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Sehsüchte 2012

41. Internationales Studentenfilmfestival der HFF Konrad Wolf. D 2012. L: Lydia Bienias, Tobias Krell, Kim Richter.
Potsdam-Babelsberg, 24. – 29.4.12
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Wie man liebt

Von Marieke Steinhoff Für den Programmierer Tim ist es die große Rettung, für das Partymädchen Marissa ihr größtes Hinderniß – die Möglichkeit, im Netz nach neuen Bekanntschaften zu suchen und sein Innenleben via Facebook und Co für eine virtuelle Außenwelt verfügbar zu machen. In Küss mich tiefer von Eleni Katsoni können wir einem Vollprofi in Sachen digitaler Selbstdarstellung bei der Arbeit zusehen: Die 20jährige Marissa ist immerzu online und läßt ungeniert all ihre »Follower« an ihrem ausschweifenden Sexleben teilnehmen. Doch dann trifft sie Jonas, der so gar kein Interesse daran zeigt, Teil ihrer virtuellen Lebenswelt zu werden – und so muß sich Marissa für die Offlinewelt entscheiden, um Jonas näherkommen zu können. Ein moralisches Lehrstück also, daß seine Kritik gegen den zeitgenössischen virtuellen Exhibitionismus richtet und eine recht altmodisch anmutende Message näherbringen will – glücklicherweise verpackt Katsoni diese in einer knallbunten, mit aufwendigen visuellen Effekten versehenen Komödie, wo fliegende Pop-ups und Applications auf eine ungebändigte Spielfreude treffen.

Für die Liebe im Netz spricht wiederum die Geschichte von Tim und Sarita. Tim lebt in in den USA, ist ein begabter Bastler und Tüftler, Mormone – und schrecklich schüchtern. Reale Kontakte zu Frauen hatte er eigentlich bisher nicht, die Kommunikation übers Internet fällt ihm wesentlich leichter, und so ist es schließlich nur konsequent, dort auch nach der Frau seines Lebens zu suchen. Weit entfernt in Nepal lebt wiederum Sarita, der es auch eher schwer fällt, auf Menschen zuzugehen. Nach drei Monaten Skype-Kontakt entschließen sich die beiden zu heiraten, und Tim macht sich auf ins fremde Kathmandu. Es wäre ein leichtes gewesen, die Geschichte von Tim und Sarita mit einem belustigten Unterton zu erzählen, bietet doch gerade der nerdige Tim einige Angriffsflächen. Doch Love Hacking von Jenni Nelson (die neben der Regie auch für Produktion, Kamera und Schnitt verantwortlich zeichnet) nähert sich seinem Protagonisten unglaublich liebe- und respektvoll, ohne seine Naivität und partielle Ignoranz auszusparen, die den dramaturgischen Reiz des romantisch veranlagten Protagonisten erst bedingen.

Nicht einmal ein Handy besitzen wiederum die Protagonisten in Opowiesci z chlodni (Frozen Stories) von Grzegorz Jaroszuk, zwei Supermarktangestellte, die ihr einsam-ödes Dasein zwischen tiefgekühlten Schweinekörpern und schlechten TV-Sendungen fristen – bis sie von ihrem Chef dazu aufgefordert werden, ein Lebensziel zu finden. In Kaurismäkischer Manier agieren diese beiden »unglücklichsten Menschen der Welt« wortkarg und ohne expressive Gesten in einem skurril anmutendenen Umfeld. Atmosphärisch präzise und radikal entschleunigt erzählt Opowiesci z chlodni vom Unglücklichsein in einer unglücklichen Welt und von der Zweisamkeit als rettendes Moment, ohne dabei jeweils ins pathetisch Romantische abzurutschen. Zwar mag das Ende vorhersehbar sein, nichtsdestotrotz besticht Grzegorz Jaroszuks Kurzfilm durch seinen eigenwilligen Stil und eine hohe formale Geschlossenheit.

Ob überdreht-frivol, nerdig-naiv oder autistisch-neurotisch – alle drei Filme eint, daß sie uns Protagonisten näher bringen, die auf den ersten Blick nicht unbedingt als Sympathieträger funktionieren, deren unkonventioneller Art der Lebens- und Liebesbewältigung man sich dann aber doch nicht entziehen kann. 2012-05-01 11:26

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