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Festival del film Locarno 2012

65° Festival internazionale del film di Locarno. CH 2012. L: Olivier Père.
Locarno, 1. – 11.8.12
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Erste Liebe und andere Ungeheuer

Von Christine Dériaz Pünktlich am ersten Mittwoch im August beginnt das Internationale Filmfestival von Locarno. Dieses Jahr fielen somit Schweizer Nationalfeiertag und Festivaleröffnung zusammen. Bei fast tropischen Temperaturen forderte Festivalpräsident Marco Solari,

weiterhin daran zu arbeiten, daß sich Locarno in der Spitzengruppe internationaler Festivals halte, und versprach die Freiheit und Unabhängigkeit der (Film-)Kunst zu verteidigen. Denkbar, daß er mit seiner flammenden Rede kulturpolitische Seitenhiebe verteilt hat, die Sympathie der anwesenden Filmschaffenden hatte er auf jeden Fall damit auf seiner Seite. Und während im Rest des Landes die Bundesfeiern mit Feuerwerken endeten, begann das Festival auf der Piazza Grande mit wüsten Prügeleien und rasanten Verfolgungsjagden, The Sweeny von Nick Love erzählt die Geschichte einer Londoner Polizei Sondereinheit, bekannt dafür, wenig zimperlich aber effizient Verbrecherbanden zu erledigen. Die Struktur solcher Geschichten ist bekannt, die »guten«, wenn auch ruppig-rauen, Bullen müssen miese, aber gut vernetzte Kriminelle jagen und werden dabei von langweiligen, gesetzestreuen Schreibtischbeamten behindert. Dazwischen, viel Gefluche, Bier und Kameradschaft und eine ganze Menge verschrotteter Autos; man bekommt was man von so einer Konstellation erwartet, spannende Unterhaltung, mit nicht zu dick aufgetragenen Klischees. Ein schöner Anfang also.

Der erste reguläre Festivaltag beginnt mit dem Dokumentarfilm Winter, go away gedreht von 10 Moskauer Regiestudenten. In einer spannenden Reportage zeigen sie den recht uneinheitlichen Widerstand gegen Putin und sein »Einiges Russland«, sie drehen bei Demonstrationen, Wahlveranstaltungen und Diskussionen oder befragen Menschen auf der Strasse. Die Stärke des Films ist, daß aus einer Fülle heterogenen Materials ein einheitliches, spannendes Ganzes wurde.

Gänzlich unspannend hingegen der mexikanische Film Los mejores temas von Nicolas Pereda: statische Bilder, in denen Figuren Text von sich geben, von dem man als Zuschauer nicht weiß, was man damit anfangen soll, die Kurzbeschreibung im Katalog hilft auch nicht so recht weiter, wären die Sitze nicht so unbequem, hätte man im Saal prima einschlafen können.

Hellwach wurde man dafür bei Jack und Diane von Bradley Rust Gray, einer Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Mädchen. In eigentümlichen Bildern erzählt, immer wieder unterbrochen von etwas, das Angst macht und an Horrorfilme erinnert, das man anfangs nicht genau sieht, berührt diese erste Liebe mit viel Zartheit zwischen den Figuren, unterstreicht die kleinen Gesten und Blicke, ohne sich in plumpen Stereotypen zu verzetteln. Das drohende Grauen materialisiert sich dann doch noch mit allen dazugehörigen Schockeffekten und Blutrünstigkeiten, interpretieren kann das dann jeder auf seine Weise. Der Tag endet auf der Piazza Grande mit Lore der Australierin Cate Shortland. Das Gute zuerst: es hätte schlimmer kommen können, und die Darsteller, allen voran Saskia Rosendahl, sind sehr stark und gut inszeniert. Trotzdem bleibt die Geschichte um 5 Kinder einer Nazifamilie, die am Ende des Kriegs, auf sich allein gestellt, versuchen, von Süddeutschland zu ihrer Großmutter nach Nordfriesland zu kommen, schwach. Sehr schöne Bilder, postkartenhafte Großaufnahmen mit kleinen, malerischen Unschärfen am Bildrand, aber trotzdem schaffen sie nicht den inneren Kampf der ältesten Tochter zu vermitteln, die, mit der Naziideologie aufgewachsen, plötzlich vor dem ideologischen Nichts steht, gleichzeitig die Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister übernehmen muß und den Hauch einer ersten Liebe erfährt. So bleibt die Geschichte blaß, obwohl ihre Einzelteile durchaus Potenzial hätten. Schade eigentlich.

Tag zwei beginnt mit einem Doppelpack Leoparden von Morgen, in der Vorstellung internationaler Regisseure ragen zwei heraus, darunter der Pole Tomek Matuszczak mit Serce do walki. Ein junger Mann verliebt sich in eine junge Frau, alles könnte schön sein, auch im tristen Randgebiet einer polnischen Stadt, aber ihr Bruder gehört zu den einen Hooligans, er gehört zu den anderen Hooligans. Prügeleien mit schwerem Geschütz sind an der Tagesordnung, und so wird aus der möglichen Liebe eine Unmöglichkeit, und unausweichlich eskaliert die Rivalität der beiden Banden. Romeo und Julia in Polen, gedreht in klarem Schwarzweiß, unaufhaltsam und konsequent in seiner Brutalität. Grellbunt dagegen der mexikanische Film Ismael von Sebastian Hofmann. Ohne Worte, aber in starken, rhythmisch akzentuierten Bildern wird ein junges Geschwisterpaar gezeigt. Die kleine Schwester sitzt vor dem Fernseher, der etwas größere Bruder versucht, nachdem die Mutter ihren Rausch weiter ausschläft, Frühstück zu machen, sich zu kümmern. Die bunten Farben stehen im Kontrast zur Trostlosigkeit in der sich die beiden Kinder befinden, und obwohl der Kleine die Handgriffe kennt, hat er die Handlungen noch nicht im Griff, ist überfordert, und läßt am Ende seine Machtlosigkeit am nächst Schwächerem, dem ebenfalls vernachlässigten Hund, aus. Sieben Minuten konzentrierter Grausamkeit, die unter die Haut geht.

Auch bei den nationalen, also Schweizer, Jungleoparden zwei besonders gelungen Filme, L'amour bègue von Jan Czarlewski; die verzweifelten Versuche eines stark stotternden Studenten eine Freundin zu finden, die Geschichte ist lustig ohne sich lustig zu machen, gut gespielt und voller hübscher Regieeinfälle, mit einem Ende, das hoffen läßt ohne mit dem Happy-End-Stempel zu winken.

Homo Sapiens Cyborg von Stefano Mosimann fängt an wie ein Horrorfilm: Eine junge Frau, Nachts alleine auf der Strasse, wird verfolgt, rennt weg, wähnt sich in Sicherheit, doch, nein, das Auto, das sie verfolgt ist wieder da, drohend, Scheinwerfer, wäre es ein Pferd, es würde unruhig mit den Hufen scharren, der Alptraum endet, als die Frau mit dem Rücken zur Wand nicht mehr flüchten kann. Ab da beginnt eine surreale Liebesgeschichte zwischen ihr und dem Wagen... Klingt verrückt? Genau, ist es auch. Aber schön verrückt!

Szenenapplaus, lautes Gelächter, tosender Schlußapplaus, und das alles bei einem Dokumentarfilm, genaugenommen bei einem Schweizer Dokumentarfilm? Ja, das ist möglich, zumindest wenn der Film Image Problem heißt. Der erste Langfilm von Simon Baumann und Andreas Pfiffner ist so rotzfrech und voller Ideen, daß man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Auf sehr persönliche Weise gehen sie der Frage nach, wie man das schlechte Image der Schweiz retten könnte. Dafür lassen sie sich von Experten die Regeln des guten Imagefilms erläutern, fragen Herrn und Frau Schweizer nach deren Bild von der Schweiz, fahren in die Berge, an die Seen, sogar ins benachbarte Deutschland, lassen die Menschen Dummes und Gescheites in die Kamera erzählen, provozieren ein bißchen, nerven und gehen dabei vor, als hätten sie ein seltenes Tier entdeckt, das sie jetzt analysieren. Unterbrochen und strukturiert wird durch extreme Zeitrafferaufnahmen, in denen die Szenerie aussieht wie lebendig gewordenes Spielzeug, kommentiert mit Text, der wie zufällig beim Drehen entstandene Kommentare der Regisseure wirkt, aber pointiert und gekonnt nachlässig platziert wurde. Das Image des humorlosen Schweizers hat der Film auf jeden Fall widerlegt.

Auf der Piazza dann noch mal eine Liebesgeschichte: Ruby Sparks von Jonathan Dayton und Valerie Faris, auch hier wird sich nicht einfach romantisch lustig verliebt, sondern wird mit viel Witz die Geschichte eines Schriftstellers erzählt, der nicht nur sein zweites Buch wegen Schreibblockade nicht hin bekommt, sondern auch unfähig ist, eine Frau kennenzulernen, bis er sich seine Traumfrau schreibt, die dann plötzlich wahrhaftig in seinem Leben auftaucht. Doch wie immer beim Wünschen und Zaubern, hinterher ist es schwierig mit den buchstabengetreuen Wünschen auch fertig zu werden. Eine wirklich lustige, originelle romantische Komödie, die Spaß macht. 2012-08-11 18:24

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