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Sehsüchte 2012

41. Internationales Studentenfilmfestival der HFF Konrad Wolf. D 2012. L: Lydia Bienias, Tobias Krell, Kim Richter.
Potsdam-Babelsberg, 24. – 29.4.12
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Schöntrinken nicht nötig

Von Marieke Steinhoff Es läßt sich wohl kaum leugnen, daß Trinkfestigkeit von Vorteil ist, will man in der Filmbranche Fuß fassen. So scheint es nur konsequent, daß der internationale Filmnachwuchs bei der Eröffnung der 41. Ausgabe des Internationalen Studentenfilmfestivals Sehsüchte der HFF Konrad Wolf nicht nur mit dem obligatorischen Begrüßungssekt empfangen wurde, sondern anschließend im Kinosaal mit einem, unter jedem Sitzplatz befestigten Fläschchen Whiskey weitermachen konnte. Nicht nur dieser kleine Überraschungsgag sorgte im bis auf den letzten Platz besetzen Kinosaal für gute Stimmung – überhaupt erfreute der Abend durch die erfrischende und überaus professionelle Moderation der drei Festivalleiter, die verhältnismäßig kurzen und mit klaren Appellen versehenen Reden der Unterstützer und einem abwechslungsreichen ersten Filmblock, der auf die folgenden fünf Festivaltage einstimmte.

130 Filme aus 30 Ländern stehen auf dem Programm, vom experimentellen Dokumentarfilm zur verspielten Animation, vom Musikvideo zum abendfüllenden Spielfilm reicht das Spektrum der Sehsüchte, und die allesamt hohe Qualität der für den Eröffnungsfilmblock ausgesuchten Beiträge spricht für die Programmauswahl der jungen Festivalmacher. Ein perfekter Start gelang mit dem Kurzfilm Nun sehen Sie Folgendes von Erik Schmitt und Stephan Müller, eine Art Lehrstück über die Vorhersehbarkeit und Abstrusität so manch fiktiven Filmschaffens, indem anhand einer Verfolgungsjagd altbewährte Genrekonventionen und technische Pannen im Stile eines DVD-Audiokommentars parodisiert und ad absurdum geführt werden.

Ein weiteres Highlight war der israelische Animationsfilm Livyatan (Blue Whale) von Sivan Kidron, der auch zwei Tage später im so genannten »Mittelmeer-Block« noch einmal zu sehen war. Kindheitserinnerungen an den eigenen Großvater werden hier mit nur wenigen Strichen und einzelnen Farbakzentuierungen zum Leben erweckt und in einen eigentümlichen, zärtlich-versponnenen Bilderkosmos überführt, der die subjektive Sicht des kleinen Mädchens auf den alten Mann auf berührende Weise wiederzugeben weiß. Sie hätte ihren Opa kurz vor seinem Tod als sehr bizarre Gestalt empfunden, wie einen Wal, der auf das Meer wartet, ihn endlich zu holen, erzählte die Filmemacherin im Gespräch. So ist denn auch der Großvater als riesige blaue Wal-Gestalt gezeichnet, die sich schwerfällig zwischen Herd und Küchentisch bewegt – und die kindliche Trauer über seinen Tod wird mit der Vorstellung überwunden, den Großvater-Wal schwimmend im Meer zu erblicken.

Keine Erlösung von ihrer Trauer finden wiederum die Protagonisten in Akram Hidous ergreifendem Dokumentarfilm Halabja – The Lost Children, der am Donnerstag im Block »Another Time, Another Place« lief. Sie alle haben bei dem 1988 durchgeführten Giftgasanschlag auf die hauptsächlich von Kurden bewohnte irakische Stadt Halabja Familienangehörige verloren und suchen teilweise noch immer verzweifelt nach Überlebenden, insbesondere nach den Kindern, die im Chaos des Angriffs von ihren Eltern getrennt wurden. Hidous ist bei seiner Annäherung an dieses historische Massaker weniger an politischen Zusammenhängen, denn an den persönlichen Geschichten der Betroffenen interessiert, deren Erzählungen er ganz im Sinne einer »Oral History« unkommentiert für sich stehen läßt. Obwohl sich Halabja – The Lost Children manches Mal im Stimmengewirr seiner Protagonisten verliert, ermöglicht er doch eine bisher vernachlässigte Innenansicht auf die damaligen Ereignisse. 2012-04-27 14:06

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