— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Interfilm Berlin 2011

27. Internationales Kurzfilmfestival Berlin. D 2011. L: Heinz Hermanns.
Berlin, 15. – 20.11.11
02

Digital ist besser

Von Cornelis Hähnel Das Kino gilt schon seit seinen Anfängen als ein magischer Ort. Und auch in der heutigen digitalisierten Zeit, in der das Kino zu einem Teil des Alltags geworden ist, wohnt diesem noch immer der Zauber des Eskapismus inne. Die Möglichkeit, in fremde Welten einzutauchen, ist einer der Grundpfeiler der Faszination für das Medium. Und so widmet sich das Kurzfilmfestival interfilm Berlin auch in einem Programm des Internationalen Wettbewerbs den »Skurrilen Welten«.

Valdrift ist ein Paradebeispiel dafür, wie das Kino die Wirklichkeit um ein My verschieben, und dennoch realistisch erscheinen lassen kann. In dem Kurzfilm gerät das Leben eines jungen Büroangestellten – Typus Durchschnittsbürger – regelrecht aus den Fugen. Der junge Mann verliert die Mitte seiner Schwerkraft. Und so lebt er erst in leichter Schräglage, doch nach und nach widersetzt sich sein Körper immer mehr der Gravitation und er kann an Wänden laufen. Regisseur Jasper Wessels erzählt die Geschichte vom Anderssein als poetische Parabel, auch wenn er sich zum Ende hin in kitschige Gefilde begibt. Den gelungenen Bildern, die er findet, und den Möglichkeiten der cineastischen Verfremdung, die er nutzt, tut das allerdings keinen Abbruch.

Sehr realistisch hingegen ist Beep von Haytham Saqr. Der Kurzfilm aus den Vereinigten Arabischen Emiraten schaut auf die Absurdität der digitalisierten Gesellschaft. Ein Tagesablauf, geprägt von Piepen und LED-Anzeigen, vom Handy über die elektrische Zahnbürste, die Mikrowelle, Fahrstuhl, Autoschlüssel, EC-Automat und Supermarktkassen. Saqr konzentriert sich auf die Dominanz der Elektronik im Alltag ohne dabei kulturpessimistisch zu agieren. Geschickt zeigt er die Selbstverständlichkeit der digitalen Helfer, in dem er ihr Piepen, das man aufgrund der Gewohnheit nur noch selten wahrnimmt, in der Tonspur herausarbeitet und so die relativ unscheinbaren Geräusche als chaotischen und enervierenden Krach erscheinen läßt. Eine zwar simple Idee, die aber aufgrund ihrer formalen Umsetzung funktioniert.

Sekpsis gegenüber den neuen Medien hat auch Herr Honkonen in Muutos meitä johtaa (Change of State) von Ville Hakonen und Jussi Sandhu. Der Lotto-König des finnischen Fernsehens fürchtet nämlich die Einführung des Farbfernsehens und deshalb seinen Job zu verlieren. Denn er selbst ist schwarzweiß und die Zuschauer könnten denken, ihr Fernseher sei kaputt. Honkonen macht sich auf nach Estland, wo das Farbfernsehen noch nicht eingeführt wurde. Doch wie lange kann man sich vor der Veränderung verstecken? Muutos meitä johtaa ist ein sympathischer Film, der mit trockenem und eigenwilligen Humor davon erzählt, daß es nicht immer einfach ist, mit der Zeit zu gehen und sich dennoch treu zu bleiben.

In Animal Control wir Larry ebenfalls mit einer einschneidenden Veränderung konfrontiert. Der kanadische Regisseur Kire Paputts erzählt darin von einem eigenbrötlerischen Taxidermisten, dessen einzige Freunde seine ausgestopften Tiere sind. Als er eines Tages einen kleinen Hund findet, der noch lebt, entdeckt der knarzige Larry, daß ein lebendiges Haustier auch seine Vorteile hat. Animal Control lebt vor allem von seinem Hauptdarsteller Julian Richings, der seinem eigenwilligen Charakter die nötige Tiefe gibt und ohne Pathos die Einsamkeit des Mannes vermitteln kann. Die kleine Geschichte einer Begegnung, die den Alltag grundlegend verändert, ist dank ihrer zurückgenommenen Erzählweise und den gelungenen Bildkompositionen großes Kino im kleinen Format. Denn auch der trübeste Alltag wird auf der Leinwand etwas Besonderes. 2011-11-20 18:49

Weitere Artikel

© 2012, Schnitt Online

Sitemap