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13. Milano Film Festival

Milano
12. – 21.9.2008

Gegen die kulturelle Dekadenz

Von Dieter Wieczorek In den letzten fünf Jahren hat sich das Milano Film Festival zu einem der wichtigsten italienischen Filmtreffen neben Venedig, Turin und Pesaro profiliert. Das Festivals versteht sich explizit, den Worten des Direktors Lorenzo Castellini folgend, als eines »gegen die kulturelle Dekadenz dieses Landes« gerichtet. Ein derart offenes Statement hört man im Subventionsdschungel selten. Es ist ein klarer Indikator, daß sich der Erfolg des Milano Festivals vor allem aus der unablässigen Energie seiner Mitarbeiter und der hartnäckigen Privatsponsorsuche, nicht aber kompromißlerischer Strategien gegenüber lokalen und regionalen Administrationen verdankt. Das Resultat ist ein Festival, das über neun Tage hinweg nicht nur überwiegend gut gewählte Lang- , Kurz- und Dokumentarfilme zusammenbringt, sondern Konzerte, Debatten und nunmehr auch VIP-Treffs (Vincent Gallo) organisiert, eine beachtliche Anzahl von Filmemachern an den Ort bringt und jede Nacht mehrere Spielflächen und Großleinwände im benachbarten Park bespielt.

Das großräumige Teatro Strehler in Milano ist Mittelpunkt des Festivalgeschehens und bietet hinreichend Platz für die anströmenden Publikumsmassen, die auf der Theaterterrasse weitere Konzerte verfolgen oder sich einfach in die jeden Abend überfüllte Barszene stürzen können.

Eine der guten Ideen schon am Beginn der Festivalgeschichte war das Konzept, auch (eine gewisse Anzahl) der nicht gewählten Filme im ebenfalls benachbarten Innenhof des Castellos Open Air zu projizieren unter der Bedingung, daß der Filmemacher präsent ist, um seinen Film zu verteidigen. Einen aufsässigen und offenen kritischen Geist wird man dem Festival bis heute gern bestätigen können. Er führt zu Filmreihen wie »Colpe di Stato« (»Die Schuld des Staates: Terrorstrategien im Namen der Demokratie«), in der Dokumentationen der weltweiten Ausartungen der Staatsgewalt präsentiert werden. In diesem Jahr lief hier auch Jean-Michel Carrés Le système Putin, eine Nachzeichnung des von Terrorakten begleitenden strategischen Genies Putins, das auch für den europäischen Raum der Zukunft noch nicht absehbare Konsequenzen hat.

Unter den Langfilmen überzeugte das poetisch-dokumentarische Werk Most Holidays von Lucie Králá (Tschechische Republik), das eine Art Langzeitperformance aufzeichnet. Ein zufällig am Straßenrand gefundener Koffer mit unentwickelten Filmen, die eine touristische Tour einiger Chinesen durch Europa kurz nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges beinhalten, führt zu immer wieder neuen, phantasievollen und schließlich die ganze chinesische Nation über TV-Ausstrahlung einbeziehende Suche nach den einst Reisenden. Ein drolliges und viel Gegenwartspoesie einfangendes Werk, das kulturelle Differenzen ebenso klar zu konturieren vermag wie das Entfaltungspotential eines artistischen Projektes in seiner reinsten Form. Der Hauptpreis in der Spielfilmkategorie wurde Gustavo Spolidoros Ainda Orangotangos (Noch immer Orang-Utans) zugesprochen, ein Werk voller vitaler Energie, das Momente des Begehrens in unterschiedlichen Kontexten zu einem dramatischen, vierzehn Stunden alltäglichen Lebens in Porto Alegre einfangenden Situationsgeflecht zusammenfügt, realisiert in radikaler One-Shot-Einstellung!

Unter den Kurzfilmen fand der sensible, durch Schlichtheit, durch Einstellungsintensität und Originalität des Skripts herausstehende Film Smáfuglar (Two Birds) des Isländers Rúnar Rúnarsson den meisten Anklang. Er entfaltet die Geschichte einer jungen Liebe, in der ein Jugendlicher es vermag, seine ebenso junge Geliebte vom Trauma der Vergewaltigung fernzuhalten. Harry Wootliff (Großbritannien) kristallisiert in Trip die Perversion juristischer Ehetrennung aus Sicht der Kinder und der Verliererpartei. Ein Vater raubt seine eigenen Kinder für einen Trip im Wohnmobil, um die verlorene Gemeinschaft wiederzuerleben. Der Polizeieinsatzwagen wartet am Ende dieser Reise, der Vater wie Töchter zwischen Nervosität, Hilflosigkeit, Aggression und Zärtlichkeit zeigt. Wootliff vermeidet jede Parteinahme und richtet die Konzentration ganz auf das Drama ohne mögliche Lösung. Metapher und Verdichtung der Beobachtungsparanoia bringt Trevor Cawood (Kanada) in Terminus auf den Punkt, indem er seine Protagonisten von Steinfiguren oder anderen Gegenständen verfolgen läßt, ohne jede Chance, sich von ihnen zu befreien. Der inkarnierte Blick verfolgt sie überallhin, bis in ihren Tod. 2008-11-17 12:11
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