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19. Kinofest Lünen

Lünen, 13. - 16.11.2008

Fernsehen auf dem Kinofest

Von Carsten Happe Die Ironie der Situation war nicht von der Hand zu weisen, als Festivalleiter Mike Wiedemann im Anschluß an die Vorführung des österreichischen Oscarkandidaten Revanche, seinem erklärten Lieblingsfilm des diesjährigen Kinofest Lünen, eine Diskussion lostrat, die in der Feststellung endete, eine solche Qualität – diese Ökonomie des Storytelling, diese Präsenz der Darsteller – sei in Deutschland derzeit nicht existent. Und dies auf dem »Festival für deutsche Filme«.

Diese Diagnose ist zwar nicht die Konsequenz, aber vielleicht doch ein Symptom der Thematik des Branchen-Dialogs am Festivalsamstag, der sich dem Motto »Kein Fernsehen ohne Kino – kein Kino ohne Fernsehen« verpflichtet sah und eine Befürchtung unausgesprochen mitschickte: Findet durch die gegenseitige Abhängigkeit eine Nivellierung auf mittlerem Level statt, die niemanden wirklich befriedigt? Fakt ist, daß nahezu alle Wettbewerbsbeiträge in Lünen nicht ohne Senderbeteiligung entstanden und einige von ihnen eigentlich nur für die TV-Ausstrahlung vorgesehen sind. In dieser Hinsicht erhält auch das Signet »Kinofest« eine zusätzliche Bedeutung, wenn Filme, die für eine andere Auswertung bestimmt sind, nun ausnahmsweise die Möglichkeit der Kinoaufführung erhalten.

Auch wenn also der eine oder andere Film die typischen Merkmale einer Fernsehdramaturgie und -ästhetik nicht leugnen kann, muß dies ja nicht per se negativ sein. Ein Film wie Wilfried Oelsners Vom Atmen unter Wasser, der im Wettbewerb um die mit 10.000 Euro dotierte Lüdia hinter Evet, ich will! von Sinan Akkus schließlich den zweiten Platz belegte, ist ein bemerkenswert austariertes Drama über eine traumatische Familientragödie, mit feinen Charakterzeichnungen und exzellenten Darstellerleistungen. Es ist allerdings auch ein Film, der sich ebenso auf dem Fernsehschirm entfalten kann, während etwa die Breitwandbilder eines Dr. Alemán die große Leinwand fordern und letztlich doch erheblich aufregender ihre Geschichte transportieren – Kino eben.

Große Gesten und ebensolche Bilder helfen jedoch Wim Wenders‘ Palermo Shooting, der das Kinofest eröffnete, nur solange, bis seine prätentiös verschwurbelte Psychoanalyse eines Starfotographen in der Midlife-Crisis über die eigene Banalität stolpert. Wie immer fantastisch ist hierbei der Soundtrack, den Wenders seinem überforderten Hauptdarsteller Campino in die Kopfhörer speiste, aber das behaupte ich von der Auswahl in meinem iPod auch.

Wenngleich das Kinofest Lünen nach wie vor damit zu kämpfen hat, nur wenige Wochen nach den Hofer Filmtagen anzutreten, die ja eine ähnliche Ausrichtung verfolgen, besticht Lünen wie in den Jahren zuvor durch seine sehr entspannte Atmosphäre und die Tatsache, daß die Barrieren zwischen Publikum und Filmschaffenden selten so niedrig sind wie hier. Darüber hinaus zeigt der abermals gestiegene Zuschauerzuspruch, wie beispielhaft das Festival in der Stadt verankert ist. 2008-11-24 15:49
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