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Torino Film Festival 2011

29. Torino Film Festival. I 2011. L: Gianni Amelio.
Turin, 25.11. – 3.12.11
Jonathan Levines 50/50

Die Suche nach Annäherungen

Von Dieter Wieczorek Größere Festivals können nur in den seltensten Fällen den Anschein des Eklektischen und Willkürlichen abstreifen. Hier macht auch Turin keine Ausnahme. Das Festival zeigt auf der einen Seite Genrefilme selbst im Wettbewerb, bewegt sich auf der anderen Seite hin zu komplexer und nur schwer zu resümierender Filmkunst. Mit anderen Worten: das Horrorfilmpublikum kommt hier ebenso auf seine Kosten wie der Avantgardefilmliebhaber. Turin steht immer noch – trotz einiger weniger, schwer zu begreifenden Fehltritte – für die Präsentation komplexerer Filmkunst.

Ein weiterer Trend bestätigt sich auch in Turin: Die Auseinandersetzung mit wirklichen, lebensbedrohlichen Themen und Schlüsselmomenten aktueller gesellschaftlicher Transformation, der Wille zu politischen Statements, die Lust an Provokationen und die Pflicht zu sozio-psychologischen Analysen zeigt sich mehr und mehr ersetzt durch persönliche Identitätssuche und die Frage nach noch möglichen Annäherungen in den heutigen auseinanderdriften Sozialgefügen. In postpolitischen Gesellschaften dominiert die Suche nach dem kleinen Glück.

Jonathan Levines Film 50/50 handelt von einem Mann, der, mit seiner Krebskrankheit konfrontiert, sich der Morschheit seiner Liebesgeschichte bewußt wird, aber, assistiert durch einen guten Freund, mit seiner eher unbeholfenen Therapeutin zu neuem Liebesglück aufbricht. Ebenfalls im Wettbewerb lief der kanadische Beitrag Sébastien Pilotes Der Verkäufer. Hier wird einem Mann sein Talent zur psychologischen Falle. Durch Humor, Einfühlungsvermögen und Hilfsbereitschaft ist er zum erfolgreichsten Wagenverkäufer seiner Kleinstadt aufgestiegen, doch als dort die wirtschaftliche Krise um sich greift, wird seine Überzeugungskraft seinen Käufern zum Verhängnis. Mit den überraschenden Konsequenzen seines Handelns konfrontiert, zu denen auch – das hätte nun doch nicht sein müssen – der Tod seiner Tochter und seines Enkelkindes gehört, die beim Versuch, ihm eine Arbeit abzunehmen verunglücken, wird der Show-Down eines normalen, erfolgreichen Lebens nachgezeichnet, eines Jedermann-Lebens, das auf kleinen Horizont getrimmt sich erst und meist zu spät in Krisenfällen auf größere Fragen und Verantwortungszusammenhänge besinnt. Auch der deutsche Beitrag Vergiss dein Ende von Andreas Kannengießer beeindruckte im Wettbewerb durch seine starke psychologische Dramaturgie. Eine Frau, seit Jahren an ihren an Alzheimer erkrankten Ehemann gebunden, gerät bei ihrem Versuch zu einer anderen möglichen Liebe aufzubrechen unter moralischen Druck von allen Seiten. Filmsprachlich gesehen sind all die genannten Wettbewerbsbeiträge nicht wirklich innovativ, exemplifizieren aber das Handwerk kinematographischer Suggestionskunst, das die großen Säle bespielt, überaus gekonnt.

Wer mehr möchte, kommt eher in den Nebenreihen auf seine Kosten, wie in der »Festa mobile« betitelten, wo der verstörende Film Condition des russischen, in New York lebenden Regisseurs Andrei Severny lief. Lediglich mit einem Minimalbudget ausgestattet (die männlichen Schauspieler schliefen in Zelten), porträtiert Severny irgendwo in nördlicher Einöde zwei in einer überaus komplexen Beziehung stehenden Frauen: eine Soundtherapeutin und ihre traumatisierte Patientin, die ohne sprachliche Kommunikation in einem apathischen Zustand verharrt und immer wieder von Flashbacks mit unerträgliche Klängen heimgesucht wird. Während sie sich mühsam ihren Weg zur Wahrnehmung ihrer Umgebung bannt, fällt ihre Therapeutin nach einer Wagenpanne, die sie ohne Hilfe einer harschen Landschaft ausliefert, zunehmend in ein Delirium unkontrollierter sinnlicher Eindrücke. Severny verbindet in überzeugender Weise sein komplexes Thema der Kommunikation durch Klänge, auf das er sich als Sproß einer Wissenschaftlerfamilie durch ausführliche Forschungen zur Klangtherapie und Forschung vorbereitete, mit ästhetischer Innovation.

Im Zentrum des ebenfalls aus den USA – man wünschte sich zuweilen eine geographisch etwas variantenreiche Palette in Turin – stammende Film The Dynamiter von Matthew Gordon steht ein von seiner Mutter sich selbst überlassener Jugendlicher, der sich in die Pflicht genommen sieht angesichts einer fragilen Großmutter, eines hilflosen kleinen und eines schmarotzenden, machohaften großen Bruders. Gegen alle Widerstände erkämpft er sich
seinen Weg zu einer Art Normalität und Integration in ein soziales Netzwerk, dem er anfänglich nur zu entraten suchte. Seine im Off eingespielten frechen, selbstbewußten Briefe an seinen Schullehrer dürfen das Prädikat »literarisch wertvoll« beanspruchen.

Eine schwierige Annäherung ist ebenfalls in dem bereits in Locarno gelaufenen Werk Sieben Werke des Erbarmens (Sette Opere di Misericordia) der Brüder Gianluca und Massimiliano de Sergio Thema. Eine junge, unter Gelddruck stehende Frau greift einen hilfsbedürftigen alten Mann in seiner Wohnung an. Nach einer ersten Gewaltwoge findet das ungleiche Paar zu einer Art Einverständnis und gegenseitigen Hilfeleistung, ein ebenso überrascher wie überzeugender Ausbruch aus der anfänglich ausweglos scheinenden Konfrontation. Dieses Aufschimmern einer Menschlichkeit in Situationen sozialen Desasters und Kommunikationslosigkeit jenseits von Kitsch und Erkünsteltheit ist eine Filmkunst, die die De Serios bereits mehrfach in ihren vielfach preisgekrönten Kurzfilmen unter Beweis gestellt haben.

In dem politischen Dokumentarfilm L’era legale geht Enrico Caria der Gestalt des einzigartigen Bürgermeister Neapels nach, der einsah, daß es nur einen Weg aus der Mafiakrise und Kriminalitätsspirale gibt: die Legalisierung von Drogen. Rational sehr überzeugend durchgespielt und mit viel neapolitanischen Kolorit angereichert kann man am Ende nur bedauern, es hier lediglich mit einer gekonnt inszenierten Fiktion zu tun gehabt zu haben. Politisch »straight« ist dagegen Daniele Segres Sic Fiat Italie, der den unaufhaltsamen Prozeß der Unterminierung gewerkschaftlicher Errungenschaften und Solidaritätsbereitschaft im Zeitalter der Globalisierung dokumentiert, wo Großunternehmen ihre lokalen Werke schließen und sich in Regionen transferieren, wo soziale Sicherheit, Arbeitsschutz und medizinische Versorgung zum Vokabular einer Traumlandschaft gehören. Die am Ort Zurückgebliebenen sind unversöhnlich in zwei Gruppen geteilt: diejenigen, die die im Arbeitskampf über Jahrzehnte hinweg erkämpften Rechte verteidigen und diejenigen, die wie auch immer rechtlose und schlecht bezahlte Jobs zu akzeptieren bereit sind, um sich und ihre Familien über Wasser zu halten.

Die Todesstrafe und ihre mentalen Konsequenzen sind Thema in Werner Herzogs Dokumentarfilm Into the Abyss – A Tale of Earth, A Tale of Life. Bereits kurz nach dem auf der Berlinale gelaufenen Die Höhle der vergessenen Träume liefert Herzog hier schon wieder einen erstaunlichen Film, der sich mit einem der fragwürdigsten US-amerikanischen Praktiken auseinander setzt. Er bringt eine Fülle ganz unterschiedlich positionierter Personen ins Bild, die durch seine ebenso sensiblen wie überraschenden Fragen zu erstaunlichen Kommentaren provoziert werden. Neben einem Todeskandidaten kommen Familienangehörige der Opfer und des Täters zu Wort. Den Anfang bildet ein Dialog mit einem Priester, der die Hinzurichtenden begleitet, den Herzog vor dem mit Friedhofskreuzen namenloser Kadaver garnierten Hintergrund führt. Dieser Mann berichtet von einem der wenigen wirklichen Glücksmomente seines Leben: als er durch Vollbremsung den Tod der auf der Straße vorbeiziehenden Schildkröten vermeiden konnte. Er bedauert, in Tränen ausbrechend, Gleiches nicht auch für Menschen tun zu können.

Die filmsprachlich signifikanteste Nische des Turiner Festivals ist die »Onde« (Welle) betitelte Sektion. Sie umfaßte in dieser Festivaledition lediglich vierzehn Werke. Noami Kawases Hanezu ist darunter eines der rätselhaftesten. Die junge japanische Filmemacherin, die sich in der Vergangenheit durch ihre »erbarmungslose« Kameraführung auszeichnete, mit der sie Sterben, Altern und Gebären aufzeichnete, rekurriert hier jenseits aller Materialität auf kulturelle und mythologische Referenzen. Sie beschwört die Geburtsstadt der japanischen Nation herauf, an der Ausgrabungsarbeiten gerade erst begonnen haben. Im Off erklingen die umkleidenden mythologischen Geschichten. Beide verknüpft Naomi mit einer in der Gegenwart angesiedelten Geschichte eines an sich selbst scheiternden Ehepaares, das Selbstzweifel und Kommunikationslosigkeit in eine ausweglose Situation treibt. Mit alogischen Sprüngen jonglierend spielt Kawase lediglich mit einer linearen Erzählstruktur, die tatsächlich porös und offen für paradoxe Einbrüche bleibt. Ihre Protagonisten scheinen eingebettet in eine Landschaft mystischer Kräfte und Einflüsse, die letztlich ihr Schicksal bestimmen. Die Aktion erscheint eingebettet in eine schwüle Atmosphäre des Unbestimmbaren.

Einen Feedback-Effekt zwischen Psycho-Dramaturgie und historischen Referenzen schafft auch die in Paris lebende Rumänin Eva Pervolovici in ihrem Film LubaBen. Zwei Außenseiter, der an einem See hausende junge Mann Ben und die aus Weißrussland kommende Luba, die ohne Bleibe und Orientierung ist, begegnen sich an einem unbestimmt bleibenden Ort irgendwo im Freien. Ihr Versuch einer Annäherung wird kontrapunktiert durch Flashbacks von Straßenschlachten und Krawallen ihres Herkunftslandes.

Vagabundierende Segmente, verflochten zu möglichen Geschichten, zeichnen Jonas Mekas Filmkunst aus. Er schafft, seine Digitalkamera stets zur Hand, audiovisuelle Haikus, speichert eine Fülle von Alltagssituationen, um sie durch Zwischentitel zu kleinen Geschichten zu verbinden. Tatsächlich kann der Zuschauer so am wohl situierten Alltagsleben einer sich selbst gewissen Referenzgestalt des Avantgardekinos teilnehmen, die sich geschmeidig und augenzwinkernd, selten ohne Glas in der Hand, im Kreise der verstreut, aber permanent ins Bild kommenden Zelebritäten der Film- und Kunstszene wie Ken Jacobs, Yoko Ono, Jean-Jacques Lebel, Ulrich Obrist etc., bewegt. Jonas Mekas bietet ein Who is Who in leichter, verspielter Form, reichert die Gegenwart mit Anekdoten seiner Erinnerungen an, die er zuweilen mit einem Hauch von Lebensweisheit umkränzt. Stets bleibt er Beobachter, schelmisch und schweifend, oftmals amüsiert, wie ein leichtes poetisches Bild zu sein hat. 2012-01-11 15:16
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