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Festival del film Locarno 2011

64° Festival internazionale del film di Locarno. CH 2011. L: Olivier Père.
Locarno, 3. – 13.8.11
05

Leoparden küßt man doch

Von Christine Dériaz Jetzt ist es also vorbei, das 64.Filmfestival von Locarno, die Preise sind verteilt, Gäste und Presse sind abgereist, Leinwand und Stühle verschwinden von der Piazza, es kehrt wohl wieder beschauliche Ruhe ein im kleinen Locarno.

Aber, nicht so eilig, noch ist nicht alles zu Ende erzählt; es fehlt zum Beispiel der Freitag abend, an dem Claudia Cardinale die Bühne der Piazza betrat, ein weiterer Star in Olivier Pères Reigen, auch sie bedacht mit einem Leoparden für ihr Lebenswerk. Freundlich war sie, bedankte sich, ganz große Dame, und war auch schon wieder von der Bühne verschwunden. Diese gehörte danach dem Team des japanischen Films Saya Zamurai von Hitoshi Matsumoto, der Kontrast zwischen der quietsch-munteren zehnjährigen Sea Kumada und dem eher zahnlosen, schüchternen Takaaki Nomi könnte kaum größer sein, besonders live auf der Bühne. Im Film sind sie ein grandioses Vater-Tochter-Gespann in einem sehr schrägen und ungewöhnlichen Samurai-Märchen. Ein Samurai ohne Schwert, der, da er seinen Dienstherrn verlassen hat, zum Harakiri Tod verurteilt wird. Wie das aber im Märchen so ist bekommt er einen Aufschub von 30 Tagen, in denen er versuchen muß, den Sohn des Herrschers zum Lachen zu bringen; ein nahezu unmögliches Unterfangen, die Versuche es doch zu schaffen, sind Buster Keaton würdig.

Auch nicht unerwähnt sollte der holländische Film Onder ons von Marco van Geffen bleiben. In drei einander überlappenden Kreisen wird die Geschichte zweier polnischen AuPair Mädchen in Holland erzählt, bei jedem neuen Kreis dreht sich die Geschichte ein Stück weiter, zieht sich aber auch die Schlinge des Vergewaltigers und Mörders immer enger, bis man am Ende das vollständige, häßliche Bild eines Biedermanns in einer biederen Vorstadtsiedlung und ein totes junges Mädchen hat. Spannend, eindringlich, und nachhaltig unangenehm, eben weil der Böse ein so unauffällig »Normaler« ist.

Abräumer bei der Leopardenjagd war ein anderer eindrücklicher, aber schöner Film, Abrir puertas y ventanas von Milagros Mumenthaler. Die argentinisch-schweizerische Koproduktion gewann den Goldenen Leoparden, den Leopard für die beste Darstellerin – María Canale – und den Preis der internationalen Filmkritik. Und das alles sehr zu Recht. Es geht um drei jugendliche Schwestern in einem alten Haus am Rand von Buenos Aires. Langsam erschließt sich, daß sie kürzlich ihre Großmutter, bei der sie leben, verloren haben. Jede füllt auf ihre Art die Lücke, die dieser Verlust bedeutet. Sie stöbern in Sachen, benutzen Räume, die sie vorher nicht betreten durften, versuchen zaghaft an festen Regeln zu rütteln, frischen Wind ins Haus zu lassen. Die komplexeste Rolle hat dabei die älteste Schwester (María Canale), die – ein bißchen ›häßliches Entlein‹, ein bißchen Mutterersatz – versucht, nichts zu verändern und zugleich trotzdem Gewohntes über den Haufen zu werfen. Reibereien sind vorprogrammiert und so verschwindet die Jüngste heimlich mit ihrem Geliebten irgendwo hin, weit weg, wie sie in einem Brief mitteilt, die Mittlere verscherbelt Möbel und Krempel der Großmutter, und die Älteste schafft es, sich vom Entlein zum Schwan zu entwickeln, und bei allem frischen Wind ein Stück Vergangenheit zu bewahren. Unverständlich der Goldene Pardino (»Leoparden von Morgen«) für den Besten internationalen Kurzfilm an Rauschgift von Peter Baranowski. Der Film wurde bei der Vorführung im Saal ausgebuht, er ist schlicht langweilig und uninteressant gemacht; bis auf zwei Einstellungen ist die Kamera ständig die subjektive Sicht aus einem fahrenden Auto von München über Frankreich und Spanien nach Marokko, während der Fahrer konstant versucht, seine Freundin oder Exfreundin in Marokko ans Telefon zu bekommen. Auch etwas schwer nachzuvollziehen, der Preis für die Beste Regie an Adrian Sitaru für Din dragoste cu cele mai bune intentii (In bester Absicht), wirkt der Film doch in weiten Strecken so, als sei er nicht inszeniert, sondern als würden die Darsteller ständig improvisieren. Aber vielleicht war das genau das Ziel einer ausgefeilten Inszenierung. Daß der Hauptdarsteller Bogdan Dumitrache den Preis für die Beste männliche Schauspielleistung bekam ist allerdings verständlich. Der Publikumspreis und der Variety Preis gingen, wie schon vermutet, an Bachir Lazhar was hoffen läßt, daß der Film dadurch einen internationalen Verleiher bekommt und auch außerhalb von Festivals zum Publikum kommen kann.

Was bleibt abschließend? Olivier Père könnte noch ein wenig an seinem Auftritt feilen, etwas weniger Unsicherheit täte sicher gut, die Stühle auf der Piazza Grande gehören definitiv kontrolliert, damit nächstes Jahr nicht noch mehr während der Vorführungen unter lautem Krachen zusammenbrechen, und, wer auch immer für das Wetter verantwortlich zeichnet, da könnte auch noch ein kleines bißchen nachgebessert werden. 2011-08-15 17:57

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