— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

25. Französische Filmtage Tübingen und Stuttgart

Tübingen und Stuttgart
11. – 19.11.2008

Hundert Reisen und ein Haus

Von Felix von Boehm Eine Woche lang wurden die Leinwände der Tübinger Programmkinos blau-weiß-rot bespielt. Das 25. Jubiläum der Französischen Filmtage vom 11. bis 19. November 2008 zeigte viele neue und ein paar alte Lieblingsfilme aus dem französischsprachigen Raum. Mit einem Ehrenpreis für Agnès Varda verneigte sich das Festival vor der »Großmutter der Nouvelle Vague«, mit einer Werkschau der Filme von Alain Raoust ermöglichte es die Entdeckung eines über die Grenzen Frankreichs kaum bekannten Independent-Filmemachers, und mit einem sehr vielfältigen Wettbewerbsprogramm lud es zu Reisen nach Paris, Belgien, Nordafrika und Quebec ein – um sich am Ende einstimmig für den Filme Home zu entscheiden, der alle drei Preise des Festivals gewann.

Zu recht! Mit Home ist der jungen Regisseurin Ursula Meier ein ebenso originelles wie intelligentes Kinodebüt gelungen, ein Gegenschuß auf das Roadmovie. Der Film erzählt die Geschichte einer Familie, die sich am Rande einer stillgelegten Autobahn einen eigenen Mikrokosmos geschaffen hat. Bis schließlich die Autos kommen und die Familie sich zunehmend in ihrem Cocon verpuppt. Bald wird klar, daß sie weniger von äußeren, als von inneren Gefahren bedroht wird. Mit diesem Film, der hoffentlich bald in Deutschland einen Verleih findet, ist Ursula Meier ein sehr komplexes Porträt von Familie und Zuhause gelungen – und zur Zeit von Individualgesellschaften und einer Welt im globalen Transit.

Auch der Wettbewerbsbeitrag 57.000 km entre nous von Delphine Kreuter, ausgezeichnet mit einer »Mention Spéciale«, setzt sich kritisch mit unserer postmodernen Gesellschaft auseinander und konzentriert sich dabei vor allem auf die Medien. In konsequenter Web- und Handycam-Ästhetik zeichnet Kreuter eine ebenso schwarze wie ironische Karikatur der Generation 2.0.

Schließlich hatten die Französischen Filmtage auch den in Cannes gezeigten Film Je veux voir von Joana Hadjithomas und Khalil Joreige eingeladen. Der Film, in dem Catherine Deneuve sich selbst darstellt, ist ein interessantes Amalgam aus fiktiv organisierten Situationen und dokumentarischen Beobachtungen in dem vom Krieg entstellten Südlibanon. Der Film greift eine der zentralen Fragen des Kritikers Serge Daney auf, wenn er beklagt, die Fernsehberichterstattung mache die Spuren des Krieges unsichtbar und sich auf die Suche nach den wahrhaftigen Bildern von Krieg und Zerstörung begibt.

Daß die unabhängige französische Filmkultur nach wie vor reich an Originalität, Mut und Intelligenz ist, haben die 25. Französischen Filmtage gezeigt. Daß wir hierzulande bald mehr davon sehen können, bleibt nun zu wünschen! 2008-11-21 14:26
© 2012, Schnitt Online

Sitemap