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Festival del film Locarno 2012

65° Festival internazionale del film di Locarno. CH 2012. L: Olivier Père.
Locarno, 1. – 11.8.12
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Was weiterhin geschah

Von Christine Dériaz Wie schon im letzten Jahr, gibt es auch diesmal fast jeden Abend Preise und Ehrungen und: Stars! So wurden bisher auf der Piazza Grande Charlotte Rampling, Alain Delon, Leos Carax, Ornella Muti und, mit stehenden Ovationen, Harry Belafonte, gefeiert. Olivier Père gibt sich redlich Mühe, den roten Teppich auch zu nutzen, obwohl er in seinem 3 Jahr als künstlerischer Direktor immer noch steif und schüchtern auf der Bühne steht und die Stars ihm, je nach Neigung, ganz schön auf der Nase rumtanzen. Die Programmauswahl bisher war unspektakulär, wenig wirklich Schlechtes, aber auch noch nichts Überragendes, nichts wirklich Originelles, nichts Atemberaubendes. Aber noch ist nicht mal ganz Halbzeit, kann also noch werden. Nur nicht die Hoffnung aufgeben, schließlich hat nach zwei Tagen auch der Regen aufgehört.

Tag 3 begann mit einer Enttäuschung, Stefan Haupt findet in Sagrada zwar teilweise schöne Bilder der Sagrada Família in Barcelona, hat zum Teil interessante Interviewpartner, verschenkt insgesamt aber sein Potenzial, mit unentschlossenem Schnitt – lange Schwenks, die, kaum zu Ende, schon geschnitten werden – oder mit einem sinnlos bedeutungsschwer gesprochenem Kommentar.

Im Hauptwettbewerb dann zunächst Une Estonienne à Paris von Ilmar Raag, ein netter Film, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Geschichte, estnische Frau kommt als Pflegerin zu alter, sich ekelhaft verhaltender Dame, Streitereien, Geschrei, und am Ende haben sie sich gern! Alles hübsch gemacht, nicht aufregend, aber immerhin mit einer immer noch sehr sehenswerten Jeanne Moreau.

Besser und auch origineller Mobile Home von François Pirot: zwei Mitdreißiger wollen ihr belgisches Kaff verlassen und ihr eher trostloses Leben endlich ändern und kaufen sich daher ein riesiges Wohnmobil. Die Geschichte mischt derben Spaß und Ernsthaftigkeit, und spielt, ohne zu sehr ins Detail zu gehen, mit verschieden Familienstrukturen, Visionen und verloren geglaubten Träumen der beiden Protagonisten. Arraianos von Eloy Enisco ist eine Zeitreise in eine vergessene Welt, in ein Bergdorf im spanischen Galizien. Strenge, stille, sehr schöne Bilder vom Dorf, ergeben ein ethnographisches Leporello und werden unterbrochen aber auch akzentuiert von extrem stilisiert vorgetragenen Fragmenten eines galizischen Textes; schwer wirklich zu fassen, ein vertontes Bildgedicht. Wegen einsetzenden Platzregens dann die Filme auf der Piazza abgebrochen, schade um Wrong von Quentin Dupieux.

Die herausragenden Leoparden von Morgen aus Tag 4, Joe Vanhoutteghem nutzt für Rivers Return Match-cuts, ineinander fließende Kamerabewegungen, choreographierte Darsteller und Kostüme, die wenn die Darsteller sich umdrehen, eine ganz andere Figur erscheinen lassen, das alles in konstanter Bewegung um am Ende dort anzukommen, wo der Film angefangen hat, alles im Fluß, alles ein Kreislauf. Bei Los Retratos von Iván D. Gaona bewegt sich eher wenig und doch schließt sich am Ende ein Kreis. Statt eines Huhnes, das ihr zu teuer ist, bring eine alte kolumbianische Frau eine Polaroidkamera, die sie gewonnen hat, vom Markt mit nach Hause. Nachdem ein Nachbarsohn ihr gezeigt hat um was es sich da überhaupt handelt, fängt sie, mit großer Begeisterung und rührender Naivität, an Bilder von sich, ihrem Mann, ihrer Umgebung zu schießen, bis die Bildkassette leer ist. Am Ende verkauft sie dem Nachbarn ihre Kamera und kommt so doch zu ihrem Huhn, und posiert fröhlich mit ihrem Teller in der Hand für ein Photo.

Doppelvorstellung dann am Abend, zunächst Quelques heures de printemps von Stéphane Brizé, tief bewegend, wie angekündigt, ist der Film zwar nicht, aber nachdenklich macht er schon. Nicht so sehr wegen der am Ende stattfindenden Sterbehilfe, als wegen der sich davor abspielenden Sprachlosigkeit zwischen Mutter und Sohn, zwischen Sohn und neuer Freundin, eine Sprachlosigkeit, die in den ziemlich langen Einstellungen, in denen die Kamera einfach beobachtet, ihre Entsprechung findet. Man kann als Zuschauer gleichzeitig sowohl die putzsüchtige, rechthaberische Mutter als auch den rücksichtslos tobenden, herumbrüllenden Sohn zum Kotzen finden, das ist eine echte Stärke der Geschichte. Eine weitere Stärke sind ihre Darsteller, Vincent Lindon und Hélène Vincent, die auch mit ganz kleinen Gesten sehr viel erzählen können. Der zweite Film des Abends Sightseers von Ben Wheatley ist eine tiefschwarze britische Komödie, in der ein Pärchen mit Wohnmobil durch England fährt und anfängt, Menschen, die sie in irgendeiner Form gestört oder genervt haben, recht blutig umzubringen. So eine Art Natural Born Killers trifft auf Serial Mum. Ist vielleicht nicht jedermanns Geschmack, aber für Fans des Genres, sehr cool.

Tag 5 beginnt mit einem Israelischen Film, Not in Tel Aviv von Nony Geffen. Ein junger Lehrer mit schmelzendem Hundeblick wird gefeuert, entführt eine Schülerin, die sich recht schnell vom Opfer zur Trösterin wandelt, erschießt, da sie ihn darum bittet, seine kranke Mutter, und schafft endlich seine Angebetet in seine Wohnung und sein Bett zu bekommen. All das in Schwarzweiß gedreht, aus zum Teil aberwitzigen Perspektiven und insgesamt wesentlich melancholischer als es vom Inhalt her den Anschein haben mag. Am Nachmittag ein österreichischer Film von Tizza Covi und Rainer Frimmel Der Glanz des Tages. Sieht aus wie eine Doku, ist es aber nicht, oder höchstens zum Teil. Der alte Zirkusartist Walter Saabel trifft auf Schauspieler Philipp Hochmair und hängt sich an ihn, erzählt aus seinem Leben, während Hochmair Rollen lernt, spielt, und dem Prototyp eines Schauspielers mit allen Eitelkeiten entspricht. Das alles mal im verschneiten Hamburg, mal im winterlichen Wien, wo Walter zwischendurch als »Kindermädchen« für die Moldawischen Nachbarskinder fungiert. Ein wenig irritierend diese Vermischung von echt und ausgedacht, aber irgendwie funktioniert es und das Publikum war begeistert.

Zum Ausklang auf die Piazza Grande zu Bachelorette von Leslye Headland, Jungesellinnenabschied in seiner eher drastischen Variante, sprich, die drei Freundinnen der Braut benehmen sich, für amerikanische Verhältnisse wirklich schlecht, saufen, koksen und bumsen sich durch die Nacht, ruinieren ganz nebenbei das Brautkleid, während die Braut versucht zu schlafen. Das ist alles schon ziemlich witzig und frech und gut gemacht und toll gespielt – Kirsten Dunst, Lizzy Caplan und Isla Fischer – aber da es ein amerikanischer Film ist darf es gut ausgehen, keiner nimmt wirklich Schaden und am Ende gibt es sogar zwei neue Pärchen. Na bitte, die Welt gerettet in nur 87 Minuten. 2012-08-12 14:29

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