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Festival del film Locarno 2011

64° Festival internazionale del film di Locarno. CH 2011. L: Olivier Père.
Locarno, 3. – 13.8.11
02

»Singing in the Rain« mit Abel Ferrara

Von Christine Dériaz Das klingt vielleicht wie ein Wetterbericht, ist es aber nicht! Denn mindestens die Abende auf der Piazza stehen und fallen mit dem Wetter, am Tag 2 eine Art Sensation auf der Piazza. Um Punkt 21.30 passiert, außer dem Schlagen der Kirchturmuhr und dem Prasseln des Regens, nichts! Dabei findet die Vorstellung auf jeden Fall und bei jedem Wetter statt, bei Regen zusätzlich, um eine halbe Stunde versetzt, im großen Fevi. Das Publikum wird unruhig, nichts passiert; und was dann passiert kann man nur noch mit Humor nehmen. Olivier Père taucht endlich auf, mit Abel Ferrara, der einen Ehrenleoparden bekommen soll. Soweit so gut, das Publikum beruhigt sich, schließlich hat es eine Kinolegende vor sich. Aber statt einer würdevollen Übergabe des Leoparden, verzettelt sich Père im Ablauf, führt zu früh einen Ausschnitt aus Ferraras neuem Film vor, führt dafür kein Interview mit seinem Gast, und dann rauscht eine ehemalige Miss Schweiz auf die Bühne, übergibt hastig den Leoparden um gleich darauf rasch von der Bühne zu flüchten. Als Überraschung sollte Ferrara, begleitet von zwei Musikern, singen.

Ferrara als Regisseur ist gut, manchmal hervorragend, manchmal verwirrend, als Countrysänger an einem Abend, wo man schon guten Willen mitbringt, um überhaupt draußen zu sitzen, und eigentlich wenigstens zwei der geplanten drei Filme – ok, einer ist nur 6 Minuten lang – sehen möchte, ist es dem Publikum dann doch zuviel. Schon nach dem ersten Stück gibt es Pfiffe, zunächst zart, nach jedem weiteren steigt die Pfeiflautstärke, während Ferrara unbeirrt und fröhlich weiter singt und seine Gitarre zupft. Insgesamt ein denkwürdiger Auftritt.

Schöne Filme ansonsten an diesem zweiten Tag. Without von Mark Jackson ist einer davon. Eine junge Frau soll ein paar Tage die Pflege eines im Rollstuhl sitzenden Großvaters übernehmen, in einem Haus irgendwo in einsamer Landschaft. Zunehmend wähnt man sich in einem Horrorfilm, wo hinter der nächsten Tür, oder im Spiegel plötzlich das Grauen auftaucht, enge Bildausschnitte, oft mit gezielt und gut eingesetzten Unschärfen suggerieren Gefahr, und doch geschieht eigentlich nichts. Einsamkeit, Trauer und Auseinandersetzung mit sich selbst, sind die eigentlichen Themen der Geschichte und auf Grund des Spiels mit der Erwartung und der hervorragenden Darstellerin außerordentlich fesselnd.

Volles Kino bei den Schweizer Leoparden von Morgen, sie begeistern durch intelligenten Witz, wie zum Beispiel Streifen von Moira Himmelsbach, sie konzentriert durch eine strikt subjektive Kamera, Dialogfragmente, und Schnitte, die dem Schauen entsprechen, das Ambiente einer Zugfahrt, irrwitzig; eher böser Spaß bei Tirage en série von Kevin Haefelin. Eine Frau für die nur das im Leben wahr ist, was auf Photos festgehalten ist. Und so muß sie ihren Exmann auf ein gemeinsames Bild bekommen, eines bei dem er ihr nah ist, und nah bleibt. Eine Schußwaffe hilft ihr das umzusetzen. Die Wahnwelt der Frau wird in extrem poppigen Farben mit einkopierten, bonbonbunten Schmetterlingen erzählt, das ›Jetzt‹ in warmen aber dunklen Farben, ein schöner Kontrast, schön gedreht, und sehr gut gespielt.

Mit kleinem Budget einen Science Fiction Film zu machen, das ist mit Another Earth Mike Cahill gelungen. Kaum Spezialeffekte, keine lauten Explosionen, keine Außerirdischen, nur eine am Himmel zu sehende zweite Erdkugel, die sich als Parallelwelt herausstellt. Sie ist der Hintergrund für die Geschichte einer jungen Frau, die alkoholisiert eine Familie mit einem Autounfall zerstört. Ein Film um Möglichkeiten, um Dinge, die man hätte anders machen können oder sollen, und die Hoffnung, das anderswo, in eben dieser Parallelwelt, vielleicht das Leben anders verlaufen ist.

Zurück zur Piazza Grande, nach soviel Warte und Singen im Regen, und einem wirklich wunderschönen Animationsfilm Mourir auprès de toi von Spike Jonze und Simon Cahn habe ich den Abend, schwer durchnäßt, dann doch für beendet erklärt. Morgen ist ja auch noch ein Tag. 2011-08-08 15:59

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