— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Crossing Europe 2012

Crossing Europe Filmfestival Linz. A 2012. L: Christine Dollhofer.
Linz, 24. – 29.4.12
02

Gemeinschaft

Von Cornelis Hähnel Gesellschaftskritische Filme sind ein wesentlicher Bestandteil des Crossing Europe Filmfests. Mit präzisem Blick werden Schieflagen und Mißstände aufgespürt und auf die Leinwand gebracht. Der polnische Künstler Wilhelm Sasnal blickt zusammen mit seiner Frau Anka mit Z Daleka Widok Jest Piekny (It looks pretty from a Distance) in die Abgründe der polnischen Provinz. In einem kleinen Ort mitten in der Pampa verdient Pawel sein Geld als Schrotthändler und lebt zusammen mit seiner senilen Mutter in einem kleinen Häuschen. Der Alltag ist hart und Pawel träumt davon, mit seiner Verlobten ein neues Leben zu beginnen. Doch eines Tages verschwindet er spurlos und die Dorfbewohner reagieren eigenwillig auf sein Verschwinden. Man merkt, daß Sasnal aus der Bildenden Kunst kommt, und so ist in_Z Daleka Widok Jest Piekny_ (der 2011 auf dem New Horizons Festival als Bester Neuer Polnischer Film ausgezeichnet wurde) jede Einstellung einem Gemälde gleich. Anka und Wilhelm Sasnal machen den Titel des Films zum Programm, sie erschaffen wunderschöne Bilder des ruralen Lebens, um dann nach und nach die Abgründe der Gesellschaft darin herauszuarbeiten. Ein dunkler Film in sonniger Dorfidylle, der den Zuschauer wortkarg in den Strudel der menschlichen Untiefen zieht.

Ebenso soghaft ist Play vom schwedischen Regisseur Ruben Östlund, der bereits 2009 mit De Ofrivilliga (Involuntary) im Wettbewerb von Crossing Europe vertreten war. Und auch in Play lotet Östlund das perfide Spiel psychologischer Manipulation aus. Play erzählt, basierend auf wahren Begebenheiten, von einer Gruppe junger Migranten, die immer wieder Kinder und Jugendliche abziehen, ohne dabei körperliche Gewalt oder explizite Drohungen anzuwenden. Östlund begleitet in seinem Film drei Jungen, die zufällige Opfer der Bande werden. In langen Plansequenzen erzählt er den Überfall, der eher einer Entführung gleicht, da sie (gefühlt) einen ganzen Tag dauert, ebenso statisch wie neutral. Und durch eben jene radikale Neutralität wird der Film so streitbar, denn natürlich kann man sich fragen, ob man mit dem Bild der skrupellosen schwarzen Täter nicht Vorurteile bedient, ebenso zeigt der Film seine Opfer als reine Opfer und weigert sich, Partei für sie zu ergreifen. Doch genau diese neutrale Haltung ist die Stärke des Films, der den Zuschauer selbst in die Hilflosigkeit verweist und ihn permanent in den Seilen hängen läßt, ohne ihm ein Angebot der Erlösung zu unterbreiten. Ein ebenso kluger wie polarisierender Film, der Mechanismen von Gewalt, Rassismus und Vorurteilen aufzeigt und den Zuschauer zwingt, selbst Stellung zu beziehen.

Am Rande der Gesellschaft steht auch Louise Wimmer im gleichnamigen Film des Franzosen Cyril Mennegun. Louise wohnt in ihrem Auto und wartet darauf, daß das Sozialamt ihr eine Wohnung zuteilt. Wie sie in diese Lage gekommen ist, erfährt man als Zuschauer glücklicherweise nicht. Denn es ist die Stärke von Louise Wimmer, daß er nicht versucht, zu erklären und psychologisieren, sondern einzig eine Frau, die einst ein geordnetes Leben hatte (so viel erfährt man im Laufe des Films), begleitet, wie sie mit Würde und Ausdauer versucht, einen Weg aus der Misere zu finden. Vor allem Hauptdarstellerin Corinne Masiero vermag mit ihrer grandiosen Präsenz den Film zu tragen. Sie verleiht ihrer Figur jenen Grad von Verzweiflung, der von immer wieder einem unbändigen Durchhaltewillen korrigiert wird. Überhaupt tut Mennegun gut daran, nicht in eine Sozialromantik zu verfallen und seine Protagonistin letztlich nicht zu bestrafen. Ein wunderbarer, optimistisch stimmender Film, eine Momentaufnahme des Kummers und des gleichzeitigen Wissens, auch diese Phase durchzustehen. Ohne viel zu wimmern. 2012-04-28 19:55

Weitere Artikel

© 2012, Schnitt Online

Sitemap