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50. Nordische Filmtage Lübeck

Lübeck, 29.10. – 2.11.2008

Jubiläum mit kleinen Fehlern

Von Jens Dehn Zum 50. Mal fanden von Ende Oktober bis zum 2. November die Nordischen Filmtage in Lübeck statt. Von einer einstmals kleinen Filmschau mit 756 D-Mark Budget hat sich das Festival zu einem der wichtigsten Schaufenster des skandinavischen Films außerhalb Skandinaviens entwickelt. Dabei sind die Filmtage mit der Zeit immer größer, immer umfangreicher geworden. So erhielten 1987 Filmemacher und -produktionen aus Schleswig-Holstein und Hamburg mit dem »Filmforum« eine eigene Plattform, und Anfang der 1990er wurde das Spektrum um Filme aus den Baltischen Ländern erweitert. In den vergangenen Jahren hat dies zur Folge gehabt, daß das Festivalkino Stadthalle immer mehr aus allen Nähten zu platzen drohte.

Die Verantwortlichen kamen dem entgegen, indem das Festival um einen Tag erweitert wurde – seit 2006 dauern die NFL fünf Tage statt ehedem vier. Zudem ist man aus dem Festivalkino herausgegangen an zusätzliche Spielorte in der Stadt, was dem Publikum unliebsame Laufwege beschert und den Filmtagen viel von ihrem familiären Charme nimmt. Bleibt dabei die Frage, ob sich dieser Mehraufwand auch lohnt? Zur 50. Ausgabe der Nordischen Filmtage waren nun insgesamt 140 Filme zu sehen. Betrachtet man alleine die 18 Wettbewerbsfilme, die um den mit 12.500 Euro dotierten NDR-Spielfilmpreis konkurrierten, muß diese Frage mit einem klaren »Nein« beantwortet werden. Selten war ein Jahrgang in Lübeck qualitativ schwächer besetzt als 2008.

Gewonnen hat letztlich ein norwegischer Film: Mannen som elsket Yngve (Der Mann, der Yngve liebte) spielt im Stavanger des Jahres 1989, in dem sich Teenager Jarle in Yngve, den neuen Jungen in seiner Klasse, verliebt. Der Film erzählt »mit unglaublicher Leichtigkeit, Wärme und Humor eine emotionale Coming of Age-Geschichte, ohne den Figuren ihre Wahrhaftigkeit zu nehmen«, heißt es in der Begründung der Jury. Mit Der Mann, der Yngve liebte wurde zwischen viel Mittelmaß ein würdiger Wettbewerbssieger gefunden.

In Erinnerung bleiben die 50. Nordischen Filmtage auch als das »Anders W. Berthelsen-Festival«. Der Dänische Schauspieler – hierzulande vor allem aus Italienisch für Anfänger bekannt – besetzt gleich in drei der vier Dänischen Wettbewerbsfilme die Hauptrollen und lenkt durch sein Spiel von den Schwächen der Filme ab, die zumeist am Drehbuch kränkeln. Det som ingen ved (Was niemand weiß) von Søren Kragh-Jacobsen thematisiert die zunehmende Entwicklung zum Überwachungsstaat in Form eines Politthrillers, Dansen (Der Tanz) ist ein unausgegorenes Liebesdrama, und in Kærlighed på film (Bedingungslos) schlüpft Berthelsen als frustrierter Familienvater in die Identität eines fremden Mannes, um so ein neues Leben zu beginnen. Der Film von Nachtwache-Regisseur Ole Bornedal beginnt experimentierfreudig und visuell beeindruckend, verliert mit zunehmender Spieldauer aber immer mehr den Mut und endet als konventionell erzähltes Drama.

Auf die Retrospektive war man angesichts des runden Geburtstages besonders gespannt. Sie trug schlicht den Namen »50 Jahre Nordische Filmtage Lübeck« und präsentierte noch einmal die Highlights der Festivalgeschichte. Das hört sich schon unkonkret an und war dann letztlich auch lediglich eine Aneinanderreihung der bekanntesten Regisseure Skandinaviens und der Filme, mit denen sie in Lübeck vertreten waren. Gabriel Axel mit Babettes Fest, Lars von Trier mit The Element of Crime. Der Finne Aki Kaurismäki war dabei (mit dem frühen Crime and Punishment), ebenso Fridrik Thor Fridriksson aus Island (mit Kinder der Natur). Bent Hamers Eggs stand für das norwegische Kino, und aus Schweden waren die Filme der ganz Großen zu sehen: Jan Troells Hier hast Du Dein Leben, Bo Widerbergs Schön ist die Jugendzeit und Ingmar Bergmans Das siebente Siegel. Alles fraglos wichtige Regisseure, gute Filme und ein Querschnitt dessen, was Lübeck seit 1956 (zwei Mal mußten die Nordischen Filmtage aussetzen) nach Deutschland gebracht hat. Doch eine wirklich repräsentative Rückschau auf 50 Jahre Festivalgeschichte konnte diese irgendwie doch wahllose Zusammenstellung nicht sein.

Ergiebiger war da schon die kleine, aber feine Werkschau zu Ehren des 150. Geburtstages der schwedischen Autorin Selma Lagerlöf. Hier gab es die wahren Festivalschätze 2008 zu sehen: Victor Sjöströms Der Fuhrmann des Todes von 1921 etwa, der – atmosphärisch angemessen – in der Lübecker St. Jacobi Kirche aufgeführt wurde, oder auch Herrn Arnes Schatz von Mauritz Stiller aus dem Jahr 1919. Selma Lagerlöf und die Verfilmungen ihrer Stoffe sind auch Inhalt der diesjährigen Begleitpublikation der Nordischen Filmtage – und nicht etwa die Retrospektive.

Nach aktuellen Entdeckungen mußte man schon genauer suchen. Syndir fedranna (Am Rande der Welt) ist so eine. 1952 wurde in Breidavik, an der Westküste Islands, ein Heim für schwererziehbare Jungen eröffnet. 2006 enthüllte eine Fernsehsendung, daß dort über Jahre hinweg Jugendliche in staatlicher Obhut systematisch geschlagen und mißbraucht worden sind. Der Dokumentarfilm von Bergsteinn Björgúlfsson erzählt die Lebensgeschichten der Opfer von einst mit großer Offenheit und Einfühlungsvermögen.

Lübeck, das sollte trotz aller Kritikpunkte herausgehoben werden, bleibt auch weiterhin lohnenswert: Die Filmtage sind nach wie vor eines der atmosphärischsten und freundlichsten Filmfestivals im deutschsprachigen Raum. Und so publikumsnah wie hier sind Stars wie Ulrich Thomsen selten zu erleben. Dennoch muß sich die Festivalleitung Gedanken darüber machen, künftig nicht auf Masse, dafür aber auf Klasse zu setzen. Denn manchmal ist weniger eben doch mehr. 2008-11-10 18:02
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