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40. Ungarische Filmwoche

Budapest
27.1. – 3.2.08


Einer der Lifetime-Achievement-Award-Preisträger im Jahr 2009: Regisseur Szönyi G. Sándor

Grenzgänge zwischen allen Genres

Von Ekaterina Vassilieva Die Budapester Filmwoche präsentierte in diesem Jahr wieder, kurz vor der Berlinale, die ganze Palette des aktuellen ungarischen Films. Das Genrekino, das sich in Ungarn traditionell sehr stark und ambitioniert gibt, war vor allem durch Beziehungskomödien und Thriller vertreten. Gerade die Beziehungskomödien – ein Genre, das oft mit Klischees hart zu kämpfen hat – sind positiv durch einfallsreiche Figurenkonstellationen und raffinierte Situationskomik aufgefallen. Leitmotivisch war dabei das Thema des »Auferstehens« nach den vernichtenden Schicksalsschlägen und der Neuorientierung im hektischen, undurchschaubaren Alltag: Die vermeintlichen Leichen lernen wieder laufen, die zerbrochenen Beziehungen werden »repariert«, und hinter dem totalen Fiasko des Helden steckt fast immer eine lehrreiche Erfahrung, die einen Neuanfang ermöglicht. Die Komik entfaltet sich dabei gefährlich nah an der Grenze zum Tragischen und ist gleichzeitig an sich schon eine Überwindung der Ausweglosigkeit, die auf der Leinwand manchmal fast existenzielle Züge annimmt. In I'm Not Your Friend von Pálfi György beispielsweise erreichen die Beziehungskrisen, die mehrere Pärchen im modernen Budapest erschüttern, einen fast hysterischen Grad. Man wartet aber vergeblich auf den Moment der endgültigen Verzweiflung: Die vertraute Zweisamkeit stellt sich für die meisten irgendwie doch noch ein (wenn auch nicht unbedingt in der ursprünglichen Konstellation). In Szajki Péters Intimate Headshot erleben die männlichen Protagonisten ihre seelische Läuterung ausgerechnet in einem Stripclub, in dem sie – jeder für sich – aus sexueller Frustration gelandet sind, und werden dadurch bereit, den ersten Schritt zur Normalisierung ihrer Beziehungen zu machen.

Aus der Thriller-Ecke hat vor allem der Film The Seventh Circle von Sopsits Árpád während des Festivals für Aufregung gesorgt. Eine Gruppe Teenager experimentiert, angeregt durch den charismatischen Sebastian, mit verschiedenen Grenzerfahrungen in der Hoffnung, so zum Sinn der Existenz vorzustoßen. Der theoretische Zugang zu den Geheimnissen des Seins, der in der Schule und insbesondere im Religionsunterricht geübt wird, empfinden sie als unbefriedigend. Vor allem das Phänomen des Todes wollen die Kinder ganz praxisnah erforschen. Der sich subtil entwickelnde Thriller setzt vor allem auf das Skandalöse der tabuisierten Verbindung zwischen Kindheit und Tod und bricht dabei auch ästhetisch einige Tabus, indem er mit extrem verstörenden Szenen aufwartet, die um so mehr schockieren, als der Film sich bemüht, seine Erzählung in einer glaubwürdigen sozialen Realität anzusiedeln.

Ein anderer Film, Transmission von Vranik Roland, der sich ebenfalls mit existenziellen Fragen beschäftigt, konstruiert dagegen bewußt eine anti-utopische Welt, die sich als Ergebnis einer Katastrophe präsentiert. Diese Katastrophe betrifft alle Informationsgeräte und Kommunikationsmittel, die plötzlich außer Betrieb geraten, was eine verheerende Wirkung auf die Menschenbeziehungen hat. Anstatt sich einander zuzuwenden, geraten die Menschen selbst außer Kontrolle, bekommen unerklärliche Wut- und Gewaltausbrüche, scheinen vor allem den Sinn ihres Daseins nicht mehr zu erkennen. Indem sie nicht länger fern sehen können, werden sie buchstäblich kurzsichtig für alles, was über die reine Existenzsicherung hinausgeht. Aber eine Welt ohne einen gemeinsamen, transzendenten Bezugspunkt kann auch physisch nicht überleben und steuert unvermeidlich auf Selbstzerstörung zu. Diese Geschichte erzählt Vranik in beeindruckenden, klaren Bildern, die das Thema Apokalypse mal von einer anderen Seite beleuchten und doch noch eine Hoffnung in sich tragen.

Einer meiner Festivalfavoriten war Nagy Viktors Beitrag Father's Acre, der keine Genrezuschreibungen zuläßt und sich vollständig auf dem Terrain des Autorenfilms bewegt. Und wieder werden wir mit der metaphysischen Problematik konfrontiert, die diesmal auf sehr poetischer Weise Umsetzung findet. Ein Vater will, kurz vor seinem Tod, dem rebellischen Sohn die Liebe zur landwirtschaftlichen Arbeit beibringen und seinen Acker an ihn weitervererben. Doch der Sohn läßt sich nicht so leicht überzeugen, zumal der Vater selbst sein Leben einer ganz anderer »Karriere« gewidmet hat: Als Krimineller verbrachte er viele Jahre im Gefängnis. Die Hinwendung zum Land soll seinen Lebensweg auf eine versöhnliche Weise abschließen, während das für den Sohn der Anfang sein soll. Und gerade dagegen protestiert der Sohn, der einen Impuls verspürt, die eigenen Grenzen auszutesten, bevor er sich zur Ruhe niederlassen kann. Doch die gewaltige Schönheit der Natur läßt ihn nicht los, und trotz des inneren Widerstandes begibt er sich mit dem Vater jeden Tag auf das Feld… Der extrem symbolbeladene Film regt zur Meditation über die Tradition und Traditionsbruch an, ohne dabei eine moralisierende Botschaft übermitteln zu wollen.

Schon diese kurze Übersicht, die nur einige wenige Filme herausgreift, zeigt, wie vielfältig und intensiv das Festival in diesem Jahr war. Wir dürfen also auch weiterhin gespannt auf das Filmland Ungarn blicken. 2009-02-19 11:16
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