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Max Ophüls Preis 2012

33. Filmfestival Max Ophüls Preis. D 2012. L: Gabriella Bandel, Philipp Bräuer.
Saarbrücken, 16. – 22.1.12
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Herzen vergeben

Von Cornelis Hähnel Auch wenn es immer ein wenig betrüblich ist, wenn eine vergnügliche Festivalwoche zu Ende geht, freut man sich insofern darüber, daß nun endlich die Gewinner der Wettbewerbe bekannt gegeben werden. Nach Tagen der Diskussionen und Favoritenverteidigung gibt es die offiziellen Jury-Entscheidungen, an denen man sich reiben oder erfreuen kann. Auch das diesjährige Filmfestival Max Ophüls Preis hat die Spekulationen der Festivalbesucher und Filmemacher beendet und seine Preise vergeben:

Gewinner des Max Ophüls Preis 2012 ist Michael von Markus Schleinzer. Der österreichische Regisseur erzählt darin von einer Kindesentführung – aus der Täterperspektive. Der unscheinbare Michael hält in seinem Keller einen kleinen Jungen gefangen. Durch die Konzentration auf den Alltag generiert Schleinzer ein beklemmendes Drama, das aufgrund seiner Erzählperspektive ebenso streitbar wie aufwühlend ist. Der Film ist dabei weder plumpe Provokation, noch ein Versuch, den Täter zu verstehen, sondern eine Annäherung daran, wie jemand mit einem solch abscheulichen Geheimnis sein »normales« Leben fortführt. Gerade aus dieser gekonnt inszenierten Durchschnittlichkeit rekrutiert sich der Schrecken von Michael – und aus dem präzisen Spiel von Hauptdarsteller Michael Fuith, der verdientermaßen den Preis als Bester Nachwuchsdarsteller erhielt.

Erfreulich ist der Preis für Michael, der bereits in Cannes lief, auch für die Festivalleitung, denn damit wird die im Vorfeld des Festivals erklungene Kritik der wenigen Uraufführungen im Wettbewerb abgestraft. Der vorherrschende Premierenwahn ist nämlich weitaus kontraproduktiver für den deutschsprachigen Nachwuchs als hilfreich, sollte doch gerade hier die Qualität des Leinwanddebüts und nicht das Debüt eines Films auf der Leinwand im Mittelpunkt stehen.

Eine lobende Erwähnung wurde für die Filme Mary & Johnny von Samuel Schwarz und Julian M. Grünthal, eine schweizerische Adaption des Horváth-Klassikers »Kasimir und Karoline«, und Die Unsichtbare von Christian Schwochow ausgesprochen.

Der Preis der Saarländischen Ministerpräsidentin ging an Transpapa von Sarah Judith Mettke. Nach einem Streit mit der Mutter erfährt die 15jährige Maren, daß ihr Vater, den sie seit Jahren nicht gesehen hat, mittlerweile transsexuell ist. Heimlich macht sie sich auf, um ihn bzw. sie zu besuchen, doch schnell wird klar, daß die neue Situation beide Frauen herausfordert. Auch wenn Mettke in Transpapa ihre eigene Erfahrung, einen transsexuellen Vater zu haben, verarbeitet, ist es kein therapeutischer Film geworden. Mit viel Gespür für feinsinnigen Humor und respektvollem Problembewußtsein nähert sie sich den Fragen von Toleranz und eigener Befindlichkeit. Nachwuchsschauspielerin Luisa Sappelt ist dabei eine Entdeckung, kann sie doch dem großartigen Spiel von »Transpapa« Devid Striesow standhalten und ihm auf Augenhöhe begegnen.

Der Fritz-Raff-Drehbuchpreis ging in diesem Jahr an Lars Blumers für sein Buch zu seinem Film Mike. Die Jury lobte die enorme Leichtigkeit, das bestechende Timing und die präzise Situationskomik des Drehbuchs – auf der Leinwand hingegen wirkte der Film eher etwas orientierungslos in seiner Erzählweise und auch das Humorzentrum der Jury vermag wohl ein anderes gewesen zu sein.

Beinahe ärgerlich aber ist der Interfilm-Preis für Dr. Ketel von Linus de Paoli. Der Film spielt in einer nahen Zukunft, in der das Gesundheitssystem zusammengebrochen ist und ein ehemaliger Pfleger nachts die mittellosen Bewohner von Berlin-Neukölln kostenlos behandelt. Herausgekommen ist prätentiöser Unsinn, der ungelenk den Film noir imitiert, mit Musik und Atmo überfrachtet ist, in fast jede Klischeefalle tappt und mit seinem betont ethischen Unterton ermüdend wirkt.

Überraschend erfreulich hingegen der Preis für den besten Dokumentarfilm, der an Der Papst ist kein Jeansboy von Sobo Swobodnik ging. Das Publikum wiederum honorierte die komödiantischen Aspekte des Festivals: Im Bereich Langfilm ging der Preis an den skurrilen Roadtrip von Felix Stienz Puppe, Icke & der Dicke, als besten Kurzfilm wählten die Zuschauer Mädchenabend von Timo Becker.

So zeigten sich die ausgezeichneten Filme ebenso facettenreich wie das Programm selbst. Und einen besseren Beweis für die Mannigfaltigkeit des deutschsprachigen Nachwuchskinos kann es ja kaum geben. 2012-01-23 17:22

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