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Internationales Frauenfilmfestival 2012

Internationales Frauenfilmfestival Dortmund | Köln. D 2012. L: Silke J. Räbiger, Christina Essenberger.
Köln, 17. – 22.4.12
Zefir von Belma Bas gewann den Hauptpreis des Festivals

Träumen und Wagen

Von Ulrike Mattern Filmfestivals bieten traditionell keine Heimstatt für die leichte Muse, es sei denn, sie widmen sich gezielt dem Genre der Komödie. Wer sich amüsieren möchte, fühlt sich im regulären Kinoprogramm meist besser aufgehoben. Dieses Jahr gab es beim Internationalen Frauenfilmfestival in Köln aber etwas zu lachen, und zwar immer wieder bei der Episode »Wilder Tilsiter« aus dem Experimentalfilm 143 Wagnisse der Schweizer Regisseurin Claudia Roemmel, der als Trailer des Festivals gespielt wurde und bei jeder Vorführung im Publikum zu Erheiterung führte. Darin schneidet eine Frau Käse auf einem Brett in Stücke, den sie danach auf die Handoberfläche legt und mit einem exakt platzierten Schlag in den Mund schnellen läßt. Ihrem ansteckenden Lachen und der geschickten Ausführung konnte man sich selbst nach mehrfachem Wiedersehen nicht entziehen – ein herrlicher Irrwitz, den man unter www.143wagnisse.ch sehen kann.

Im Internationalen Debüt-Spielfilmwettbewerb ging es aber, bleiben wir kurz im Bild, um mehr als Käse. Mit 10.000 Euro ist der Wettbewerbspreis, der in dieser Sektion alle zwei Jahre in Köln vergeben wird, zwar gut, aber noch immer ausbaufähig dotiert. Am Standort Dortmund, an dem das Internationale Frauenfilmfestival im selben Turnus alternierend stattfindet, wird ein Preisgeld in Höhe von 25.000 Euro an etablierte Regisseurinnen ausgelobt – und seit 2011 erstmals geteilt: 15.000 Euro erhält die Filmemacherin, 10.000 Euro geht an den deutschen Verleih. Im Fall des Vorjahressiegers Attenberg hat sich diese »Anschubfinanzierung« bewährt: Das Kölner Label Rapid Eye Movies bringt den griechischen Film jetzt ins Kino. Das Festival wolle, sagt Stefanie Görtz, eine der Kuratorin beider Spielfilmwettbewerbe, Filmemacherinnen zu einem kontinuierlichen Filmschaffen ermutigen, und dazu gehöre, daß ihre Arbeiten den Weg ins Kino fänden. Bei der Auswahl zum Debütwettbewerb, bei dem Erstwerke im Spielfilmbereich präsentiert werden, habe sie wiederum gelernt, auf »Details zu achten«. Bereits vor dem Festival stand fest, daß zwei der Spielfilme aus dieser Reihe (Spanien, 17 Mädchen) ins Kino kommen.

Kommen wir also zu den Details: Acht Beiträge, von Regisseurinnen aus Belgien, Brasilien, Frankreich, Georgien, Marokko, Österreich, der Türkei und den Vereinigten Staaten, waren in diesem Jahr in Köln zu sehen. Die Jury, besetzt mit der deutschen Schauspielerin Julia Jentsch, der chinesischen Regisseurin und Schriftstellerin Xiaolu Guo, die ihren Film Ufo In Her Eyes in der Sektion Panorama zeigte, und der mexikanischen Filmkritikerin Lucy Virgen, vergab den Hauptpreis an den türkischen Beitrag Zefir von Belma Bas. Eine lobende Erwähnung sprach sie für den französischen Film 17 Mädchen der Schwestern Delphine und Muriel Coulin aus, der am 14. Juni startet.

Beide Filme verbinden ein Coming-of-Age-Thema mit divergenten visuellen und narrativen Konzepten. Zefir steht in der Tradition des türkischen Arthouse-Kinos, das, wie u. a. Regisseur Semih Kaplanoglu mit dem Golden Bären für Bal (Honig) auf der Berlinale 2010 bewies, Erfolg auf internationalen Filmfestivals hat. Zefir, nach der Premiere vor zwei Jahren auf dem Filmfestival in Toronto nun in Köln in deutscher Erstaufführung zu sehen, wählt eine vergleichbare Bildsprache und stellt ebenfalls ein Kind ins Zentrum des Geschehens: Die elfjährige Zefir wird von ihrer Mutter während der großen Ferien bei den Großeltern in den Bergen »geparkt«. Sie stromert allein durch die idyllische Landschaft, seltener mit dem Nachbarjungen, der ein Herz für sie hat, aber abgewiesen wird; das Mädchen streift mit seinem Großvater durch den Wald, sucht Pilze, begräbt mit ihm verendete Tiere und hält bei all dem immer sehnsüchtig Ausschau nach der Mutter. Als diese endlich zurückkommt, ist es nur auf Zeit. Zefir soll bei den Großeltern leben, während ihre Mutter eine neue Aufgabe annimmt; ob es sich dabei um eine politische Tätigkeit handelt, bei der die Tochter im Wege wäre, um Überforderung oder den Egoismus einer Rabenmutter – ihre persönlichen Motive bleiben vage. Dafür schwelgt der Film in Naturmotiven: Schnecken, Schmetterlinge, Erdkruste und Baumgipfel in Großaufnahme, ausführlich werden Beerdingungsrituale toter Tiere in Szenen gesetzt. Zefir lernt von ihrem Großvater, die Kadaver mit Zweigen, Moos und Steinen sorgsam zu bedecken, bis nichts mehr von ihnen übrig ist und sie sich wieder mit der Natur verbunden haben. Zu einem späteren Zeitpunkt, nach einer vorhersehbaren Wende, nimmt die Erzählung diese Rituale in einem symbolischen Abnabelungsprozess wieder auf.

Wo Zefir schemenhaft konturiert und sich in einem Naturmystizismus verliert, dessen Einsilbigkeit hin und wieder durch programmatische Songzeilen (»Ich möchte nur ich selbst sein«) aufgelockert wird, ist 17 Mädchen anschaulich: In einem Küstenstädtchen der Bretagne, der Plot soll auf einer wahren Geschichte basieren, die sich in den USA zugetragen habe, langweilt sich eine Gruppe Schülerinnen; die Tristesse ihres Alltags fängt die Kamera mit Porträts der Teenager in ihren farbig dekorierten Mädchenzimmern oder im Fast-Food-Restaurant ein; Aufnahmen, die wie Stillleben inszeniert sind. Als eine der Wortführerinnen, die von allen bewunderte Camille, schwanger wird, animiert sie ihre Freundinnen, es ihr nachzutun und sich von ihren Mitschülern schwängern zu lassen. Nach und nach macht dieses Modell Schule, bis 17 Mädchen auf dem Gymnasium ein Kind erwarten. Lehrer und Eltern sind hilflos, die werdenden Väter verliebt, verblüfft oder mit der Situation überfordert. Der Film hat mit seinem somnambulen Auftakt (im Jahr einer Marienkäfer-Invasion aus heiterem Himmel) und seiner Erzählform zwar absurde bis märchenhafte Züge – man muß wohl Katholik sein, um diese ironische Brechung der Teenager-Schwangerschaft als »frohgemute Herausforderung gegen die vorherrschenden gesellschaftlichen Konventionen und die morbiden Vorurteile einer erstarrten, mit Verhütung und Abtreibung operierenden lebensfeindlichen Erwachsenenwelt« zu interpretieren (Guiseppe Nardi bei »Katholisches – Magazin für Kirche und Kultur«) –, er nimmt die Entscheidung der Mädchen für »200 Prozent Leben« vs. «Scheißleben.com« aber ernst und spielt die daraus resultierenden familiären Konflikte und gruppenspezifischen Dynamiken durch.

Ähnlich haltlos und einsam wie diese jungen Protagonistinnen wirkten auch die um einiges älteren Frauen, die in der Sektion Panorama in amerikanischen Independent-Filmen zu entdecken waren. Wie immer umwerfend charakterfest: Melissa Leo, die im vergangenen Jahr den Oscar als beste Nebendarstellerin für The Fighter bekommen hatte. In Francine, dem Spielfilmdebüt von Melanie Shatzky und Brian M. Cassidy, will sie sich nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis eine neue Existenz aufbauen; beharrlich tastet sie sich in der fremden Umgebung vor, unfähig im sprachlichen Ausdruck, selten beendet sie ihre Sätze. Unsicher knüpft sie Kontakte, findet Arbeit und stößt an Grenzen zwischenmenschlicher Kommunikation. Inseln der persönlichen Freiheit sind rar: ihre Arbeit als Pferdepflegerin, die sie wieder aufgeben muß; das Schwimmen im Seerosenteich; der Alltag mit ihren Haustieren, die sie mit Zuneigung überschüttet und mit denen sie eine Wohnung teilt, die mit fortschreitender Isolation von der Außenwelt verwahrlost. Desillusioniert, aber deutlich kontaktfreudiger beim anderen Geschlecht ist die Kellnerin, die in The Off Hours von Megan Griffiths in einem rund um die Uhr geöffneten Diner an einem Autobahnkreuz arbeitet. Wie in einem Kammerspiel läßt Griffiths ihre Figuren zwischen Morgen und Nacht umeinander kreisen, stellt Verbindungen her oder läßt sie ins Leere laufen.

Erweiterte Grenzen, persönliche und politische, lotete der Fokus auf Dokumentar- und Spielfilme aus der arabischen Welt aus, die vor dem so genannten Arabischen Frühling entstanden waren und die Sichtweise arabischer Regisseurinnen formulierten. Neben dem Dokumentarfilm Perforated Memory von Sandra Madi, der den Alltag ehemaliger PLO-Widerstandskämpfer in Jordanien zwischen ihren Erinnerungen an heroische Tage und der Beantragung von Unterstützung auf den Fluren und in den Zimmern eines Büros der Organisation zeigt und damit – so Irit Neidhardt, Kuratorin dieser Reihe – an einem Tabu rührt, konnte man einen epischen Klassiker des feministischen Kinos aus Tunesien entdecken: Das Schweigen des Palastes von der Regisseurin Moufida Tlatli, entstanden 1994. Er spielt in den letzten Jahren der Monarchie, Ende der 50er-Jahre, und schildert in Rückblenden das Leben in einem Fürstenpalast aus der Sicht der unehelichen Tochter einer Dienerin, die ihren Platz im Leben sucht und als Sängerin in einem Nachtclub arbeitet. Die Mauern des Palastes, das dort verordnete Schweigen, und die soziale Struktur der Zeit begrenzten das Leben ihrer Mutter und der Dienerschaft. Doch auch in der Gegenwart lassen sich nicht alle Sehnsüchte erfüllen – in ihrem Fall der Wunsch nach einem Kind, und zwar einem Mädchen. So schließt sich, der Punkt ist willkürlich gesetzt, an dieser Stelle der Kreis zu den 17 Mädchen im Frankreich der Gegenwart, die ihr persönliches Glück durch einen kollektiven Pakt erreichen wollen und deren letzter Satz lautet: »Ein träumendes Mädchen kann niemand aufhalten.« 2012-05-02 13:31
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