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Filmfest Dresden 2012

24. Filmfest Dresden International Short Film Festival. D 2012. L: Karolin Kramheller, Katrin Küchler, Alexandra Schmidt.
Dresden, 17. – 22.4.11
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Ein Fest der kleinen Erzählungen

Von Matthias Wannhoff Filme nach ihre Länge zu gruppieren, ist auf Kurzfilmfestivals so selbstverständlich, daß die Frage nach Fug und Recht einer solch formalen Rasterung bisweilen in Vergessenheit gerät. So soll es auch sein, denn auch der Berlinale kann man die weitgehende Fixierung auf den Langfilm schwer vorhalten. Und doch kehrte die Frage auf dem diesjährigen Filmfest Dresden unter Hand wieder, als der niederländische Regissseur Aaron Rookus aus dem Publikum gefragt wurde, warum er aus seinem Mißbrauchsdrama Woensdagen (siehe den letzten Blog-Eintrag) denn keinen Langfilm gemacht habe – der Stoff hätte es ja hergegeben. Die Antwort war so einfach wie tiefschürfend: Bis Gelder und Leute für eine abendfüllende Produktion gefunden würden, vergingen in der Regel halt gut und gerne mal ein paar Jahre. Macht der Kurzfilm also bisweilen bloß aus der Not eine Tugend? Anders gefragt: Bleibt das Alleinstellungsmerkmal der kleinen Form lediglich ihre Kürze oder vermag das Format auch qualitative Akzente zu setzen, die in keinem Langfilm aufgehen würden?

Die vielleicht überzeugendsten Argumente für die zweite These kamen in der vergangenen Festival-Woche aus dem französischen Sprachraum. Die Produktionen Alexis Ivanovitch vous êtes mon héros und Sybille (beide Frankreich) und A quoi tu joues (Schweiz) verbindet nicht nur ihre Liebe zu rasanten und pointenreichen Wortwechseln sowie ein über die Werke hinweg miteinander verbandelter Stab an Jungdarstellern, sondern noch mehr die erzählerische Finesse, mit der Universalien wie (öffentliche und private) Demütigung, Eifersucht und Selbstzweifel an ganz konkrete Alltagssituationen gekoppelt werden – ganz wie im Leben, das sich ja ebenfalls nicht nachträglich durch die zusammenfügende Rückschau von Augenblicken definiert, sondern über diese Momente selbst. Durch einen Langfilm jedenfalls würden diese Episoden nicht tragen, eingegliedert in eine größere Erzählung würde ihnen dagegen notgedrungen die Strahlkraft genommen. Diese Filme müssen kurz sein.

Nehmen wir Alexis Ivanovitch vous êtes mon héros: Diese kleine Geschichte, die stellvertrend für so vieles steht, was aktuell in der Debatte um die »neue Männlichkeit« und die vermeintliche Sehnsucht nach mehr Testosteron hochgekocht wird, verdient einfach ihren eigenen Film: Ein junges Paar unterhält sich angeregt in einem Straßencafé. Etwas ganz und gar Gewöhnliches passiert, der männliche Gesprächspartner wird vom Nebentisch nach einer Zigarette gefragt. Er lehnt – auch dies ist noch nichts Besonderes – ab, hat jedoch nicht die Rechnung mit dem Nebenmann gemacht, der nämlich ein selbstgerechtes Ekelpaket ist, das dem jungen Mann vor den Augen der Freundin mit voller Wucht ins Gesicht schlägt. Wie sich der Gedemütigte sodann nicht mehr traut, seiner Freundin unter die Augen zu treten, und wie er sich vergeblicherweise selbst zum Schläger aufschwingen will, um die Erniedrigung zu kompensieren, ist so anrührend und charmant, daß man seinem Darsteller Swann Arlaud, diesem sehnigen Keinerweltstypen mit dem kantigen Gesicht, nur den größten Erfolg wünschen möchte – gerne auch in einem Langfilm.

Dorthin dürfte es auch für Philipp Döring gehen. Sein Halbstünder Nagel zum Sarg erhielt den mit 20.000 Euro höchstdotieren Preis des Festivals von der Sächsischen Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst. An dieser Stelle sei kurz an die im SCHNITT #65 von Matthias Glasner und Klaus Lemke berührte Frage erinnert, welche Negativfolgen die vermeintlich schützende Hand von Bund und Kommunen für die bezuschussten Produktionen eigentlich hat. Im Falle der in Ostberlin verorteten Nachkriegsparabel vom Sargnagel ist jedenfalls das zu beobachten, was der Ingenieur eine »Rückkopplung« nennen würde: Ein Film wird mit Landesgeldern subventioniert und in Zusammenarbeit mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen umgesetzt, dann mit dem Prädikat »besonders wertvoll« und nun vom Sächsischen Kunstministerium geadelt, auf daß er alsbald in die Welt der Staatsdiener, nämlich als Stoff für den Deutschunterricht in die »neuen Länder«, zurückfließen möge.

Gerade im Vergleich mit den französischsprachigen Beiträgen fällt an Nagel zum Sarg nämlich auf: Was streckenweise wie eine gestelzt intonierte Prosarezitation in gehobener Tatort-Ästhetik wirkt – im Grunde ist die Adaption der gleichnamigen Erzählung von Wolfgang Kohlhaase auch eben das –, könnte dem Leben wie auch dem Kino kaum ferner stehen. Hoffnung macht da, daß mit soviel Pädagogentum zwar offenkundig das meiste Geld, nicht unbedingt aber die Gunst des Publikums gewonnen werden kann: So ist der vom Publikum am heftigsten gefeierte – und auch per Abstimmung ausgezeichnete – Beitrag, die britische Animation A Morning Stroll, mit ihrem Zeitreise-Plot, der Freude am Slapstick und Splatter-Einlage der wohl denkbar unpädagogischste Gewinner. Sei's drum, ein Festival war schon immer mehr als seine Preise. Am Ende steht fest: Dreizehn oder zwölf Jahre Deutschunterricht sind genug. Sechs Tage Filmfest Dresden im Jahr hingegen, mit solch durchdachter und sich sektionsübergreifend auf bestechend hohem Niveau haltender Programmierung, sind definitiv zu wenig. 2012-04-24 12:24

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