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Filmfestival Marrakesch 2011

11. Festival International du Film de Marrakesch. MA 2011. L: Mélita Toscan Du Plantier.
Marrakesch, 2. – 10.12.11
Justin Kurzels Snowtown gewann den Jurypreis in Marrakesch

Würzige Mischung

Von Christine Prinzing Mit viel Glamour und orientalischen Charme präsentierte sich die elfte Ausgabe des Internationalen Filmfestivals Marrakesch. Damit stieg das Festival zu den wichtigsten Kulturereignissen des Maghrebs auf. Bruno Barde, der künstlerische Leiter, entwickelte zwischenzeitlich ein feines Händchen, eine kompetente und gut organisierte Plattform für die internationale Filmindustrie anzubieten und gleichzeitig im Hintergrund ein mutiges Programm auf die Beine zu stellen. Stars wie Shah Rukh Khan, Forest Whitaker und Sigourney Weaver waren auf dem roten Teppich Objekte der Begierde für Fans und Fotographen. Zusätzlich standen Terry Gilliam, Nuri Bilge Ceylan, Marco Bellocchio, Jean-Jacques Annaud und Roland Joffe Rede und Antwort für Filmschaffende und für die, die es einmal werden wollen.

Dieses Jahr waren 15 Filme im Internationalen Wettbewerb vertreten. Die Themen der Filme lagen dabei nah an der psychischen Schmerzgrenze des Betrachters: Gewalt, Diskriminierung, Rassismus, Mord und Totschlag. Kein Wunder, daß die Jury, unter dem Vorsitz des serbischen Regisseurs Emir Kusturica, mit dem Film Snowtown von Justin Kurzel ein »True-Crime-Drama« mit dem Jurypreis krönte. In seiner Low-Budget-Produktion verarbeitet der Regisseur die wahre Geschichte der »Snowtown-Mordserie« aus dem Jahr 1990 und entwickelt ein detailliertes Porträt, daß die sozialen Lebensumstände am unteren Rand der australischen Gesellschaft aufdeckt.

Wer in dieser tristen Vorstadt, in der Snowtown spielt, aufwachsen muß, weiß, daß er nicht das große Los gezogen hat. Die schmucklosen Bungalows und die Einöde ihrer heruntergerockten Vorgärten spiegeln im Film die Atmosphäre eines Wohngebiets wieder, in dem Spielautomaten noch die größte Attraktion sind. Der 16-jährige Jamie wächst hier ohne Vater auf. Ihm fehlt eine Autoritätsperson, die seinem verunsicherten Dasein Halt geben könnte. Deswegen sucht er die Nähe von John Bunting, der als charismatischer Wortführer in der Nachbarschaft auffällt und in dem er einen Vaterersatz sieht. Durch seine innere Zerrissenheit, angesichts der Gewaltspirale, in die Bunting ihn hineinzieht, wird Jamie Teil der düsteren Welt um den Serienkiller.

Der Kameramann Adam Arkapaw ist dabei stets nah genug an den Figuren, um das dichte Geflecht aus trostloser Realität, sowie ihrer Gefühlswelt, authentisch abzubilden. Snowtown ist eine überzeugende Milieustudie über den Haß, der im sozialen Abseits beizeiten die grausamsten Blüten treibt.

Ganz anders und mit dem Hauptpreis für den besten Film ausgezeichnet ist die dänische Produktion Out of the Bounds. In dem Psychodrama erzählt die Regisseurin Frederikke Aspöck die Geschichte von Stella, die ihren Vater, einen Maler, lange nicht mehr gesehen hat. Gemeinsam mit ihrem Freund Oskar besucht sie ihn auf der Ostseeinsel, auf die er sich mit seinem Hund zurückgezogen hat. Dort ist die Natur rau, stürmisch und mächtig – hinter dieser Kulisse braut sich in der Dreierkonstellation bald ein eisiges Klima zusammen. Ein Zweikampf der Männer um die Gunst der Frau entfacht sich in dieser prächtigen Naturkulisse, die schließlich sogar zur Mitakteurin in diesem brisanten Psychodrama wird.

Als Fazit ist zu erwähnen, daß das Internationale Filmfestival von Marrakesch mittlerweile als eines der Bedeutendsten in Afrika seiner Art gilt. Darauf kann Marokko auch stolz sein: Eine neue, zunehmend im Ausland ausgebildete Generation von Filmschaffenden kehrt zurück, um der Welt ein Bild des Landes jenseits einer bekannten Postkartenidylle zu zeigen.

Zu den Themen dieser Generation gehören auch die unbequemen Seiten einer Gesellschaft. Mit dieser progressiven Tendenz war auch eine einheimische Produktion innerhalb des Wettbewerbs vertreten: L`Amante du Rif. Aber auch außerhalb des Wettbewerbs konnte man außergewöhnliche Filmperlen finden, so z. B. Andalousie, mon amour. Der Film erzählt von zwei Studenten aus Marokko, die ihre Zukunft jenseits des Mittelmeers, in Europa sehen. Filmregisseur Mohamed Nadif stand in seinem Film auch selbst vor der Kamera. Er hat den Spagat zwischen Traum und Realität und dem dies- und jenseits des Mittelmeers bildstark gemeistert und versteht das Gefühl des Wandels, der Entwicklung und der Sichtweisen dieser jungen Menschen in zwei verschieden Kultur- und Lebenskreisen. Ein Film, der hoffentlich auch bei uns in Deutschland einen Verleih finden wird.

Kurzum: Das Festival bot der internationalen Filmindustrie und seinem Publikum eine Plattform über den aktuellen Stand aus Nah und Fern, eingebettet in traumhafter Kulisse, mit dem unvermeidbaren Gefühl der Vorfreude auf das Marrakesch Filmfestival 2012. 2012-01-11 19:24
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