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21. exground filmfest

Wiesbaden
14. – 23.11.08

Rätselhafte Insekten, Ponyreiten und Orte der Sehnsucht

Von Ines Schneider Wenn Filmverrückte »vom Kino« sprechen, dann haben sie prächtige Lichtspielhäuser wie das im Jugendstil gehaltene Caligari im Sinn. Das Wiesbadener Programmkino war vom 14. bis zum 23. November der Hauptveranstaltungsort des 21. exground filmfests. Hier wurden Werke belichtet, die sonst kaum in den normalen Spielbetrieb passen, sei es, weil die Themen als zu abwegig gelten, die Länge unüblich ist oder die Verleiher den Produktionen keinen größeren Erfolg beim Publikum zutrauen. An zahlreichen Wiesbadener Spielstädten (und zur »Spielstädte« wurde einen Abend lang jede halbwegs weiße Mauer) begegneten dem Zuschauer junge und altgediente Filmschaffende, die immer gerne zu einer Plauderei bereit waren. Falls doch einmal Berührungsängste aufkamen, wurden sie von den stets herzlichen und bestens gelaunten Veranstaltern und freiwilligen Helfern fix zerstreut. In Zusammenarbeit mit dem Instituto Cervantes in Frankfurt legten die Programmplaner einen der Schwerpunkte auf den spanischen Film. Julio Médem, der mit den Jahren seine ganz eigene Mischung aus metaphysischen und traditionellen Erzählelementen entwickelt hat, war eine Retrospektive gewidmet.

Sieht man die Welt durch die Augen der Kurzfilmregisseure wird einem bewußt, was für komplexe und teilweise lächerliche Rituale das Leben bestimmen: Mit Hilfe einer liebevollen Mischung aus Animation und Spielfilm wird in Lunch (Ru?ak) von Ana Hušman genau erklärt, wie man ein perfekter Gastgeber oder gern gesehener Gast wird. Man hat es geahnt, Höflichkeit kann sehr anstrengend sein. Sechs Comic-Künstler präsentierten in Fear(s) of the Dark (Peur(s) du Noir) ihre ganz persönliche Vorstellung zum Thema Angst und Dunkelheit. Bluthunde, rätselhafte Insekten, Bestien und Gespenster bevölkern die Erzählungen. Richard McGuire beschränkt sich auf beinahe holzschnittartige Schwarz-Weiß-Kontraste und klare Linien und Umrisse. Damit beschwört er eindrucksvoller die Schrecken, die in der Schwärze der Nacht lauern, als es manche der fein gezeichneten Alptraumszenerien seiner Kollegen vermögen.

Auch auf dem Gebiet der Jugendfilme fehlten die Kurzen nicht. In Till Kleinerts Hundefutter wird zwei 16jährigen bewußt, daß man Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen muß. Die jungen Schauspieler beherrschen bereits die unspektakulären kleinen Gesten, die aussagekräftiger sein können als die großen dramatischen. So folgt nach dem von den jungen Zuschauern mit Beifall aufgenommenen Faustschlag auch das selten gezeigte Schütteln der Hand, da nach so einer Aktion die Knöchel weh tun.

In Goodbye to the Normals von Jim Field Smith kehrt der 6jährige Magnus dem unbefriedigenden Kinderalltag den Rücken, um eine Reise nach Amerika anzutreten. Die Eltern wären da nur hinderlich. Wie soll man ein Kind zur Vernunft bringen, das die selben Argumente wie die Erwachsenen benutzt?

Die Teilnehmer des »On-Video-Wettbewerbs« haben das in Bilder gefaßt, was wir nicht mit den Augen wahrnehmen: Balldate von Florian Licht fängt den Zauber eines nächtlichen Waldes ein, Matthias Fitz macht in Electromagnetik Plot elektromagnetische Signale erfahrbar und Juanjo Fernández Rivero die mitreißende Kraft der Musik in 120 Degrees. Robb Ellender läßt diejenigen in die Kamera blicken und sprechen, die sonst sorgfältig ignoriert werden. Er interviewt in Illusion Dwellers Obdachlose auf Londons Straßen. In Clean up erzählt Sebastian Metz in langen Einstellungen und in Bildern, die in ihrer Monochromität fast schön sind, vom Grauen in einem US-amerikanischen Gefängnis. In einer Todeszelle wäscht ein Putzmann weg, was vom letzten Häftling übrig geblieben ist, während auf der Tonspur die Routine der Hinrichtung noch in vollem Gange ist.

Die erschwinglich gewordenen Aufnahme- und Bearbeitungstechniken erleichtern auch vielen Dokumentarfilmern die Arbeit. Obwohl ein großer Teil der Beiträge rare Einblicke in fremde Welten lieferte, waren die Momentaufnahmen und alltäglichen Szenen ebenso berührend. In Agridulce beispielsweise richtet Julia Keller die Kamera auf bunte zuckersüße Sahnetorten und auf vier Kubaner, die davon oder dafür leben.

Die russische Regisseurin Alina Rudnitskaya war mit mehreren Werken vertreten. In Amazones (Naezdizi) lebt und arbeitet eine Gruppe junger Mädchen mit Pferden und das mitten in einer russischen Großstadt. Mit den Reitstunden höherer Töchter hat das nichts gemeinsam. Man sieht sie in den Ställen essen, duschen und schlafen. Um den Unterhalt für sich und die Tiere zu verdienen, organisieren sie Ponyritte in Parks und bei Geburtstagen. Selbstsicher mischen sie sich auf ihren Pferden zwischen die Automassen des Stadtverkehrs.

Dieses Selbstvertrauen wünscht man auch den Absolventinnen der Vixen Academy (Kak Stat Stervoi). In diesem Film lassen sich die jungen Frauen von einem überheblichen Beau, dem das ergraute Brusthaar aus dem Ausschnitt quillt, in der Kunst unterweisen, einen Mann, so reich wie möglich, zu verführen und zu heiraten. Rudnitskayas Kamera fängt nicht nur die teilweise entwürdigenden Unterrichtslektionen ein, sondern auch die Unsicherheit und die Verlorenheit, die viele der Frauen spüren müssen, wenn sie ihre einzige Zukunftsperspektive darin sehen, formvollendet die Knie eines Mannes zu umklammern und ihm in den Schritt zu hauchen.

Die Nachmittage des Festivals waren für herausragende Jugendfilme reserviert, darunter The Speed of Life des Amerikaners Ed Radtke. Sam und seine Freunde klauen den Touristen in New York die Digitalkameras und verkaufen sie dann weiter. Sam ist aber weniger am Geld als an den Aufnahmen interessiert, die sich noch im Inneren der Kamera befinden. Er montiert die fremden mit selbstgedrehten Bildern. Auf diese Weise träumt Sam sich davon. Träume hat er bitter nötig. Seine Pflegemutter sorgt gut für ihn, doch sie erblindet. Sein Vater ist schon lange fort, vielleicht in Alaska, seinem Ort der Sehnsucht, vielleicht aber auch nur in New Jersey. Auch Sams großer Bruder möchte sich so schnell wie möglich davonmachen, weg von seiner Freundin und dem gemeinsamen Kind. Aber zunächst sitzt er im Knast, und daß sein Bewährungshelfer selbst vaterlos aufgewachsen und ziemlich labil ist, macht die Situation nicht leichter. Radtke verbindet so selbstverständlich die Sorgen und Seelennöte von mehreren Generationen, daß Personen jeden Alters sich zu jeder Zeit gleichberechtigt gegenüberstehen. Die Erwachsenen sind hier genauso macht- oder hilflos wie die Kinder. Dabei entwirft er keine öde, hoffnungslose Welt. Liebe und Verständnis blitzen immer wieder auf, auch wenn die Protagonisten sie nicht immer auf die angemessene Art ausdrücken können. Den freiwilligen Bindungen traut der Regisseur dabei oft mehr zu als den familiären.

Ed Radtke ist eigentlich ein zurückhaltender Mensch, doch er spricht gerne und ausführlich übers Filmemachen. Diese Kombination trug ihm das Vertrauen der jugendlichen Zuschauer ein, die ihm zwar im Kinosaal keine Fragen stellen mochten, ihn aber später umso länger im Foyer belagerten. 2008-11-28 12:38
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