisabsprache selbst feierten, stand der Rest der Stadt im Zeichen der Cologne Conference. Reich-Ranicki hätte sich die vielen Schimpfworte gegen die erbärmliche Qualität des deutschen Fernsehens sparen und einfach verkünden können: Was macht Ihr hier im Coloneum? Warum seid Ihr nicht in einem der Kölner Kinos und macht Euch Gedanken über die Zukunft des Fernsehens?

Denn genau das passierte auf Deutschlands einflußreichster Film- und Fernsehmesse. Als hätte man den Eklat geahnt, setzte die CoCo von Beginn an die richtigen Zeichen: kein roter Teppich, keine Blumensträuße, keine überschwenglichen (Selbst-)Gratulationen – schon die nüchtern gehaltene Eröffnungsfeier signalisierte eine professionelle, arbeitswütige Stimmung. Auch die anschließende Fragestunde mit dem Regisseur und Produzenten des britischen Episodenfilmprojekts 10 Days to War, einer neuartigen Koproduktionsform zwischen Nachrichten- und Spielfilmabteilung der BBC, zeigte das Interesse des Publikums an Auswegen aus der kreativen Krise des deutschen Fernsehens. Hier ging es nicht um Glamour, sondern um Medienprofis, die gemeinsam mit dem Publikum, das auch dieses Jahr wieder äußerst zahlreich heranströmte, die internationale Auslese der Fernsehproduktionen begutachten wollten. Und da bekamen sie einiges zu sehen.

Die Zukunft stand groß im Raum – und nicht nur, weil die gezeigten US-Großproduktionen fast ausschließlich im SciFi-Bereich angesiedelt waren. Viele der hier zu sehenden Dokus thematisierten das Medium Fernsehen gleich mit und warfen dabei moralische, qualitative und mediengesellschaftliche Fragen auf, an denen die Programmplaner ebensolange zu kauen hatten wie an dem vielfältigen Einkaufsangebot. Zwar war bei der diesjährigen Auswahl nicht alles Gold, was da glänzte: Gerade die prominenteren Serien wie JJ Abrams’ Fringe oder die in den USA schon wieder abgesetzten Sarah Connor Chronicles enttäuschten eher. Aber auch daraus ließen sich Lehren ziehen: Es braucht für ein gutes Fernsehprogramm eben nicht unbedingt den großen Aufwand und die prominenten Namen, sondern eher die ungebremste, überbordende Kreativität. Das bewiesen in diesem Jahr nicht nur die begnadeten neuseeländischen Komiker von Flight of the Conchords, deren Serie hierzulande längst zu den DVD-Importgeheimtips gehört, sondern auch die haarsträubende, tragikomische US-Serie Breaking Bad, in der ein braver Chemielehrer angesichts seines bevorstehenden Krebstodes beschließt, mithilfe eines selbstgebastelten Drogenlabors noch schnell genug Geld für seine Familie zusammenzusparen.

Die Zuschauer kamen übrigens, wie erwähnt, in Strömen und füllten nicht nur die Vorführungen der prominenten Großproduktionen regelmäßig bis auf den letzten Platz. Eine schonungslose Dokumentation über den australischen Exploitationfilm der 1960er (Not Quite Hollywood)? Ausverkauft. Ein kluges Porträt der vier moslemischen Moderatorinnen der beliebtesten arabischen Satelliten-Talkshow (Satellite Queens)? Ausverkauft. Ein einfühlsamer Film des amerikanischen Gesellschaftskritikers Harmony Korine über eine Kommune aus Celebrity-Nachahmern (Mr. Lonely)? Natürlich ausverkauft. Gleichzeitig beschworen am anderen Ende der Stadt die Senderchefs den Quotendruck, um ihre oberflächlichen Billigprogramme zu rechtfertigen.

Faszinierend war vor allem die Frage, die nach der Cologne Conference im Raum stand. Sie lautete nämlich nicht: Wird das gekauft und ausgestrahlt? Sondern: Warum gibt es das eigentlich nicht hierzulande? Oder genauer: Wo bleibt eigentlich eine so beherzte Doku über die deutschen Sleaze-Filme der 60er und 70er wie in Not Quite Hollywood? Und: Warum ist so ein faszinierendes Kurzformat wie das britische 10 Days To War, das in je acht täglich vor den Abendnachrichten gesendeten Minuten an eine historische Entwicklung erinnert, nicht auch hierzulande möglich? Und vor allem: Warum gibt es in Deutschland keine moslemische Talkrunde wie in Satellite Queen, die aktuelle gesellschaftliche Themen bürgernah, ernsthaft und glaubwürdig durchdiskutiert?

Insofern muß die Cologne Conference für das deutsche Publikum und die deutschen Programmplaner dieses Mal extrem inspirierend gewesen sein – zumindest für diejenigen, die den Glamour im Coloneum zugunsten eines wirklich guten Festivals links liegen gelassen haben. 2008-10-23 12:05
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