— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

5th Dubai International Filmfestival 2008

Dubai
11. – 18.12.08

Filmwelt trifft sich in der Wüstenmetropole

Von Christine Prinzing Eine Kulisse, wie sie bizarrer und idealer für die Filmszene nicht sein konnte: Wüste, Wolkenkratzer und eine Palmenoase am Meer mit einem den Märchen aus 1001 Nacht nachempfundenen Hotelpalast. Für acht Tage war dieses künstlich angelegte Paradies das Zentrum für Dubais 5. Internationales Filmfestival.

Dubais ganzer Stolz liegt in den Superlativen. Es gilt als günstigstes Steuerparadies, hat das höchste Gebäude, das teuerste Hotel und die größte Kunstschneepiste der Welt. Somit wundert es nicht, daß auch das Filmfestival hoch und höher hinaus will und sich schon als eine Art A-Festival im Stile von Cannes versteht. An Glamour und Stars aus Hollywood mangelte es daher bei weitem nicht: Salma Hayek, Goldie Hawn, Laura Linney, Nicolas Cage und viele weitere flanierten auf dem Roten Teppich für Film und Charity.

Eröffnet wurde das Festival mit dem Film W. in Anwesenheit des Regisseurs Oliver Stone. Das widersprüchliche Filmporträt über den Expräsidenten der USA fand in der arabischen Welt mehr Zuspruch und Applaus als in USA und Europa zusammen. Das Festivalprogramm war üppig und bestand aus 18 Sektionen. Es gab über ein Dutzend Jurys für mehr als 30 Auszeichnungen. Darunter auch eine Premiere: die Jury des FIPRESCI-Preises. Durch diesen opulenten Contest und Filmangebote aus Arab Cinema, AsiaAfrica Cinema, Cinema of World oder The Cultural Bridge usw., mußte man sich als Zuschauer kämpfen, und die Qual der Wahl war nicht ganz einfach. Aus Sicht des deutschen Films waren immerhin auch drei Beiträge vertreten.

Besonders herausragend war der berührende Dokumentarfilm Das Herz von Jenin von Marcus Attila Vetter. In seinem Film war das Publikum besonders bewegt, und die anschließende Fragerunde wollte kein Ende nehmen. So verblüffte es auch kaum, daß Vetter den People Choice Award gewann. Der Regisseur erzählt in bewegenden Bildern die Geschichte einer starken Geste am Rande menschlicher Verzweiflung. Wir schauen zurück: November 2005 im Flüchtlingslager Jenin. Es fallen Schüsse, und der zwölfjährige Ahmed wird von israelischen Soldaten auf einer Patrouille versehentlich erschossen. Viel Schmerz herrscht in der Familie, und schnelle Entscheidungen sind gefragt. Der palästinensische Vater rettet durch die Freigabe der Organe israelischen Kindern das Leben. Jahre später besucht er sie und begibt sich damit auf eine schwierige Reise. Marcus Vetter begleitet den Vater auf der Suche nach den Menschen, in denen sein Sohn fortlebt. Der Dokumentarfilm gibt nicht nur Einblicke in höchst persönliche Gedanken, sondern erzählt auch von der tiefen politischen Kluft, die im Zeichen dieser menschlichen Tat zu überwinden versucht wird. Es ist ein schmaler Grat, die Friedensbotschaft zu transportieren und objektiv dem Konflikt beider Lager gerecht zu werden, trotzdem ist der Film unterm Strich ein positives Beispiel und ein Versuch, in diesem emotional aufgeladenen Konflikt mit Botschaften der Versöhnung zu vermitteln.

Ein weiteres aufrüttelndes Juwel in der Schatzkiste des Filmprogramms bezüglich der harten Fronten und schwierigen Situation zwischen Israel und Palästina machte gleich doppelt von sich reden. Für Salt of this Sea erhielt die Regisseurin und Autorin Annemarie Jacir den Preis für das beste Drehbuch und nutze die Gunst der Stunde, um mit einer politischen Geste Stellung zu beziehen. Sie schenkte ihren Preis Muntaser al-Saidis, dem inhaftierten TV-Journalisten, der sich durch seinen Schuhwurf auf Bush Weltruhm und Gefängnis einhandelte. In ihrem Roadmovie führt Jacir den Zuschauer auf eine Reise durch unbekannte Landstriche in Palästina, die ihren Hauptdarstellern eigentlich verschlossen wären, weil Freiheit in diesem Gebiet ein Fremdwort ist und es durch Mauern, Stacheldraht und strenge Kontrollen fast unpassierbar gemacht wird. Sie erzählt die Geschichte einer jungen Frau aus Brooklyn, die auf der Suche nach ihren Wurzeln erstmals die Heimat besucht, die ihre Großeltern einst verlassen mußten. Die Regisseurin läßt uns fühlen, was Zahlen und Fakten nie beschreiben können. Ihr Film ist atmosphärisch, berührend, ohne polemisch zu sein. Wo der Welt längst die Worte fehlen, hat Jacir einfühlsame Bilder gefunden. Salt of this Sea ist eine bewegende Reise ins Innere der Migration mit hitzigen und stillen Momenten.

Als Abschlußfilm stand Slumdog Millionairs von Danny Boyle im Finale des Festivals. Ein Film, auf den man sich jetzt schon freuen darf, da er sogar Boyles Erfolge wie The Beach und Trainspotting in den Schatten stellt. Der Plot ist einfach und erinnert an ein modernes Märchen: Kleiner Junge aus den Slums wird durch eine Quizshow zum Millionär. Doch das allein macht den Film nicht aus. Boyle zieht alle Register der modernen Filmkunst: Tempo, Action, kombiniert mit einem rhythmischen Bilderfeuerwerk und mitreißender Musik. Eine gelungene Mixtur aus Bollywood, Actionfilm und Lovestory.

Die eigentliche Preisverleihung fand mit über 3.000 Gästen einen Tag später, am 18. Dezember im Ressort of Bab Al Shams in der Wüste statt. Der Ablauf war vom Zeitmanagement rekordverdächtig. Die Ansprachen und Dankesreden waren so kurz – ja, sobald der Preisträger nicht innerhalb weniger Sekunden eine Regung in der Menge zeigte, ging es flott zum nächsten Preisträger! In einer knappen Stunde war alles vorbei, und das Festival endete mit viel Musik, einem riesigen Buffet, glücklichen Preisträgern und einem gigantischen Feuerwerk am nächtlichen Sternfirmament über der Wüste – fernab von Dubai! 2009-01-13 10:21
© 2012, Schnitt Online

Sitemap