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Festival del film Locarno 2011

64° Festival internazionale del film di Locarno. CH 2011. L: Olivier Père.
Locarno, 3. – 13.8.11
06

Schweizer Sozial- und Gesellschaftskritik

Von Dieter Wieczorek Auch wenn die ersten Tage Locarnos mit heftigen Niederschlägen heimgesucht wurden, die besonders des Festivals größte Attraktion, die nächtlichen Open Air Projektionen auf eine Riesenleinwand (die an guten Tagen bis zu 9000 Zuschauer anlockt) nicht aufblühen ließen – auf seine Kosten kam man in Locarno doch. Doch der Zufall oder Wettergott wollte es, daß gleich am ersten milden Abend der wohl stärkste, später mehrfach preisgekrönte kanadische Film Bachir Lazhar von Philippe Falardeau zur Aufführung kam. Ein sensibles Werk, das dem großen Platz, der häufig mit eher spektakulären, lauten Werke bespielt wird, durchaus gut tut. Dem sensiblen Charme und anmutigen Fragilität des aus Algerien nach Kanada geflohenen Monsieur Lazhar konnte sich eigentlich niemand entziehen, nicht das vorsatzlose Publikum, nicht die harte Kritik. Spontan bewirbt sich der entwurzelte Mann als Lehrer an einer Elementarschule und tritt vor eine rebellische Schulklasse, dessen zuweilen rüde Verhaltensweisen ein traumatisches Ereignis verbergen sollen. Dem humanistisch geschulten, fast anachronistisch wirkenden Mann gelingt es in vorsichtigen Schritten, gegen viele Widerstände (vor allem von der Schuladministration) die Pandorabüchse zu öffnen, ohne je seine Schüler mit seinen eigenen erschütternden Erfahrungen zu konfrontieren. Falardeau schafft ein in Erinnerung bleibendes Werk zum Lebensstil, zugleich eine Ode an das Ethos des Lehrens.

Im Internationalen Wettbewerb wurden gleich mehrere erstaunliche Werke geboten. Mit Best Intentions bestätigte der junge Rumäne Adrian Sitaru, dessen Kurzfilme bereits mehrfach um den Planten kreisten, sein Talent nun auch in Spielfilmdimensionen. Er konzentriert sich auf die Hysterie eines Sohnes angesichts des fragilen Gesundheitszustandes seiner Mutter, die in Form eines nahezu ununterbrochenen rhetorischen Schwalls mehr schädigt als hilft, gar riskiert, das Gegenteil des eigentlich Gewollten zu erreichen. Sitaru dechiffriert die eigentliche Wahrheit hinter der Fassade des lamentierenden, Ärzte mißtrauenden, überbesorgten jungen Mannes: seine Unfähigkeit, sich mit der einst anstehenden, unumgänglichen Abschiednahme von seiner Mutter zu konfrontieren.

Aus Chile kommt ein apokalyptisches Werk. Im Zentrum von Sebastian Lelios The Year of the Tiger steht ein ebenfalls aus der Bahn geworfener Mann, der durch eine Überschwemmungskatastrophe Frau, Kind und Mutter verlor. Seine langen Gänge durch Zerstörung und Degradation wirken wie ein Adagio auf ein verlorenes Leben, aus dem er sich, selbst zum Mörder werdend, noch radikaler ausschließt.

Den italienischen Brüdern Massimiliano und Gianluca de Serio, ebenfalls seit Jahren erfolgreiche und immer wieder preisgekrönte Kurzfilmer, gelingt gleichfalls mit Leichtigkeit der Schritt zum intensiven Spielfilm. Sie zeichnen das zerbrechliche emotionelle Instrumentarium einer in die Enge getriebenen, illegalen jugendlichen Immigrantin auf, die oszilliert zwischen schnell aufbrechender Aggression hin zu Momenten der Zärtlichkeit. Zwischen ihr und einem hilfsbedürftigen alten Mann, den sie in seiner Wohnung überfällt, kommt es zu einer überraschenden Annäherung, die von dem Brüderpaar, die bereits durch ihre genau beobachtende Sozialrealistik der früheren Werke auf sich aufmerksam machten, ohne jeden Pathos überzeugend in ihrer ganzen Ambivalenz dargestellt werden.

Im Jahr 2000 war Eureka einer der Filme, die sich im kollektiven Filmbewußtsein verhafteten. Elf Jahre später tritt der Japaner Shinji Aoyama erneut mit einem durchaus delikaten Werk an die Öffentlichkeit, das die Frage nach Zusammengehörigkeit auf mehreren Niveaus durchspielt. Kaum ein anderer aktueller Filmemacher behandelt das Thema von Sympathie, Anziehung, Gemeinsamkeit und möglicher Liebe mit einer derart vorsichtigen, Schicksalhaftigkeit akzeptierenden Weise. Dies macht Aoyama für pragmatische und instrumentelle Geister so fremdartig, aber gerade diese Fremdartigkeit und Abweichung von den Standards vermag eine kulturelle Differenz zu schaffen, ohne deren Input eine Kultur im Inzest degradiert.

Auch der kritische Sozialfilm findet in Locarno seinen Platz im Wettbewerbsprogramm. In Vol spécial (Spezialflug) porträtiert der Schweizer Fernand Melgar erneut (nach seinem überaus erfolgreichen Film Le Forteresse ) das Leben in einem Schweizer Ausländerheim, in der Einsässige oftmals monatelang auf die endgültige Entscheidung über ihren Fall warten. Mit Rhetorik und Alltagspsychologie bereitet sich das Personal auf das Durchexerzieren der unvermeidlichen Abschiebungsrituale vor. Doch was in der eingespielten Anstalt noch einigermaßen gelingt – von wirklichen Gefühlen zwischen den sich immerhin über Monate Vertrauten nicht frei – wird in Frage gestellt durch skandalöse Vorgänge seitens der Sicherheitskräfte am Flughafen. Dort kommt es in einer kruden Praxis auch schon einmal zu tödlichen »Unfällen«, die das Gewissen der gutgläubigen und staatsgetreuen Asylheimbeamten auf eine ernste Probe stellen. Melgar zeigt, wie ihre Rhetorik brüchig, ihre Antworten unglaubwürdig werden.

Noch stärker sind sozialkritische Arbeiten außerhalb des Wettbewerbprogramms vertreten. Der ebenfalls schweizerische Dokumentarfilm Carte blanche von Heidi Specogna thematisiert die zähe Arbeit des »Vergehen gegen die Menschlichkeit« einklagenden Internationalen Gerichtshofes, dessen Arbeit am Beispiel eines Genozides in der zentralafrikanischen Republik im Detail registriert wird. Während die Opfer nicht die Mittel haben, ihre immer noch brachliegenden Brand- und Schürfwunden zu heilen, begeben sich die in Luxus lebenden Auftragsgeber des Massakers, begleitet von ihren Familien, ihren im Amt stehenden Staatsträgern und einer Schar von Juristen in die Gerichtshöfe, um die Anklagen mit Hinhaltetechniken und Verschiebungsanträgen oft über Jahre hinweg im Leerlauf kreisen lassen. Die unter schwierigsten Umständen angereisten Zeugen werden in diesen Zeitspannen schlicht materiell und emotionell aufgerieben, ganz zu schweigen von dem, was ihnen in der Heimat »zustoßen« kann. Die Verfahren komplizieren sich noch durch eine neue politische Praxis, Befehle nicht mehr schriftlich und damit nachweislich zu geben, sondern über Körperzeichen, von deren Befolgung sich die Verantwortlichen mit guten Erfolgsaussichten später freizusprechen suchen. Solange nur Befehlsgeber, nicht aber die Befehlsausführenden zur Rechenschaft gezogen werden, scheint sich keine Lösung abzuzeichnen. Diese völlig andere Rechtsdeutung, allen Beteiligten Verantwortung zuzusprechen, hätte jedoch auch bemerkenswerte Konsequenzen für die hiesige, gern zwischen Sklaven und Machern unterscheidende politische und juristische Praxis, die so weitreichend sind, daß sie kaum mit vielen Sympathien rechnen dürfen.

Der ägyptischen Revolution folgt Stefano Savona in der französisch-italienischen Koproduktion Tahrir. Seine Kamera bleibt die ganze Zeit über auf Straßenhöhe, will heißen, eingetaucht in der Unübersichtlichkeit der Tumulte, Versammlungen, Gesänge, Deklarationen, Gebete, Kommentare und Erlebnisberichte. Savona schafft ein sinnlich dichtes Werk aus dem Inneren der Revolte heraus, das all das über Jahrzehnte Tabuisierte und Unterdrückte einzufangen vermag. Er schafft ein starkes Werk über das letztlich nicht zu bändigende Freiheitsbegehren.

Man stelle sich vor, es gäbe eine Substanz, die ihre Konsumenten zu gänzlich anderen Wahrnehmungsweisen und Bewußtseinsformen führt, die es ihnen erlaubt, in kürzester Zeit nicht nur ihren alltäglichen Realismus, ihre Beziehungs- und Umgangsformen in Frage zu stellen und neu zu erleben, sondern Leben und Sterben in einer völlig neuen Weise zu situieren. Man stelle sich vor, daß diese Substanz an Tausenden Versuchsteilnehmer ausprobiert würde, die plötzlich empirisch nachweisbare, ihnen vorher unbekannte Fähigkeiten und Wissensformen an den Tag legen, eine Substanz, die von Abertausenden gefeiert würde und die us-amerikanische Weltmacht derart in die Enge triebe, so daß sie deren hauptsächlichen Vertreter und Deuter zum größten Straftäter auf Staatsgrund stigmatisierte und inhaftierte, die Substanz kriminalisierte und dämonisierte. Man stelle sich vor, daß diese Substanz dann auch tatsächlich fast gänzlich aus dem öffentlichen Bewußtsein verschwand und ein allgemeines, auch von Intellektuellen kaum noch durchbrochenes Schweigen sich breit machte, man stelle sich schließlich vor, daß diese Substanz wirklich existiert und einen Namen hat: LSD. Und nun stelle man sich vor, daß nach 20 Jahren Schweigen plötzlich ein Film auftritt, der sich der Frage nach dem Für und Wider, nach den Potenzialen und Limitationen dieser Substanz wieder in aller Frische annimmt, der ihre Erfinder, entscheidende Propagandisten, Theoretiker und Poeten Revue passieren und zu Wort kommen lässt, in einstigen Statements und neuen Befragungen, man stelle sich vor, diesen Film gibt es…

Martin Witz The Substance – Albert Hofmann’s LSD darf nicht nur als einer der stärksten Werke der Locarner, den Erst- und Zweitfilmen vorbehaltenen Reihe »Cineasti del presente« (Filmemacher der Gegenwart) gelten, sondern als einer der wichtigsten Beiträge in Locarno 2011. Witz besucht den nahezu Hundertjährigen Albert Hoffmann, der luzid die bewußtseinsöffnende Dimension dieser Substanz beschreibt, die er als erster im Selbstversuch erprobte, der gleichzeitig aber vor jeder banalisierenden Umgangsform mit diesem geistigen Dynamit warnt, das seine Konsumenten auf stundenlange Reisen schickt, von denen sie nicht unverändert zurückkehren und das nichts gemein hat mit den spitzigen Belustigungs- und Betäubungsdrogen kleiner exstatischer Glücksmomentfabrikation, die heute gehandelt werden. Witz bietet das ganze Panorama des Phänomens LSD, seiner Geschichte und seiner Konsequenzen. Er befragt Stanislav Grof, der seine unglaublichen empirischen Beobachtungen in seinem Werk »Topographie des Unbewußten« eine deutende Form zu geben versuchte, er liefert Archivmaterialien mit Statements Timothy Learys, dem amerikanischen »Vater« des LSD, er kontextualisiert den Privatgebrauch mit dessen politischen Implikationen durch die Verbreitung in der Musikszene San Franciscos und bald darauf weit darüber hinaus, er dokumentiert die Proteste und Revolten einer für Kriegszwecke untauglich gewordenen Generation ab den 1960er Jahren, die eine breite Staatsrhetorikmaschine herausforderte, die alles daran setzte, durch Dämonisierung und Kriminalisierung (übrigens bis heute recht erfolgreich) die Notbremse zu ziehen… all diese Schattierungen und Niveaus, bis zur heutigen langsamen Wiederkehr des LSD in vorsichtigen Applikationen zu therapeutischen Zwecken, besonders an unheilbar Krebskranken (!), fliessen in Witz’ komplexes Werk ein, das jeder Schule, die noch Interesse an Lebensformen und an einer Analyse von Manipulationsmechanismen hat, zur Projektion anempfohlen sei.

Die starke Serie Schweizer Filme setzte sich selbstredend auch im eigentlichen »Appelations Suisse« betitelten Schweizer Programm fort. Hier fiel besonders Jarreth Merz Dokumentarfilm über die heikle Vorbereitung und Durchführung demokratischer Wahlen in Ghana auf. An African Election berichtet von der Rückkehr des in der Schweiz und den Staaten lebenden Filmemachers zu seinen biographischen Ursprüngen. Aus Nahansicht beobacht er das Exerzieren einer hier noch kaum eingespielten politischen Praxis in einer recht fragilen Gesellschaftsformation, wo der Funke zu blutigen Konfrontationen jederzeit wieder überspringen kann. Das Anzweifeln von Wahlpraktiken und Wahlergebnissen gehört zur Alltäglichkeit, selbst in diesem als afrikanisches Musterland geltenden Ghana. Jedes politische Desaster an diesem Ort hätte auf seine ganze Umgebung fatale Auswirkungen. Merz folgt besonders einem der beiden Wahlkontrahenten, zu dem er durch familiäre Verbindungen leichteren Zugang hat. Auf diese Weise kann er selbst zu den von der Öffentlichkeit strikt abgeschirmten Orten vordringen und ein überaus realistisches Bild lokaler politischer Wirklichkeit schaffen.

Die üblicherweise starke Sektion der »Semaine de la Critique« enttäuschte auch dieses Jahr nicht. Als israelisch-schweizerische Koproduktion wird in Alexandre Goetschmanns Carte blanche der Arbeitsalltag des Verantwortlichen der letzten Trauma-Abteilung in einem Tel-Aviver Krankenhaus porträtiert. Dr. Soffer fängt all die anfallenden Unfall-, Kriminal- und Terroropfer auf, die zuweilen noch im Korridor operiert werden müssen. Blitzschnelle Entscheidungen haben lebenslange Konsequenzen. Der Arzt kommentiert sein aufopferungsvolles Leben im unausgesetzten Streß aus kritischem Anstand, seine Selbstzweifel nicht verbergend, besonders wenn es sich um die »Rettung« von Suizidkandidaten handelt.

Der österreichische Film Die Evolution der Gewalt Fritz Ofners skizziert den Stand der Dinge in Guatemala, einem immer von den Schatten seines 36jährigen Zivilkrieges markierten Land. Entführungen, Mord und Vergewaltigung sind nach wie vor an der Tagesordnung. In Gesprächen werden traumatische Erinnerungen der Opfer der das Land zerreißenden us-amerikanischen Handelspolitik evoziert, die Tausenden das Leben kostete und bis heute kein angstfreies Leben aufkommen läßt.

Der deutsche Film Gangsterläufer Christian Stahls begleitet den 15jährigen Yehya, ein arabischer Borderliner zwischen Familienleben und Gefängnisaufenthalten, lokaler Anführer, luzider Krimineller und Elitestudent, stets oszillierend zwischen Gewalt und Reflexion, ein explosiver junger Mann auf der Suche nach sich selbst und seinem Ort in einer Gesellschaft, die für Jugendliche seiner Abstammung nicht unbedingt einen Platz vorsieht.

Aus der Schweiz wiederum kommt Ulrich Grossenbachers, immer wieder Heiterkeit auslösendes Porträt von vier extremen Sammlern, die unter jedem Vorwand sich mit Dingen umgeben, von den sie sich nicht mehr trennen können, selbst dann nicht, wenn der Zugang zum eigenen Waschbecken zum Problem wird. »Messies, ein schönes Chaos« ist ein eindringliches Werk zu Sonderlingen und Außenseitern zwischen Passion und Pathologie.

Bedauerlich ist in Locarno lediglich, daß das Festival stets weniger tut, um Professionelle aller Scharten untereinander zusammenzubringen, vor allem diejenigen, die nicht unbedingt zur gleichen Geschäfts- oder Interessensgruppe gehören. Diese möglichen Begegnungen und Diskussionen aber prägen entscheidend den Charme und die Atmosphäre eines Festivals, ohne die es sich zur bloßen Abspielstätte degradiert. 2011-08-24 10:24

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