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DocsBarcelona 2012

15. Internationales Dokumentarfilmfestival Barcelona.
E 2012.
Barcelona, 31.1. – 5.2.12
How I Filmed the War (Yuval Sagiv, Kanada 2010)

Hoffnungsfunken nach katalanischer Art

Von Andreas Strasser Das gab es noch nie in der langwährenden Geschichte des berühmten Barceloneser Opernhauses Gran Teatre del Liceu, in dem schon musikalische Schwergewichte wie Klemperer, Strawinski oder Strauss den Taktstock schwangen: Dieses Jahr wird die Oper ihre Pforten für zwei Monate schließen. »Die traurigste aller Opern« steht auf großen Bannern geschrieben, mit denen Mitarbeiter der Oper gerade vor Auftakt des internationalen Dokumentarfilmfestivals DocsBarcelona im Stadtzentrum demonstrieren. Die 393 Mitarbeiter, so sieht es ein Beschäftigungsplan der Opernleitung vor, bleiben für die Monate der Schließung ohne Brot und Lohn. Grund ist die spanische Wirtschaftskrise und der damit verbundene Ausfall staatlicher Subventionen. Der Imageschaden für das Opernhaus, aber auch für die Stadt Barcelona, die sich gerne als kulturelles Zentrum Spaniens und als Weltstadt sieht, ist beträchtlich. Was das Beispiel zeigt: Es sind schlechte Zeiten für die Schönen Künste auf der iberischen Halbinsel.

Selbst wenn man sich nicht besonders für europäische Wirtschaftspolitik interessiert, konnte man in den vergangenen Monaten nicht umhin, die Krisennachrichten aus Spanien zu vernehmen. Der viertgrößten Wirtschaft in der Eurozone geht es schlecht: Die Zahl der Arbeitslosen ist enorm, das Land hat gerade erst eine zweijährige Rezension überstanden. Die neue Regierung setzt ein drastisches Sanierungsprogramm durch. Daß ein solches zunächst am Kulturetat ansetzt – davon ist auszugehen. Die Filmkunst bleibt davon nicht unberührt: das katalanische und spanische öffentlich-rechtliche Fernsehen, die katalanische und spanische Filmförderung – alle haben ihre Budgets bereits heruntergeschraubt. Und das vor allem zum Leidwesen unabhängiger Produzenten und Filmemacher.

In Zeiten wie diesen stellt sich die kulturpolitische Gretchenfrage: Womit kann ein Dokumentarfilmfestival, das sich auf die Fahnen schreibt, »die Realität« abzubilden, in einem Land aufwarten, das die höchste Jugendarbeitslosenquote Europas vorzuweisen hat? Bereits in den Grußworten des Festivaldirektors Joan Gonzàlez, also jenes Mannes, der den Dokumentarfilm in Katalonien und Spanien in der vergangenen Dekade salonfähig gemacht hat, stößt man sogleich auf eine couragierte Antwort: »Wir müssen in der Lage sein, »pa amb tomàquet« [also »Tomatenbrot nach katalanischer Art«, allegorisch als »Hoffnungsfunken« zu verstehen; d.V.] herzustellen. Mit anderen Worten: Wir müssen positive Energie erzeugen, damit Filme, die die »Realität« als Ausgangsmaterial verwenden, der Gesellschaft hoffnungsvolle und erbauende Botschaften übermitteln können – oder zumindest Botschaften mit Kampfgeist, gegen die Entmutigung.«

Doch kann das Festival dieses beherzte Vorhaben auch erreichen? Die Hauptsektion des Festivals, kuratiert vom renommierten, europäischen Dokumentarfilmguru Tue Steen Müller, eröffnet mit Elinor Burketts iThemba (Hoffnung), einem Film, der bereits auf dem Dokumentarfilmfestival in Amsterdam den Sonderpreis der Jury abräumte: eine Gruppe behinderter Jugendlicher gründet eine Musikgruppe in Simbawe und verschafft sich durch ihre Musik Anerkennung und Respekt. Durch den Zusammenhalt und die Kraft der Musik überschreitet die Gruppe physische und geistige Grenzen. The Human Tower ist ein Film, der von den bekannten, katalanischen Menschenpyramiden – den Castells – erzählt. Auch hier geht es um Zusammenhalt und darum, daß man etwas erreichen kann, wenn man gemeinsam handelt. ¡Vivan las Antipodas!, der neue Film des russischen Filmemachers Victor Kossakovsky, sucht Orte auf, die sich geographisch exakt auf der anderen Seite des Erdballs gegenüber liegen. Hier werden Gegensätze vereint und Zusammenhänge gesucht, wo auf den ersten Blick überhaupt keine vorzufinden sind. Und in How I Filmed the War analysiert der Dokumentarfilmer Yuval Sagiv schlußendlich den Film des britischen Lieutenants Geoffrey Malins, der eine der verheerendsten Schlachten des Ersten Weltkriegs filmte. Dabei kommt er Ungereimtheiten auf die Spur, die Fragen nach den Umgang mit der Wahrheit aufwerfen.

Auch wenn die Bandbreite der gezeigten Filme überaus heterogen war und die einzelnen Filme aus verschiedenen Ländern stammen und unterschiedliche Sprachen und Realitäten wiedergaben – sie zielten doch alle in dieselbe Richtung: Hoffnung, Solidarität und Courage. Damit konnten die meisten Filme des Dokumentarfilmfestivals dem programmatischen Anliegen der Festivalleitung gerecht werden und klar machen, daß der Mensch nicht nur vom Brot allein lebt. Gerade in diesen Zeiten braucht es Hoffnungsfunken, neue Ansätze und Ideen, wie mit der Krise und ihren gesellschaftlichen Auswirkungen umgegangen werden kann. Das DocsBarcelona war sechs Tage lang ein Ort, um diese Ideen zu diskutieren, ausgehend von Dokumentarfilmen, die eine universale und deutliche Sprache sprachen – wider die Stagnation, Furcht und Trübsal. 2012-02-08 13:51
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