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Filmfest Dresden 2011

23. Filmfest Dresden International Short Film Festival. D 2011. L: Karolin Kramheller, Katrin Küchler, Alexandra Schmidt.
Dresden, 12. – 17.4.11
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Vom Träumen und Suchen

Von Cornelis Hähnel Eigentlich lag ja in den letzten Tagen ein Versprechen von Frühling in der Luft, doch seit Beginn des Filmfests zeigt sich Dresden von seiner nasskalten Seite. Doch andererseits: Wer will schon die Stadt erbummeln, wenn es im Kino die Welt zu entdecken gilt. Und das bei der Programmierung nicht nur in Kurz, sondern auch an die Kurzen gedacht wurde, davon kann man sich in der Kinderfilm-Sektion überzeugen.

Bekas von Karzan Kader erzählt von den Brüdern Zana und Dana, die im Irak zu Zeiten des Regimes von Saddam Hussein leben. Ohne ihre Eltern schlagen die beiden sich irgendwie durch. Als sie im Kino einen Superman-Film sehen, beschließen sie nach Amerika zu wandern. Auch ohne Geld und Pässe. Bekas schafft es ohne falsche Sentimentalität, einen Einblick in den Alltag zweier Straßenkinder zu geben, die sich den Widrigkeiten stellen und versuchen, mit einem Traum ihr Schicksal hinter sich zu lassen. Der Film schlägt einen hoffnungsvollen, aber nicht verklärenden Ton an und behält glücklicherweise, trotz der Träumerei, immer einen realistischen Blick.

Auch Nassim lebt für seinen Traum: Er will Profi-Skateboarder werden. Der Teenager übt seit Jahren, auch wenn seine Familie eher möchte, daß er etwas »richtiges« lernt. Der niederländische Regisseur Billy Pols hat mit seiner Dokumentation Plank einen Zeitgeist eingefangen. Mit schnellen Schnitten und treibender Musik bringt er das Lebensgefühl der Boarder adäquat auf die große Leinwand und bleibt doch nah bei seinem Protagonisten. Fast beiläufig zeigt er die Probleme auf, die dem jungen Marokkaner im sozialen und familiären Umfeld begegnen, ohne daß er dadurch den Fokus auf den gelebten Traum aus den Augen verliert. Und wenn ein Insert am Ende verrät, daß Nassim nach den Dreharbeiten die europäischen Skateboard-Meisterschaften gewonnen hat, dann freut man sich aus tiefster Seele für den charmanten Skater. Ein »Feel-Good«-Portrait über Mut und den Glauben an sich selbst, das nicht nur die Kleinen begeistert, sondern mal wieder belegt, daß die Kindersektion durchaus bei allen Alterklassen mehr Beachtung finden sollte.

Doch auch im Internationalen Wettbewerb wird geträumt und gesehnsüchtet. In As tave zinau (»Ich kenne Dich«) sieht sich Julia mit der Enge ihrer Umwelt konfrontiert, alles scheint sie zu erdrücken. Sie ist mitten in der Pubertät und zudem verliebt, doch ihr Schwarm nimmt keine Notiz von ihr. Julia muß lernen sich selbst genug zu sein. Regisseurin Dovile Sarutyte schafft es, für das einengende Lebensgefühl der Pubertät eine klare Bildsprache zu finden und in der Tristesse der Plattenbauten die emotionale Verlorenheit der Protagonistin zu spiegeln. Unaufgeregt und direkt begleitet sie das junge Mädchen auf ihrer Suche nach sich selbst. Ein berührender Film, der an den Wunden des eigenen Heranwachsens kratzt.

Auf der Suche nach der großen Liebe ist Christopher. Doch er liegt im Koma. Anders als behauptet, träumen Komapatienten die ganze Zeit. In seinen Träumen trifft er Mariana, in die er sich sofort verliebt. Doch plötzlich ist sie verschwunden, denn Mariana leidet an Schlaflosigkeit. Leave not a cloud behind von Pablo González ist ein wildes Spiel mit Realitäten, eine Freude an der Idee über die Manipulierbarkeit von Träumen. Die Szenen verschmelzen zu einem großen Bilderrausch, der sowohl verspielt als auch ernsthaft eine wunderbare kleine Idee realisiert. Manchmal braucht es eben nicht mehr, um Kino zu machen und dem Alltag zu entfliehen. 2011-04-15 11:29

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