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Festival del film Locarno 2011

64° Festival internazionale del film di Locarno. CH 2011. L: Olivier Père.
Locarno, 3. – 13.8.11
03

Stars, Aliens und endlich auch Sternschnuppen auf der Piazza

Von Christine Dériaz Endlich ist der Sommer nach Locarno zurückgekommen, am Wochenende allerdings warteten über 4000, in bunten Regenpelerinen »vermummte« Zuschauer auf der Piazza auf die Ankunft von Harrison Ford und Daniel Craig. Schüchtern und leise war er, der Herr Ford, besonders im Vergleich zum großen Spektakel das Cowboy und Aliens dann auf der Leinwand veranstalteten. Der Film ist ein großes, albernes Vergnügen, es kracht und scheppert, Indianer verbünden sich mit Cowboys, »Gute« mit »Bösen«, alles um die ganz fiesen Aliens aus dem Wilden Westen zu verjagen; das Publikum jubelte und johlte voller Freude, ein gelungener Abend, trotz Regen und Kälte. Wer es danach noch aushielt wurde mit dem, schon in Cannes ausgezeichneten, Film Drive von Nicolas Winding Refn belohnt.

Am Nachmittag im Fevi Vol spécial von Fernand Melgar in Welturaufführung vor sicherlich 2000 Zuschauern. Vol spécial, das sind die Flüge, mit denen Asylsuchende, deren Anträge endgültig abgelehnt wurden, und die sich weigern »freiwillig« in ihre Ursprungsländer zu fahren, zurückbefördert werden. Vorher jedoch sind sie eingesperrt, und das zum Teil bis zu zwei Jahre. Dieses Ausschaffungszentrum und die Menschen darin stehen im Zentrum des Films, der sehr klar, unpathetisch aber anteilnehmend beobachtet. Immer wieder gab es Szenenapplaus, am Schluß Ovationen.

Ein ebenfalls politischer Film, wenn auch Fiktion: Hashoter (Polizisten) von Nadav Lapid. Eine israelische Antiterroreinheit sieht sich damit konfrontiert, daß der Feind im Land nicht zwingend ein Palästinenser ist, sondern, wie in diesem Fall, eine Gruppe junger Israelis, die Klassenkampf und Revolution wollen und bei einer Hochzeit zwei schwerreiche Industrielle entführen. Ein Film gegen das simple gut-böse Bild, das sich manche Menschen von der Welt machen (möchten).

Dokumentarfilme können viele Formen annehmen, unter anderem auch die des Animationsfilm, sehr gelungen ist das beim rumänischen Film Crulic – drumul spre dincolo von Anca Damian. Erzählt wird das Leben und der Tod eines Rumänen, der in Polen wegen falscher Anschuldigungen ins Gefängnis kommt, in Hungerstreik tritt, und letztlich an dessen Folgen stirbt. Ein Ich-Erzähler rollt die Geschichte vom Tod aus zurück, die Animationen sind vielfältig im Stil, mal fast nur Strichmännchen, mal überbordend bunt, mal bemalte Realbilder, so bekommt die ganz und gar nicht lustige Geschichte einerseits eine Art Leichtigkeit, andererseits wirkt der Justizirrtum und der Mangel an Hilfe dadurch noch bedrückender. Außer Konkurrenz läuft Glauser von Christoph Kühn, in einer Mischfom aus suggestiv-düsteren Bildern in der Psychiatrie, Spielsszenen, Animationen und Interviews wird das vielschichtige und komplexe Leben des Schweizer Autors Friedrich Glauser nachgezeichnet.

Lateinamerika hat einige Filme im Wettbewerb, spannend der argentinische Film El estudiante von Santiago Mitre, die Geschichte eines Studenten, der aus Verliebtheit in eine politisch aktive Dozentin anfängt, an seiner Uni politische Arbeit zu leisten und dabei nicht bemerkt daß er als Bauernopfer aufgebaut wird. Die Bildsprache ist oft rau und hektisch, kreiert dadurch eine Nähe zum Geschehen, verwirrt aber manchmal auch durch ein Zuviel an Information. Am Schluß zeigt der Protagonist, daß auch ein Bauer für ein Schach-Matt sorgen kann.

Raue Sitten bei einigen Leoparden von Morgen, so zum Beispiel Il respirondell’arco von Enrico Maria Artale. Wenige Worte werden gesprochen, ein junges Mädchen trainiert Bogenschiessen, ihr Trainer gibt Anweisung, verbessert, lobt. Dann, dasselbe Mädchen, wechselt Trainingspfeilspitzen gegen tödliche Spitzen, und bricht auf zu einem Rachefeldzug gegen eine Gruppe Jungs, die sie anscheinend vergewaltigt haben. In sehr dichten, ruhigen Bilder, ruhig wie der Atem den sie zum Zielen und Treffen braucht, erlegt sie die Jungs mit gezielten Schüssen – rabiat, aber gut. Rau und grob mit sich selber ist hingegen der Protagonist von Mens sana in corpore sano des Brasilianers Juliano Dornelles. Ein Bodybilder, gefangen in seiner Welt aus Training und Muskelaufbau, bis er sich selber nicht mehr aushält, und sich mit Hilfe der Metallseile einer Traingsmaschine selbst enthauptet. Irre Bilder der Körperarbeit, fast abstrakt wirkende Muskelpartien, Schweißperlen, überlaute Geräusche sowohl der Geräte, als auch des Atems im Wechsel mit Albtraumsequenzen des Bodybilders. Definitiv kein Kinderfilm!

Zurück zur Piazza: Olivier Père holt jeden Abend einen Star auf die Bühne, nach dem lustigen Abel Ferrara, dem schüchternen Harrison Ford, der fabelhaften Isabelle Huppert nun Gérard Depardieu, der voller Spielfreude und mit beachtlichem Bauchumfang auf der Bühne strahlte. Voll war es an diesem Abend, warm, Sternschnuppen gab’s und einen wunderbar schönen Film, Bachir Lazhar von Philippe Falardeau. Der Kanadische Film erzählt die Geschichte eines algerischen Lehrers an einer Montrealer Grundschule, der einspringt nachdem sich eine Lehrerin im Klassenraum erhängt hat. Nur ist der Lehrer eigentlich kein Lehrer, er hat auch keine Aufenthalterlaubnis, sondern ein laufendes Asylverfahren, und die Kinder wissen trotz psychologischer Betreuung nicht, wie sie mit dem Tod der Lehrerin umgehen sollen. Das alles hätte einen schweren, dramatischen Sozialkitschfilm ergeben können, hat es aber nicht! Stattdessen eine ruhige Geschichte, hervorragend gespielt, besonders von den Kindern, in der vorhandene Probleme angegangen werden, sich manche lösen, manche eben nicht, und das darf dann auch ruhig mal so stehen bleiben. Nach subjektivem Applausbarometer wäre das ein Kandidat für den Publikumspreis.

Der Albtraum des Regisseurs vor der Vorführung war übrigens, daß statt seines Films der Sieg der Schweizer Mannschaft gegen Spanien bei der Fußball-WM gezeigt werden würde. 2011-08-11 13:34

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