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Filmfest Dresden 2011

23. Filmfest Dresden International Short Film Festival. D 2011. L: Karolin Kramheller, Katrin Küchler, Alexandra Schmidt.
Dresden, 12. – 17.4.11
03

Um dich herum die Stadt

Von Cornelis Hähnel Nicht daß sich das Filmfest Dresden über zu wenig Zuschauer beklagen kann, im Gegenteil, vor allem bei den Abendveranstaltungen müssen auch die Treppen als Sitzgelegenheiten herhalten. Das ist mehr als erfreulich, doch was macht man mit den Leuten, die ganz renitent einfach nicht ins Kino gehen? Richtig, man geht einfach zu denen. Raus aus dem Kino, ab auf die Straße. Die Gruppe »A Wall is a Screen« hat für das Filmfest Dresden eine ganz besondere Stadtführung realisiert. Ausgerüstet mit einem Beamer und einer Tonanlage ging es quer durch die Dresdener Neustadt, die somit selbst zur Leinwand wurde. Ein Ort, ein Film und dann weiter. Eine Sparkasse, eine Unterführung, eine Kantine, ein Hinterhof, all diese Locations dienten als portables Kino, die Filme stets thematisch dem Hintergrund angepasst. Eine Idee, die nicht nur durch Originalität überzeugt, sondern auch funktioniert. Mit jeder Station schien die Zuschauertruppe stets zu wachsen, konspirativ eroberten die mobilen Cineasten die nächsten Hauserwände. Und überall erwachte die Neugier, die Zaungäste drängten sich auf Balkonen und an Fenstern. Hier wurde die Maxime von Berg und Prophet wörtlich genommen und so nicht nur neue Rezeptionsweisen von Filmen aufgezeigt, sondern auch die Möglichkeiten des städtischen Raums erweitert. Und als alle am Ende gebannt die Metamorphosen von Cartoon-Ikonen im Animationsfilms Love & Theft von Andreas Hykade verfolgten, der mit seiner einfachen Idee und einer musikalischen Symbiose eine eigenwillige Dramaturgie entwickelt, dann hatte man nicht nur das Gefühl, gerade ein animiertes Live-Graffiti zu betrachten, sondern selbst ein Teil einer großartigen cineastischen Verschwörung zu sein.

Auch eine Eroberung des urbanen Raums zeigt der italienische Graffitikünstler Blu in Big Bang Big Boom, in der er seine Vision der Evolution mit Farbe auf die Wände bringt. Eine Art filmisches Fotodaumenkino, das die Möglichkeiten von vergänglicher Streetart in das Medium Film übersetzt.

Ganz simple Widrigkeiten des Städtebaus muß Stanka erfahren. Sie ist alt und krank, doch der Aufzug in ihrem Haus ist mal wieder kaputt. So muß sie wohl oder übel die Einkäufe in den neunten Stock tragen. Die bulgarische Regisseurin Maya Vitkova schafft es mit ihrem Film Stanka se pribira vkashti (»Stankas Heimweg«), die körperlichen Strapazen des Treppensteigens für den Zuschauer ebenfalls erfahrbar zu machen. Schonungslos läßt sie ihre Protagonistin den Aufstieg erkämpfen, eine Etage folgt der nächsten, die Kondition läßt nach und das Publikum wird unruhig. Es ist quälend und anstrengend, ohne aber den Moment überzustrapazieren. Ein rührender, aber nicht rührseliger Film über die alltäglichen Schwierigkeiten des Alters. Denn auch das ist eine Seite der Stadt. Es kommt halt darauf an, wie wir uns in ihr bewegen. 2011-04-15 16:59

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