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Clermont-Ferrand 2012

festival du court métrage clermont-ferrand. F 2012.
Clermont-Ferrand, 27.1. – 4.2.12
Vincent Macaiges Ce qu'il restera de nous, Gewinner der nationalen Sektion

Die Schaltzentrale des Kurzfilms

Von Dieter Wieczorek Jedes Jahr aufs Neue: Um die 200 000 Menschen sind unterwegs zu den 15 Spielstätten der rein dem Kurzfilm gewidmeten Programme aus aller Welt, Menschen aller Alterschichten, überwiegend mit Schreibgerät versehen, Notizen machend, diskutierend... ein in deutschen Landen unvorstellbares Phänomen.

Clermont-Ferrand ist eines der größten, wenn nicht das größte Kurzfilmfestival weltweit, in Verbindung mit Hunderten internationalen Institutionen und eingebettet in die hoch subventionierte französische Filmindustrie, um die alle Welt diese Nation beneidet. Die Publikumsballung ist Ergebnis einer ununterbrochenen Zusammenarbeit mit Schulen und Universitäten, die sich oft in Form von zusätzlichen Jurys konkretisiert. Das Festival Clermont-Ferrands ist eine reibungslos laufende Riesenmaschine, die in ihrem Zentrum einen vitalen Filmmarkt beherbergt, deren Mitglieder sich seit Jahren kennen und schätzen. Jeden Spätnachmittag laden sich die Vertreter der unterschiedlichen Länder gegenseitig zu Imbiß und Umtrunk. Dort plaudert man zwanglos und entwickelt neue Projekte. Wenn zuweilen ein langjähriger Kollege gezwungen ist abzutreten, wie die für ihre Herzlichkeit bekannte Griechin Paulo Starakis, dann sammelt sich die ganze Schar um ihren Stand zum Abschied und das Festival offeriert ein zusätzliches Buffet für das geschundene Land. Dem tragischen Tod des jungen, stets hilfsbereiten und engagierten Spaniers Juan Escudero auf der Anreise nach Clermont-Ferrand, wurde durch eine Schweigeminute gedacht, zugleich widmete das Festival ihm seine Abschlußzeremonie. In Clermont-Ferrand findet sich noch diese Sensibilität für eine Lebenskultur, neben allem Professionalismus, die selten geworden ist.

Zum Umtrunk geladen werden allabendlich neben den Marktmenschen ebenso die Filmemacher, ins dem Zentralgebäude gegenüber liegenden Hotel Oceanie. Allnächtlichen Partys und Rezeptionen folgend.

Für die Wettbewerbsprogrammauswahl hingegen kann eine solch panoramisch angelegte Maschine nicht immer überzeugende Ergebnisse liefern. In die Pflicht genommen, nahezu die gesamte französische Kurzfilmkultur des letzten Jahres in zwölf Programmen zu resümieren, ist es kaum zu vermeiden, daß viele der Beiträge kaum von Originalität gekennzeichnet sind. Auch der Wille, so viele Länder wie möglich in die internationalen Wettbewerbsprogramme zu integrieren, läßt auch dort viele Schwachstellen spürbar werden.

Besonders zu beklagen ist der Mangel einer effizienten Präsentation des komplexen, enigmatischen und nicht narrativen Kurzfilms. Die in fünf Programmen angelegte »Labo«-Sektion, die diese Filme zu sammeln hätte, ist nicht nur weniger als halb so groß wie die anderen Programmblöcke, sie teilt sich ihre Programmzeit auch mit Animationsfilmen, die wiederum eine »Welt für sich« darstellen. Hier kann Clermont-Ferrand nicht mit Rotterdam konkurrieren, wo eine Fülle dieser Arbeiten jährlich angeboten wird, zur gleichen Zeit bedauerlicherweise, wie das französische Festival.

Das umfangreichste Sonderprogramm dieses Jahres war eine in sechs Filmblöcken großzügig angelegte Präsentation des kubanischen Kurzfilms der letzten Jahre. Die hervorzuhebenden Werke beeindrucken durch die realistische Rekonstruktion eines Lebensgefühls zwischen Zukunftsverunsicherung, Überlebensmanagements und Nostalgie angesichts eines einstigen Kubas. Vor allem den Jugendlichen der 80er-Generation ist Aram Vidal Alejandros Dokumentarfilm Generation Off gewidmet. Die unterschiedlichsten Lebensstimmungen fängt Sandra Gomez in ihrem Film Die Zukunft, das ist jetzt ein, derart jeder tendenziellen Simplifizierung entgehend. Unter die stärksten Beiträge ist auch das sensible Porträt des jungen Transvestiten Marcel zu rechnen, das die Form der Selbstdarstellung nutzt, um ein auch in Kuba angefeindetes Leben außerhalb der sexuellen Norm zu veranschaulichen.

Bereits vor drei Jahren begann man in Clermont-Ferrrand, dem kinematographisch noch brachliegenden afrikanischen Kontinent drei Programme zu widmen. Diese Übung hielt auch dieses Jahr an. Doch läßt sich der Eindruck nicht verhehlen, daß dieser überraschend stark und innovativ begonnene Filmblock nun seichter geworden ist und mehr zu plakativen Arbeiten tendiert. Die in Erinnerung bleibenden Werke sind dokumentarisch angelegt, wie die Arbeit des aus Madagaskar kommenden Films Fragmente des Lebens Laza Razanjatovos, das Porträt des in psychiatrischen Einrichtungen arbeitenden Musiktherapeuten Rajery, oder die Darstellung des mühsamen Überlebens der allein stehenden Mutter Yvete in Bukina Faso durch die Filmemacher Marie Bassolé und Ferdinand Bassano.

Die »Palmarès« gingen in der nationalen Sektion an Vincent Macaiges Ce qu'il restera de nous (Was von uns bleibt), eine Aneinanderreihung hysterischer Lebenskrisen eher aggressiver Art mit anschließender Versöhnung, in der internationalen Sektion an Gu Eun Yoon (Südkorea), für ihr Gast betiteltes Werk, ein Porträt einer ebenfalls hysterischen jungen Eifersüchtigen, die in die Wohnung ihrer Kontrahentin eindringt und angesichts derer auf sich allein gestellte Kleinkinder langsam zu einem Stimmungswechsel veranlaßt wird. Die eben noch pur gehaßte Feindin konturiert sich zu einer Frau im Überlebenskampf, der nicht einfacher ist als ihr eigener.

Der nationale Jurypreis ging an Le Sole, entre l'eau et le sable (Die Seezungen zwischen Wasser und Sand), eine phantastische, poetisch-wissenschaftliche Rekonstruktion der Lebensbedingungen der Seezungen, kommentiert und veranschaulicht in einem gutbürgerlichen Appartement im Zusammenspiel einer abgemagerten Dame beachtlichen Alters und ihrer jungen Familienangehörigen: grotesk, surreal und durchaus originell. Der internationale Jurypreis ging an den Schweizer Beitrag Einspruch VI, eine wohlgemeinte, aber etwas hölzern und kaum überzeugend durchgespielte Rekonstruktion des faktischen Todes eines nach einem Hungerstreik zum Ausflug festgebundenen nigerianischen Exilanten in der Schweiz. Dieses Thema sah man in anderen Beiträgen, selbst schweizerischen, wie in The Forteress von Fernand Melgar, schon eindringlicher behandelt.

Der »Labo«-Preis wurde dem Italiener Yuri Ancarani für Il Capo zugesprochen, eine choreographisch elegante dokumentarische Arbeit über die Arbeitsvorgänge in den Marmorfelsen Italiens, wo ein Koordinator schweren Arbeitsgerätes ein symphonisches Orchester zu dirigieren scheint, eine überraschend andere Sicht auf Schwerarbeit. 2012-03-14 15:33
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