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Festival del film Locarno 2011

64° Festival internazionale del film di Locarno. CH 2011. L: Olivier Père.
Locarno, 3. – 13.8.11
04

Der Endspurt um die Leoparden

Von Christine Dériaz Man kann nicht immer Glück haben: Jetzt wo das Wetter schön ist, schwächeln die Filme. Davon auf jeden Fall ausgenommen Le Havre von Aki Kaurismäki, der auf der sehr vollen Piazza lief und mit großem Jubel bedacht wurde. Ein Kaurismäki komplett auf Französisch, das ist ein wenig seltsam, aber funktioniert. Ein schönes Märchen im kargen Ambiente der französischen Hafenstadt mit der wunderbaren Kati Outinen und André Wilms, die beide zur Vorführung anwesend waren, womit Olivier Père weitere Stars auf die Bühne gebracht hat. Ganz und gar misslungen, sogar so misslungen, das man sich fragt, was der Film auf einem Festival zu suchen hat, ist Mangrove, eine französisch-schweizerische Produktion von Frédéric Choffart und Julie Gilbert.

Das Thema ist gut: Eine Frau kehrt nach vielen Jahren mit ihrem Kind in ein mexikanisches Küstendorf zurück. In kurzen Rückblenden versteht man, daß sie dort einen Mann, den Vater des Kindes, hatte, und daß dieser gewaltsam zu Tode gekommen ist. Warum allerdings die meisten Einstellungen unscharf sind, entweder komplett unscharf, so daß man versucht wäre zu glauben, daß das ein Kunstgriff ist – zu welchem Zweck? – oder die Kamera sucht die Schärfe, findet sie, verliert sie, sucht sie wieder, verliert sie…. Das macht keinen Spaß, das bringt die Geschichte nicht weiter, das ist einfach nur ärgerlich, und anstrengend. Beste Einstellung: ein sehr großes Krokodil gleitet sanft zwischen Mangroven ins Wasser. Und: das Bild ist scharf.

Die Leoparden von Morgen schaffen es glücklicherweise das Gleichgewicht wieder in die richtige Richtung zu verschieben. Einfühlsam erzählt, schön gedreht Brainy von Daniel Josef Borgmann. Ein kleiner Junge glaubt, daß er seinen kürzlich verstorbenen Großvater zurückholen kann in dem er ihm tote Tier, die er findet, liebevoll eingepackt und in kleine Heißluftballone gesetzt in den Himmel schickt. Eine Geschichte vom Begreifen von Verlusten, mit einem berührenden jungen Hauptdarsteller, in verregneter dänischer Landschaft. Ring von Yaara Sumeruk hingegen ist eine Art Kammerspiel für Hotelzimmer und zwei Darsteller. Eine Frau bestellt sich eine jungen, hübschen Callboy, aber statt mit ihm ins Bett zu gehen inszeniert sie mit ihm eine Mutter-Sohn Beziehung, die bei der Geburt beginnt. Widerwillig spielt der Callboy mit, bis er am Ende wirklich in die Rolle kippt und die Frau befriedigt oder beruhigt, bezahlt und geht. Hintergründiger Humor sehr gut gespielt und intelligent aufgelöst. Auch der Kanadische Film Balcony Affairs von Jamie Cussen erzählt von Beziehungen, von einem Balkon zum andere entwickelt sich eine Romanze zwischen einem älteren rumänischen Mann und einer älteren Kanadierin. Witzig, fröhlich, liebevoll, genau was man braucht, wenn man dabei ist an der Filmauswahl zu verzweifeln.

Im Rennen um den goldene Leoparden sind dieses Jahr einige Filme, in denen das Filmblut nur so von der Leinwand tropft, so auch in Dernière Séance von Laurent Achard. Der eher schüchterne, freundliche Filmvorführer eines kleinen Stadtteilkinos hat das ekelige Hobby, Frauen die Ohren abzuschneiden, wofür er sie selbstverständlich vorher vom Leben in den Tod metzeln muß. Klingt schlimmer als es dann aussieht, da nicht primär auf Schockeffekte und Mordszenen gesetzt wird. Vielleicht nicht ganz schlüssig der Film, aber die Wechsel von freundlichem Vorführer zu schweigendem psychopathischen Killer und zum kleinen Jungen, der er einmal war, und somit zum Ursprung seiner Obsession, sind schon ganz gut gelungen.

Star des Donnerstagabend, Bruno Ganz, der den Ehrenpreis für sein Lebenswerk bekommt, im Anschluß die Weltpremiere seines neuesten Films Sport de filles von Patricia Mazusy. Wer Pferde mag kommt dabei auch auf seine Kosten, geht es doch um Dressurreiten, Macht, Frauen, Geld, Abhängigkeit, Freiheit und Dickköpfigkeit. Sauber gemacht, groß, schöne Gegend, gut gespielt – trotzdem eher für Pferdefans.

Dem Publikum auf der Piazza hat es mehrheitlich gefallen, wenn auch nicht so, daß man vom Applaus auf einen Favoriten für den Publikumspreis schließen könnte. Ein letzter Wettbewerbstag fehlt noch, mit hoffentlich schönen Filmen. 2011-08-15 14:34

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