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Crossing Europe 2012

Crossing Europe Filmfestival Linz. A 2012. L: Christine Dollhofer.
Linz, 24. – 29.4.12
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Frühlings Erwachen

Von Cornelis Hähnel Würde man an übersinnliche Fügung glauben, könnte man diesen Festivalblog mit einer kuschelromantischen Beobachtung beginnen, in der man erzählen könnte, daß Linz bei der Ankunft naß und verregnet war, am Eröffnungsabend (der sich mit der Bronte-Adaption Wuthering Heights von Andrea Arnold, der Doku Six Milion and One von David Fisher, der animierten Doku Crulic von Anca Damian und dem Apokalypsen-Szenario Hell von Tim Fehlbaum als Quartett präsentierte) sich die Wolkendecke lichtete und der erste Festivaltag dann bei strahlendem Sonnenschein begangen werden konnte. Allerdings wäre so eine Einleitung dann doch arg pathetisch und, falls denn höhere Mächte ihre Finger im Spiel haben sollten, relativ unlogisch, denn eigentlich müßte es aus Eimern schütten, damit alle gern im Kino sind. Andererseits ist das Spitzenwetter wiederum ein Lob an das Programm des Crossing Europe Festivals, das es trotz Sonne schafft, die Kinosäle zu füllen.

Im Frühling des Lebens und von guten Mächten wunderbar geborgen ist auch die 13jährige Marta in Corpo Celeste. Nachdem sie zehn Jahre in der Schweiz gelebt hat, kehrt sie mit ihrer Familie zurück nach Italien. Hier ist die Religion Teil des Alltags und Marta muß im Zuge ihrer anstehenden Firmung den Religionsunterricht besuchen. Doch mit ihren Fragen öffnet sie nicht gerade die Herzen ihrer Lehrerin und des Pastors. Die italienische Regisseurin Alice Rohrwacher erzählt in ihrem Spielfilmdebüt die Geschichte eines pubertierenden Mädchens, das eher ungewollt aneckt. Auf der einen Seite gerät sie mit ihrer Schwester aneinander, wenn es darum geht, die Aufmerksamkeit der Mutter zu erlangen, zum anderen fühlt sich die katholizistisch geprägte Umgebung provoziert von ihrer unbedarften Neugier. Rohrwacher spielt dabei mit ikonographischen Bildern, die sie mit einem subtilen Humor umspielt, ohne daß sie damit zur Bilderstürmerin avanciert. Überhaupt betreibt sie keine generelle Religionskritik, sondern thematisiert die unhinterfragte Selbstverständlichkeit des institutionalisierten Glaubens.

Ebenfalls mit dem Thema Pubertät beschäftigt sich Apflickorna (She Monkeys) von Lisa Aschan. Die Ausgangssituation klingt dabei wie die Persiflage eines Tocotronic-Songs: Die junge Emma ist neu in der Voltigierschule. Dort lernt sie Cassandra kennen, die beiden kommen sich bald näher, doch die Beziehung ist von Anfang an ambivalent. Irgendwo zwischen Freundschaft, sexueller Anziehung, Neid und Eifersucht begegnen sich die beiden Mädchen. Apflickorna ist ein Film über die erwachende Sexualität und über die Unfähigkeit, adäquate Ausdrucksweisen bzw. Kanäle für die eigenen Emotionen zu finden. Lisa Aschan überträgt die irrlichternden Gefühle der Pubertät auf die Leinwand. Jede Szene ist dabei von einer eigenwilligen Entrücktheit, verschroben und vertraut zugleich. Doch gerade aufgrund dieser durchgehenden Komplexität ist Apflickorna so wunderbar, denn er schafft es, dem Zuschauer das irrationale Verhalten in jenem Alter erschreckend klar in Erinnerung zu rufen. Ein wunderbar kluger Film, der sich glücklicherweise nicht der Komik verwehrt.

Und noch ein »Spring Chicken« findet sich im Wettbewerb: Die 17jährige Avé lernt beim Trampen den jungen Kamen kennen, der auf dem Weg zur Beerdigung eines Freundes ist und beschließt ihm zu folgen. Ihr eigentliches Ziel hingegen bleibt unklar, wie so vieles andere auch, denn Avé erfindet ständig neue Geschichten und Identitäten. Doch bei ihrem Trip durch Bulgarien schimmert nach und nach Avés wahres Ich durch. Avé ist der Debütfilm des bulgarischen Regisseurs Konstantin Bojanov und ist ein klassisches Roadmovie, das mit der Fahrt durch das Land auch von einer Reise zu sich selbst erzählt. Doch gerade durch seine wunderbare Hauptdarstellerin weiß der Film zu überzeugen. Anjela Nedyalkova verleiht Avé eine eigenwillige Indifferenz, die trotz aller Abgeklärtheit und scheinbarer Stärke ein verletztes und ängstliches Mädchen dahinter erkennen läßt. Ein Mädchen, das sich mit ihren Lügen einen Schutzwall aufbaut, um nicht verletzt zu werden. Bojanov inszeniert seine gebrochene Protagonistin mit viel Sympathie und so werden aus den spielerischen Spinnereien Momente von berührender Tiefe. 2012-04-28 11:39

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