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16. Filmfest Hamburg

Hamburg
25.9. – 2.10.2008

Weltkino auf der Agenda

Von Carsten Happe Etwas altbacken kommt sie mittlerweile schon daher, die Betitelung Hamburgs als »Tor zur Welt«, wie sie jüngst auch wieder anläßlich der Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit hervorgekramt wurde. Auf das Filmfest in der Hansestadt trifft sie allerdings voll und ganz zu, verschreibt es sich doch keinem übergeordneten Länderschwerpunkt, sondern zeigt in seiner umfangreichsten Sektion »Agenda« Filme aus aller Herren Länder. Eine gute Gelegenheit also, mit angemessenem Abstand zur Berlinale und Cannes, den Stand des Weltkinos zu überprüfen und hier und dort Tendenzen zu extrahieren.

Nicht, daß zwei, drei Filme eines Landes gleich automatisch soziologische Diagnosen über den gesellschaftlichen Zustand nach sich ziehen, aber etwa die US-amerikanischen Beiträge zeigten schon deutlich, wie sehr sich dort – im Independent-Sektor natürlich – die Auseinandersetzung mit der Post-9/11-Gesellschaft festgesetzt hat. Am deutlichsten war dies in The Visitor, Tom McCarthys zweitem Langfilm nach Station Agent, zu spüren. Der ewige Nebendarsteller Richard Jenkins entdeckt in einer seiner wenigen Hauptrollen als erstarrter Harvard-Professor, daß sich in seinem lange ungenutzten New Yorker Apartment ein junger Syrer mit seiner senegalesischen Freundin eingenistet hat. Nach anfänglichem Schock entsteht eine fragile Freundschaft zwischen den ungleichen Männern, bis die Einwanderungsbehörde Wind von den Illegalen bekommt und sich eine hysterische Staatsmaschinerie in Gang setzt. McCarthy schafft hier den Spagat zwischen engagiertem Politfilm und unterhaltsamem Schauspielerkino – neben Jenkins besticht die phänomenale Hiam Abbass als besorgte Mutter des Inhaftierten – und sorgt mit seiner bedachten Inszenierung für den stärksten Film des gesamten Festivals.

Vergleichsweise humorvoller geht es im zweiten gelungenen US-Beitrag zu, wenngleich die Umstände, aus denen die Komik in Sunshine Cleaning von Christine Jeffs entsteht, oftmals tragischer Natur sind: Aus finanziellen Nöten eröffnet die alleinerziehende Rose zusammen mit ihrer trotzigen Schwester Norah einen Reinigungsdienst für Leichenfundorte. Zwischen Weeds und Little Miss Sunshine changierend, erreicht der Publikumserfolg vom Sundance Festival zwar nicht die Klasse seiner Vorbilder, weiß jedoch mit seinen verschrobenen Figuren durchaus zu überzeugen.

Ganz im Gegensatz zu Diane Kurys‘ betulichem Biopic Bonjour Sagan, das in ebenso altbekannter wie dröger Abhak-Manier das Leben der unkonventionellen Literatin durchhechelt. Zumindest wurde Sylvie Testud, die etwas verzweifelt versucht, der unkonventionellen Françoise Sagan Leben einzuhauchen, ein halbwegs adäquates Alters-Makeup angediehen. Davon konnte Laetitia Casta bei ihrer Hauptrolle in Ducastel/Martineaus Born in 68 nur träumen – auch gegen Ende dieser 40 Jahre umspannenden Chronik einer französischen Kommune/Großfamilie schaut das Model, nun ja, wie ein etwas älteres Model aus.

Weitaus stärkere Beiträge hatte einmal mehr das dänische Kino zu bieten. Sowohl die hundsgemeine Provinzschrulle Terribly Happy von Henrik Ruben Genz als auch Kristian Levrings Fear Me Not nach einem Drehbuch des omnipräsenten Anders Thomas Jensen gehörten zu den erzählerisch durchdachtesten Filmen des Festivals – insbesondere Fear Me Not, eine subtile Satire über die emotionalen Auswirkungen eines Medikamententests, die einen etwas verkrampften Familienvater zu bösen Psychotricks verleiten, überzeugte durch großartige Darsteller und eine unaufgeregte, präzise Inszenierung.

Dies attestierte die Wettbewerbsjury in Cannes auch Nuri Bilge Ceylans Three Monkeys und sprach dem wuchtigen Drama seinerzeit den Regiepreis zu. Nach dem minimalistisch-melancholischen Jahreszeiten beweist Ceylan einmal mehr sein Gespür für die großen Wirkungen kleiner zwischenmenschlicher Gesten und ausdrucksstarker Bilder, die die Leinwand zu sprengen drohen. Ganz dem Kino zugewandt ist dagegen Tony Manero, einer der Geheimtips des Hamburger Festivals. Die chilenisch-brasilianische Charakterstudie eines alternden Kleinkriminellen und Möchtegern-Travoltas, der für seinen Traum, einmal wie der Disco-King auf der neonbeleuchteten Tanzfläche zu stehen, über Leichen geht, ist ebenso eine Hommage an die Illusionskraft des Kinos wie ein bitterer Kommentar auf unkontrollierten Fan-Fetischismus, darüber hinaus vermittelt er einige kluge Einblicke in das Pinochet-Chile der späten 1970er.

Der Magie der Bilder widmet sich auch Schwedens Regielegende Jan Troell in seinem nostalgischen Drama Everlasting Moments, das über mehrere Jahrzehnte dem entbehrungsreichen Leben der Maria Larsson folgt, die ihre Leidenschaft für die Fotographie entdeckt und in der zarten Romanze mit dem Inhaber eines Fotogeschäfts für kurze Augenblicke dem aufbrausenden Ehemann und den fünf Kindern entflieht. Wenngleich ziemlich betulich erzählt, setzt Troell hier der analogen Technik ein sehr warmherziges Denkmal.

Der Kanadier Atom Egoyan hingegen, für die Verleihung des Douglas-Sirk-Awards nach Hamburg gekommen und von Wim Wenders mit einer sehr launigen Laudatio geehrt, lebt voll im Hier und Jetzt – die Figuren seines neuen Films Adoration kommunizieren per Webcam, dekonstruieren Identitäten, sehen sich einer unendlich komplex gewordenen Post-9/11-Welt konfrontiert, die keine einfachen Antworten mehr zuläßt. So ist auch Adoration ein verschachtelt-kühles Filmpuzzle, dessen eigentliche Qualität darin liegt, Fragen aufzuwerfen und Sicherheiten in Frage zu stellen – ein Ideenfilm, der als solcher nur noch von Tokyo! übertroffen wurde. Dieser Omnibusfilm von Michel Gondry, Leos Carax und Bong Joon-ho geht dabei den erwartet spielerischen Weg und wartet in allen drei Segmenten mit einem Füllhorn verrückter bis entzückender Kinoideen auf, die dem Ruf der Regisseure mehr als gerecht werden. In Tokyo! kulminiert der Anspruch des Festivals, in der Sektion »Agenda« dem Weltkino nachzuspüren, aufs vortrefflichste – zwei Franzosen, der eine mittlerweile vorwiegend in Hollywood tätig, und ein Südkoreaner inszenieren die japanische Metropole als Moloch, als Weltbühne, als Erschütterung aus Liebe. Einzig bei Babel waren wir alle einander näher. 2008-10-31 15:38
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