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Tampere Film Festival 2012

42.Tampere Filmfestival. FIN 2012. L: Jukka-Pekka Laakso.
Tampere, 7. – 11.3.12
Hypermarket-Kansa von Paula Korva

Heiß und kalt

Von Claudia Siefen Die Wettbewerbsfilme des Internationalen Festivals in der kleinen finnischen Universitätsstadt Tampere bringen menschliche Geschichten in den Mittelpunkt. Das Festival verbindet jenen jugendlichen Reiz der Stadt und die Tatsache, daß das Festival nun seit 42 Jahren stattfindet, auch in seinem Programm. Etablierte Filmemacher und Nachwuchsregisseure stehen sich hier gleichwertig gegenüber. Das Nationale Filmarchiv Helsinki gibt dem Ganzen einen filmhistorischen Reiz und überzeugt mit einer politisch spannenden Mischung – trotz fehlender Untertitel.

Bedächtig fegt der alte Ladenbesitzer den Schnee von den Stufen, grüßt eine vorbeihastende Passantin und schaut in der Eingangstür zu seinem Lebensmittelgeschäft, auf den Besen gestützt, noch einmal in jene Richtung, wo er das 15 Kilometer entfernte Einkaufszentrum vermutet, bevor er dann, in Hemd und Krawatte gekleidet, wieder hineingeht, um gemeinsam mit seinem Bruder die Waren in die Regale zu sortieren. Kleine Gesprächsfetzen zwischen den Brüdern, ein unendlich klingelndes Telefon und die Kamera von Marianne Lagus fährt mit einer großen Zärtlichkeit die gut befüllten Regale entlang. Es ist hier alles etwas langsamer und natürlich persönlicher als im musikbeschallten und grell beleuchteten Supermarkt. Die Sehnsucht nach Verlangsamung findet hier ihre adäquate Umsetzung ohne weinerlich zu werden. Der dokumentarische Kurzfilm Hypermarket-Kansa (Hypermarket Nation) von Paula Korva erhielt den Hauptpreis des Nationalen Wettbewerbs.

Als experimentelles Kleinod zeigt sich Timmy, tule takaisin (Timmy come home) von Juha van Ingen. Der Zweimüter bringt das sehnsuchtsvolle Warten des flauschigen Kino- und Fernsehhundes Lassie auf sein Herrchen Tommy, beide ein pures amerikanisches Synonym für Heile-Welt-Stimmung, im rhythmischen Flackern bedrohlich auf den Punkt und bleibt auch in seiner technischen Ausführung im Gedächtnis haften.

Ein weiterer Preisträger, die finnisch-ruandaische Koproduktion Sydämeni takka (Burden of my heart) von Iris Olsson und Yves Nyongabo, überzeugt mit der Wichtigkeit seines Themas und beeindruckt aber vor allem in seiner bildlichen Umsetzung. Die Kamera von Olsson mitsamt der Dramaturgie bleibt klar und schafft Raum und konturierte Kontraste innerhalb der Einstellungslängen. 16 Jahre nach dem Genozid spricht ein Tutsi von seinen Träumen und dem, was er sich privat weiterhin aufbauen will. Spricht er zunächst sachlich, bringt sein eintretender emotionaler Stimmungsumschwung dann auch den Wechsel des Drehortes mit sich: »Wirklich schlimm ist, daß ich nichts mehr fühlen kann.« Der Film erhielt den Hauptpreis des Nationalen Wettbewerbs für Filme mit einer Länge über 30 Minuten.

Mit einer fachlich beeindruckenden Umsetzung von animierten und realen Szenen streckt Posledný Autobus (The Last Bus) von Martin Snopek und Ivana Laucikova mit seiner Botschaft wenig dezent den moralischen Zeigefinger in die Luft. Aber ein solcher Holzhammer ist zeitweise durchaus erfrischend: Die Tiere des Waldes flüchten in einem Bus vor den Jägern, um nach ihrer Entdeckung durch selbige, jedes Einzelne in ein moralisches Dilemma zu fallen. Wie ist sich in einer solchen Extremsituation zu verhalten? Welche Erwartungen werden irregeleitet und inwiefern spielen Vorurteile wohl auch in der Tierwelt eine Rolle? Der Film erhielt den Großen Preis des Internationalen Wettbewerbs.

Der ungarische Animationsfilmemacher und »König« der surrealen Sandwelten Ferenc Cakó war mit einem Programm von 18 Filmen (1982-2009) vertreten und innerhalb seiner Masterclass auch als Gast anwesend. Ab Ovo (1987), eine Sandanimation, die Cakós zentrales Thema der menschlichen Verzweiflung und Selbstvernichtung in sandigen Wellen symbolisiert, wurde 1988 in Cannes als bester Animationsfilm ausgezeichnet. Und auch Hamu (1994) konnte man sich noch einmal anschauen: die poetische Auseinandersetzung mit dem vereinsamten und durch politische Umstände zur Sprachlosigkeit gezwungenen und letztendlich in Asche versinkenden Menschen gewann 1994 in Berlin den Goldenen Bären als Bester Kurzfilm. Aber auch aktuellere animierte Arbeiten wie Arc (Face, 2007) und Érintés (Touch, 2009): von der Sprachlosigkeit und Blindheit verursachenden Gesichtslosigkeit innerhalb einer politischen Welt und dem sehr persönlichen Portrait seines Vaters.

Innerhalb der Carte Blanche stellte die finnische Regisseurin Saara Cantell ein sehenswertes und aufregendes Kurzfilmprogramm zusammen und brachte ein wenig Oberhausener-Glücksgefühle in den Kinosaal. Filme als reine Poesie, wie zum Beispiel Härlig är jorden (World of Glory, 1991) des schwedischen Altmeisters des Absurden Roy Andersson (z. B. Songs from the Second Floor, 2000), der hier die Diskrepanz von menschlicher Befindlichkeit und gesellschaftlicher Fassade aufzeigt. Und Surprise! (1996) von Veit Helmer: das handkolorierte Kleinod zeigt uns den Liebhaber, wie er vor dem Verlassen der Liebsten eine wild-konstruierte Mordanlage in Gang setzt und dann ist nach Erwachen der Schönen doch nicht alles so, wie es schien. Matka (A Journey, 1983) von Pirjo Hokkanen, der uns in einem verkratzten Schwarzweiß einen Mann zeigt, wie er unter großer Anstrengung einen Koffer den Hügel hinaufschleppt. Was mag da drin sein und warum dieser Kraftaufwand, den Koffer an welches Ziel auch immer zu bringen? Kafkaesk birgt der Koffer nichts als einen lauten Schrei, doch der Albtraum soll erst auf dem Rückweg beginnen. Der Stummfilm Dwaj ludzie z szafa (Two Men and a Wardrobe, 1958) von Roman Polanski begleitet die Anstrengungen zweier Männer, die sich auf ihrem Weg durch die Stadt wie besessen ihrer Kleidung entledigen wollen und Merci! (2003) von Christine Rabette, bei dem sich eine alltägliche, bedrückende U-Bahnfahrt zu einer wahren Lachorgie hochschaukelt. Und schließlich der sympathisch-verträumte Le Cheval 2.1 (2003) von Stephen Scott-Hayward und Alex Kirkland, in dem uns ein Herr im Anzug, über eine sonnige Wiese rennend, von seinem allgegenwärtigen Traum erzählt: »So lange ich denken kann, träume ich davon, ein Pferd zu sein. Aber...«

Die Vorfreude auf das historische Programm des National Audiovisual Archive Helsinki wurde ein wenig gedämpft: Sämtliche Filme ohne englischsprachige Untertitel – des Finnischen leider nicht mächtig war dies teilweise problematisch. Da frage ich mich, warum das Archiv die Filme für das Ausland tatsächlich als so uninteressant einstuft? Kuratiert wurde das Programm wieder von Raimo Silius: Expeditionsfilme wie Hollanin itä-intiasta 1926-1938 (Kooste) (From Dutch East Indies 1926-1938) von Edward Rosenlund; Arktisia Matkakuvia (Scenes from an Arctic Journey) von Sakari Pälsi aus dem Jahr 1917; die Produktionsfirmen OY Filmiseppo und Suomi-Filmi Oy waren mit Nachrichtenmaterial und Dokumentationen vertreten wie Lauri Kristian Relander aus dem Jahr 1957, einem Portrait und eine Aneinanderreihung von Staatsbesuchen des zweiten finnischen Präsidenten (1925-1931). Politisches und Modisches, Gregory Peck besucht Helsinki, ebenso wie Danny Kaye; Ilse Werner pfeift bei einem Propagandaauftritt; Zarenbesuche aus dem Jahr 1915 bis zu Godard aus dem Jahr 1965 (Französisch, ah!). Aber auch humorvolle, gesungene Persiflagen wie Suomi-filmin sotilaspila 1 – Leikki sijansa saakoon (War Joke No.1) mit den schauspielernden finnischen Volkshelden Tatu Pekkarinen und Matti Jurva aus dem Jahr 1940. Ein Portrait der Stadt Helsinki von der Produktionsfirma Apollo aus den Jahren 1907-1910 namens Finland gilt als ältester erhaltener Film über Finnland, in seiner Gesamtlänge von 21 Minuten wurden hier zehn gezeigt: Neben Helsinki-Impressionen gibt es russische Offiziere beim Spaziergang am Strand des Hanko Kasinos zu sehen. Grandios auf jeden Fall und eine Untertitelung würde diese Schätze auch international zugängig machen. Wünschenswert. 2012-03-23 16:47
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